Mi, 12. Dezember 2018

Salzburg bis New York

07.12.2018 14:54

„Stille Nacht“: Ein Lied geht um die Welt!

2018, also exakt 200 Jahre nachdem es erstmals in Oberndorf erklang, gilt „Stille Nacht! Heilige Nacht!“ als eines der beliebtesten und bekanntesten Weihnachtslieder. Maßgeblichen Anteil daran hatten auch viele Musikgrößen aus verschiedenen Genres, die durch ihre Interpretationen das Stück noch berühmter machten. Zu Weihnachten wird es jedenfalls von rund zwei Milliarden Menschen weltweit gesungen: auf allen Kontinenten und in mehr als 300 Sprachen und Dialekten. Nicht nur die Entstehung, auch die Verbreitung gleicht einem Wunder.

Der 24. Dezember 1818 ist die offizielle Geburtsstunde des Liedes „Stille Nacht! Heilige Nacht!“, vorgetragen von seinen Schöpfern Joseph Mohr und Franz Xaver Gruber. Doch wie erlangte ein Weihnachtslied aus einem beschaulichen Örtchen im Salzburger Land solchen Ruhm in der ganzen Welt? Maßgeblichen Anteil daran hatte Carl Mauracher. Der Orgelbauer aus Fügen im Zillertal erhält den Auftrag, die Orgel in der St.-Nikola-Kirche in Oberndorf zu reparieren. In weiterer Folge wird sie neu gebaut. Auf einer dieser Arbeitsreisen lernt er das Lied „Stille Nacht! Heilige Nacht!“ kennen und bringt es mit in seine Heimat. Das war in den Jahren 1819 sowie 1823 und 1824.

Audienz beim Kaiser
Bereits 1819 fand sich das Lied mit sieben (!) Strophen auch im heute verschollenen Kirchenliederbuch von Blasius Wimmer, Organist und Lehrer in Waidring, wieder. Es ist gut möglich, dass Carl Mauracher das Lied bei seinen „Reparaturreisen“ an ihn weitergegeben hat. Der erste internationale Kontakt erfolgte im Dezember 1822 in Fügen: Im Schloss des Grafen Dönhoff sind Kaiser Franz I. von Österreich und Zar Alexander I. von Russland zu Gast. Der Graf bittet die Geschwister Rainer darum, seine Gäste mit Volksliedern zu unterhalten. Vor allem der Zar ist begeistert: Er spricht eine Einladung an seinen Hof in St. Petersburg aus.

Fügen steht auch zwei Jahre später im Mittelpunkt
Die Geschwister Rainer brechen im Herbst 1824 zu ihrer ersten Auslandsreise nach Deutschland auf. Sie begründen damit die Ära der „Tiroler Nationalsänger“. Im November 1825 folgte die zweite Konzerttour der Geschwister Rainer („Ur-Rainer“) und führte sie über Deutschland (Berlin, Hamburg) nach Schweden und England (London). Da der Zar bereits im Dezember 1825 verstarb, änderten sie ihre Reiseroute. Bis 1838 tourten die „Ur-Rainer“ immer wieder durch Europa.

Erneut heißt der Schauplatz Deutschland: Die Geschwister Strasser aus Laimach bei Hippach singen „Stille Nacht! Heilige Nacht!“ 1831 auf dem Leipziger Weihnachtsmarkt. Die Bauernfamilie aus dem Zillertal zog während der Wintermonate als Warenhändler durch Europa, um handgefertigte Produkte aus der Heimat – vor allem Handschuhe – auf Märkten zu verkaufen. Schnell stellte sich heraus, dass der Verkauf durch das Singen von Volksliedern noch besser lief.

Ein Lied als Konzert- und Tourneehit
In den darauffolgenden Jahren werden die Geschwister Strasser zu weiteren Auftritten nach Leipzig eingeladen. Daraufhin kam es auch zu einer Verschriftlichung von „Stille Nacht! Heilige Nacht!“: Zwischen 1832 und 1834 veröffentlichte der Verleger A. R. Friese aus Dresden eine Sammlung von echten Tiroler Weihnachtsliedern mit dem Titel „Vier ächte Tyroler Lieder für eine Singstimme mit Begleitung des Pianoforte und der Gitarre gesungen von den Geschwister Strasser aus dem Zillerthale“.

Es entsteht eine „Zillertaler Fassung“ des Liedes, die auf die Geschwister Strasser zurückgehen könnte. Die Konzerttournee der Geschwister Strasser durch Deutschland mit Aufenthalt in Berlin war ein großer Erfolg. Das Weihnachtslied beeindruckt auch den preußischen König Friedrich Wilhelm IV., der Jahre später sogar die Noten dafür in Salzburg anfordern wird. 1838 wird „Stille Nacht! Heilige Nacht!“ in das Melodienbuch des „Katholischen Gesang- und Gebetbuch für den öffentlichen und häuslichen Gottesdienst zunächst zum Gebrauche der katholischen Gemeinde im Königreiche Sachsen“ aufgenommen.

Die zweite Generation von Rainer-Sängern – unter der Ägide von Ludwig Rainer, Sohn von Maria Rainer – aus dem Zillertal bricht 1839 zu einer vierjährigen Konzerttour nach Amerika auf: Sie hat das Lied „Stille Nacht! Heilige Nacht!“ mit in ihrem Repertoire. Die erste Aufführung des Liedes findet vermutlich vor der Trinity Church in New York statt. Es folgt eine mehrjährige „Tournee“ als viel beachtete „Rainer Family“, die die vier Sänger und Sängerinnen nach New Orleans, St. Louis, Pittsburg und Philadelphia führt.

Erst im März 2018 fand „Stille Nacht“-Forscher Martin Reiter den ältesten Druck von „Stille Nacht“ außerhalb Europas, gedruckt 1840 in New York. Das Lied findet sich nur mit Text und ohne Noten als Nummer 22 im „Liederbuch für die Jugend. Nebst einem Anhange von Melodieen“, das 1840 in „Neu York“ von der in der Nassau-Straße 150 angesiedelten Amerikanischen Tractat Gesellschaft herausgegeben wurde. Reiter: „An dieser Stelle steht heute noch das Traktat-Gebäude.“ Stille Nacht umfasst in diesem frühen Werk nur drei Strophen, die jedoch gegenüber dem Original stark verändert wurden.

Ermutigt von den Erfolgen in den USA, gründet Ludwig Rainer 1851 im Zillertal die Rainer Gesellschaft mit bis zu 15 Sängern, die an nahezu allen Herrscherhäusern Europas auftreten werden. Ihre Reisen führen sie nach England, Schottland und Irland, nach Italien, Frankreich, Dänemark, Schweden und Norwegen. 1858 kommen die Rainer-Sänger nach Russland (Moskau und St. Petersburg) und bleiben hier für zehn Jahre. Heimataufenthalte werden lediglich genutzt, um neue Mitglieder zu werben. Die Jahre vergehen, die Bekanntheit steigt. Zur Jahrhundertwende wurde „Stille Nacht! Heilige Nacht!“ bereits – verbreitet durch katholische und protestantische Missionare – auf allen Kontinenten gesungen. Selbst im Ersten Weltkrieg findet das Lied Platz: In Flandern kommt es zur Verbrüderung von Soldaten an der Westfront und zu einem gemeinsamen Singen des Liedes quer über die Schützengräben. Wieder in Kriegszeiten zieht „Stille Nacht! Heilige Nacht!“ in das wohl wichtigste Haus der Welt ein: Franklin D. Roosevelt, der 32. Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika, und Winston Churchill, Premierminister des Vereinigten Königreichs, singen 1941 in Washington gemeinsam „Stille Nacht! Heilige Nacht!“ im Garten des Weißen Hauses.

Das „Krone“-Magazin über das Friedenslied finden Sie ab sofort in allen Trafiken und im Handel!

Mit dem neuen „Krone“-Magazin über den Zauber des Friedensliedes können Sie sich auf die stillste Zeit im Jahr einstimmen. Erleben Sie auf mehr als 100 Seiten eine Zeitreise zur Entstehung vor genau 200 Jahren: Wer schuf es? Was sind die wichtigsten Mythen? Wo wird es heute gesungen?

Philipp Grill, Kronen Zeitung

Kommentare

Eingeloggt als 
Nicht der richtige User? Logout

Willkommen in unserer Community! Eingehende Beiträge werden geprüft und anschließend veröffentlicht. Bitte achten Sie auf Einhaltung unserer Netiquette und AGB. Für ausführliche Diskussionen steht Ihnen ebenso das krone.at-Forum zur Verfügung.

User-Beiträge geben nicht notwendigerweise die Meinung des Betreibers/der Redaktion bzw. von Krone Multimedia (KMM) wieder. In diesem Sinne distanziert sich die Redaktion/der Betreiber von den Inhalten in diesem Diskussionsforum. KMM behält sich insbesondere vor, gegen geltendes Recht verstoßende, den guten Sitten oder der Netiquette widersprechende bzw. dem Ansehen von KMM zuwiderlaufende Beiträge zu löschen, diesbezüglichen Schadenersatz gegenüber dem betreffenden User geltend zu machen, die Nutzer-Daten zu Zwecken der Rechtsverfolgung zu verwenden und strafrechtlich relevante Beiträge zur Anzeige zu bringen (siehe auch AGB).

Aktuelle Schlagzeilen
Rangers-Coach
Gerrard erwartet „50:50-Match“ gegen Rapid
Fußball International
Aber er will bleiben
Liebes-Krach: Verlobte schmeißt Maradona raus
Fußball International
Champions League
JETZT LIVE: Real gegen Moskau schon wieder zurück
Fußball International
Es geht um China
UEFA plant Champions League am Wochenende
Fußball International
Wegen Daumenverletzung
Neureuther verzichtet auf Rennen in Alta Badia
Wintersport
Digitale Trends
Die besten Smartphones zum Weihnachtsfest
Digitale Trends
Champions League
LIVE ab 21 Uhr: Juve, City und Bayern um Platz 1
Fußball International
Rassismus-Fall
Eklat! „Rückkehr der Banane“ empört die Schweiz
Fußball International
Gewinnspiel
Mit krone.at Kinotickets gewinnen!
Gewinnspiele
Crash bei Schneeregen
Massenkarambolage mit Verletzten auf der S5
Niederösterreich

Newsletter

Melden Sie sich hier mit Ihrer E-Mail-Adresse an, um täglich den "Krone"-Newsletter zu erhalten.