Skurriler Job

„Meine Arbeit ist die Freizeit der anderen“

Seine Freizeit zu gestalten und eine schöne Zeit mit Gleichaltrigen zu verbringen, ist für die meisten Jugendlichen selbstverständlich. Doch nicht für alle. Junge Erwachsene mit Behinderung verbringen ihre freie Zeit meist mit der Familie oder Behindertenbetreuern, dadurch gibt es ein Abhängigkeits- und Machtgefälle. Der Verein Integration Wien möchte das mit seinen Freizeitassistenten verhindern. Diese begleiten junge Erwachsene mit Behinderung regelmäßig in ihrer Freizeit und helfen ihnen dabei, sie selbstbestimmt zu verbringen. City4U hat mit zwei von ihnen gesprochen.

Integration Wien ist eine Beratungsstelle für Angehörige von Kindern und jungen Erwachsenen mit unterschiedlichen Formen von Behinderung, die für eine unteilbare Integration von Menschen mit besonderen Bedürfnissen in die Gesellschaft arbeitet. Ein wichtiger Bestandteil davon ist die Freizeitassistenz. 22 Männer und Frauen sind derzeit dafür im Einsatz. „Als Freizeitassistent begleite ich junge Menschen mit Behinderung aller Art in ihrer Freizeit, die der Klient nach Möglichkeit selbst gestalten soll, um so Dinge auszuprobieren, zu denen er bis jetzt nur eingeschränkten Zugang hatte“, erklärt Georg List im City4U-Talk.

Formale Ausbildung gibt es für diese Stelle nicht, die meisten Assistenten üben den Beruf als Nebenjob neben dem Studium aus. „Die Jugendlichen, die wir begleiten und wir sollen auf Augenhöhe agieren, deshalb ist es wichtig, dass wir eben keine Lehrpersonen oder Behindertenbetreuer sind“, betont Freizeitassistent David Binder. Schulungen und Supervisionen werden aber durchgeführt. Der 23-Jährige begleitet zwei junge Männer wöchentlich: „Zu den Basics zählen spazieren, Besuche von Museen und Ausstellungen, Kino oder Bars. Auch die Wiener Linien erfreuen sich großer Beliebtheit“, berichtet Binder über die Interessen seiner Klienten. Auch Georg List begleitet zwei Personen und weiß: „Viel wichtiger als die Ausbildung ist zunächst einmal die richtige Einstellung. Will ich Menschen sagen was richtig oder falsch für sie ist oder will ich es gemeinsam mit ihnen herausfinden und sie dabei unterstützen.“

Wie alle anderen auch, haben junge Menschen mit Behinderung das Bedürfnis, ihre Freizeit mit Gleichaltrigen zu verbringen. „Die Freizeitassistenz ist ein Raum, in dem sie sich frei entfalten können. Sich selbst in unterschiedlichen Lebenslagen zu probieren und sich mit anderen Menschen zu vernetzen, ist für eine glückliche und möglichst eigenständige Zukunft von großer Bedeutung“, weiß List. Um den jungen Erwachsenen diesen Raum geben zu können, sind laut Binder vor allem diese Eigenschaften besonders wichtig: „Empathie, Schmäh, Gelassenheit und Durchhaltevermögen.“ Sein Kollege List ergänzt: „Oft wird man in Situationen gebracht, die einem unangenehm oder peinlich sind. Damit muss man sich anfreunden und es eher als Chance sehen, seine eigene Einstellung zu überdenken.“

Doch der Job ist nicht immer einfach, wie der 31-jährige List beschreibt: „Man bewegt sich oft zwischen den Interessen des Klienten, der Eltern des Jugendlichen und der Projektleitung. Da ist viel Kommunikationsarbeit notwendig. Im Fokus steht aber immer der junge Erwachsene als Auftraggeber.“ Manchmal funktioniere die Arbeit von Anfang an, andere Male würde es Monate dauern, bis sich alle eingespielt haben. Doch all das lohnt sich, wenn man an der Entwicklung der Personen, die man begleitet, teilhaben darf. „Es ist schön zu sehen, wie man mit der Zeit den jungen Menschen ans Herz wächst, was natürlich auch umgekehrt gilt“, sagt Binder.

Langweilig ist der Job auch nicht, immerhin erlebt man immer etwas. „Mein ehemaliger Klient ist der Überzeugung, dass er sämtliche Sprachen der Welt spricht. Er hat eine gute Sprachbegabung, dennoch spricht er nicht russisch, japanisch oder chinesisch. Es war aber sehr interessant anzusehen, als er in der U-Bahn eine Gruppe von Asiaten, vermutlich Chinesen, in einem ,Fantasie-Chinesisch‘ angesprochen hat und diese - etwas verwundert und schüchtern, aber höflich - geantwortet haben und ein Dialog entstanden ist“, berichtet List.

Nicht nur die jungen Leute, die die Freizeitassistenz in Anspruch nehmen, lernen etwas fürs Leben, sondern auch die Assistenten, beschreibt Binder: „Ich war im Sommer mit meinem Klient Alex Rikscha fahren. Nach der halben Strecke ließ ich ihn ans Steuer und wir fuhren die halbe Allee im Zick-Zack-Kurs entlang, kamen aber letztlich sicher ans Ziel. Darum geht es auch in diesem Job: Die Zügel in die Hand der Klienten legen und darauf vertrauen, dass sie ihren Weg finden.“

Jänner 2019

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Viktoria Graf
Viktoria Graf
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