10.01.2019 13:20 |

Ein Jahr im Packeis

Forscher lassen Schiff in der Arktis festfrieren

Zu einer spektakulären Expedition in die Arktis werden sich im Herbst Polarforscher aus 17 Ländern aufmachen: Mit dem deutschen Forschungseisbrechers „Polarstern“, den sie im Packeis festfrieren lassen, werden sie ein Jahr lang über den zentralen Bereich der Arktis driften und dabei Daten aus einem der am wenigsten erforschten Gebiete unserer Erde sammeln.

Irgendwo vor der Inselgruppe Sewernaja Semlja werden die Maschinen des 120 Meter langen Schiffes des Bremerhavener Alfred-Wegener-Instituts (AWI) abgestellt. Ab dann wird die „Polarstern“ zum Spielball des Eises, in dem es ein Jahr treiben wird. „Ich habe schon viele Expeditionen mitgemacht, aber diese ist unvergleichlich“, sagt Markus Rex, der schon oft in der Arktis war und die Fahrt leitet.

Drift ohne Antrieb über Polkappe
„MOSAic“, eine Abkürzung für „Multidisciplinary drifting Observatory for the Study of Arctic Climate“, heißt die Forschungsfahrt, die nach rund einem Jahr in der Framstraße vor der Ostküste Grönlands enden soll. Von Februar bis Juni ist die zentrale Arktis eigentlich unzugänglich, weil das Eis dann selbst für Eisbrecher zu dick ist. Die „Polarstern“ soll vom Eis eingeschlossen ohne eigenen Antrieb über die Polkappe driften - nach dem Vorbild der Reise des Norwegers Fridtjof Nansen mit dem Segelschiff „Fram“ vor rund 125 Jahren.

Im Unterschied zur „Fram“ wird die „Polarstern“ nicht auf sich allein gestellt sein. Sie wird auf den ersten und letzten Abschnitten von anderen Eisbrechern versorgt. „Wir brauchen frische Lebensmittel und Treibstoffnachschub“, sagt Expeditionsleiter Rex. Obwohl die Schiffsschraube die meiste Zeit stillstehen wird, werden die Motoren an sein, um die Besatzung der „Polarstern“ mit Wärme und Strom zu versorgen.

Mit Projekt man Klimawandel besser verstehen
Ziel des 120-Millionen-Euro-Projekts „MOSAiC“ ist es, den Klimawandel genauer zu verstehen. Die Arktis gilt als Frühwarnsystem für Klimaveränderungen, sie hat sich in den vergangenen Jahrzehnten von allen Erdregionen am stärksten erwärmt. Zunächst fährt das Schiff von Norwegen aus entlang der sibirischen Küste und dann polwärts ins Eis hinein. Am Ziel angekommen, hat das Team zwei Wochen Zeit, auf dem Eis ein Camp aufzubauen. An mehreren Stationen sollen Messungen im Meerwasser, im Eis und in der Atmosphäre vorgenommen werden. Während der Aufbauphase gibt es tagsüber gerade noch vier Stunden Dämmerlicht. „Das wird richtig hektisch. Ab der zweiten Oktoberhälfte wird es zappenduster“, sagt Rex.

Vorbereitungen laufen auf Hochtouren
Die Polarnacht ist nur eine von vielen Herausforderungen, die es im Vorfeld zu bedenken gibt. Seit Monaten laufen beim AWI die Vorbereitungen auf Hochtouren. Auch Notfallpläne müssen erstellt werden, zum Beispiel für den Fall, dass das Packeis auseinanderbricht, während Wissenschaftler darauf stehen. „Dann gilt es: Erst die Menschen in Sicherheit bringen, danach das Equipment“, sagt AWI-Ingenieurin Bjela König, die für die Gefährdungsbeurteilung zuständig ist.

Gefährlich könnten auch Eisbären werden. Damit die Forscher sicher auf dem Eis arbeiten können, werden bewaffnete Wachen eingesetzt. „Wir müssen genau klären, wie viele Teams gleichzeitig geschützt werden können“, so König. Erschwert werde die Arbeit der Wachen von der Dunkelheit und vom nicht seltenen, dichten Nebel in der Arktis.

AWI-Eisspezialist Marcel Nicolaus ist unterdessen dabei, die Anordnung der Stationen auf dem Eis zu koordinieren. „Die Anzahl sprengt jede bisher bekannte Dimension von anderen Expeditionen“, sagt der Physiker. Damit sich die Wissenschaftler nicht ins Gehege komme, müsse die Scholle genau aufgeteilt werden.

Flugzeuglandebahn auf Packeis geplant
In der Zeit dazwischen soll auf dem dann dicken Packeis mit Pistenraupen eine Flugzeuglandbahn präpariert werden. Im April 2020 soll das erste Versorgungsflugzeug landen können, wenn es für Eisbrecher kein Durchkommen mehr durchs Packeis geben wird. Sollte es den Beteiligten nicht gelingen, eine stabile Landebahn zu präparieren, kommen Langstrecken-Hubschrauber zum Einsatz.

Ein Camp samt Landepiste anzulegen ist deshalb möglich, weil das Eis zusammen mit der „Polarstern“ Richtung Süden driftet. „Unsere Umgebung reist mit uns mit“, erklärt Expeditionsleiter Rex. Solange, bis im Juni 2020 wieder die Schmelzperiode beginnt. Dann wird die „Polarstern“ zwischen Grönland und Spitzbergen vom Eis wieder „ausgespuckt“ - und die Auswertung der bei der Fahrt gewonnen Daten kann beginnen.

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