20.11.2018 00:12 |

Live in der Stadthalle

Katie Melua: Stimmgoldene Botin des Winters

Irgendwann war ihr endgültig alles zu viel. Der Ruhm zu früh, der Druck zu groß, das Umfeld falsch. Katie Melua war gerade einmal 19, als sie mit der Single „The Closest Thing To Crazy“ ins Rampenlicht rückte, zwei Jahre später hatte sie von ihren ersten beiden Werken „Call Of The Search“ und „Piece By Piece“ bereits rund sechs Millionen Alben verkauft. Zu einer Zeit, als der illegale Download gerade in Mode kam und Streaming noch ein Fremdwort war, wurde die aus Georgien stammende Londonerin früh zu einem absoluten Weltstar. „Es ging damals auch um Führungsansprüche und Machtkämpfe innerhalb des Teams“, erinnert sie sich im Gespräch mit der „Krone“ vor ihrem Auftritt in der Wiener Stadthalle F zurück, „ich wollte anführen und der Erfolg ließ mich glauben, ich wäre unbesiegbar. Du wirst süchtig nach Erfolg und süchtig nach Geld und irgendwann arrogant - es war keine leichte Zeit.“

Rückbesinnung
Rund 13 Jahre später ist Melua längst in der Mitte des Lebens angekommen. Glücklich verheiratet mit dem einstigen Motorradrennfahrer James Toseland, mit neuem Management und einer gewissen Reife ausgestattet, gönnt sich die 34-Jährige heute die Pausen, die sie braucht. Die Charts dominiert sie deshalb vielleicht nicht mehr so wie früher und die Hallenkapazitäten mussten etwas zurückgeschraubt werden, aber der innere Friede und das Wiederfinden der Kreativität sind zurück. So ist ihre aktuelle Europa-Tour mit dem 16-köpfigen „Gori Women’s Choir“ aus Georgien eine Rückbesinnung auf die Katie vor dem Glanz und Glitter. Jene Katie, deren Freude an der Musik und Liebe zu Auftritten die oberste Prämisse sind. „Zu sehen wie detailliert und akribisch diese Frauen ihre Arbeit machen, hat mir endgültig vor Augen geführt, was wirklich wichtig ist.“

Das dazugehörige, vor zwei Jahren mit dem Chor in Georgien eingespielte Album „In Winter“ dient als passende Unterlage. Es ist ein fast schon kitschiger Schicksalsmoment, dass sich der weihnachtlich-kalte Konzertabend mit dem ersten Wien-Schnee der neuen Saison paart. Im eleganten Abendkleid und nur mit der Akustikgitarre im Anschlag eröffnet Melua das formidable Konzert mit dem georgischen Traditional „If You Are So Beautiful“. Beim „Plane Song“ gesellt sich ihr jüngerer Bruder Zurab an der Gitarre dazu, bei „Belfast“ ist die vierköpfige Band dann auch vollständig vorstellig. Ein Aufbau, der gar nicht so sanft hätte vollzogen werden müssen, denn Melua hat die ausverkaufte Stadthalle F vom ersten Ton an fest im Griff. Das liegt nicht nur an der großen Hitdichte, sondern vor allem an ihrer engelsgleichen, nicht ein einziges Mal brechenden Stimme, die mal warmherzig, mal messerscharf, mal tief in die Seele dringend durch die Halle gleitet.

Sakrale Wucht
Wer mit sich selbst so im Reinen ist, der kann es sich auch leisten, seinen Top-Hit „Nine Million Bicycles“ und das eigenständige The-Cure-Cover „Just Like Heaven“ schon im Anfangsdrittel zu verbraten. Wirklich magisch wird der Abend durch die Vermischung aus dem zarten Timbre Meluas und dem wuchtigen, fast schon sakralen Chorgesang, der sich durch Nummern wie dem Joni-Mitchell-Weihnachtssong „River“ oder dem intensiven „Cradle Song“ offenbart. Mit der richtig akzentuierten Beleuchtung und dem feinen Einsatz von Nebelmaschinen ist auch das Drumherum wohltemperiert. Die absoluten Highlights sind dadurch gar nicht die großen Hits, sondern eine mit dem Chor vorgetragene, eindringliche A-Cappella-Version des georgischen Songs „The Little Swallow“ und das fast schon rockige Bandstück „The Flood“.

Mit den Songs ihrer Post-Teenager-Phase hat Melua trotz der prägenden Drucksituation mittlerweile ihren Frieden gemacht. „Ich kann meine eigenen Frühwerke heute mit weitaus weniger Emotion betrachten. Man braucht im Leben Zeit, um Erlebnisse einordnen zu können. Heute fühle ich Stolz ob des Erreichten.“ Für die durchwegs speckigen Kartenpreise kommt der Zugabenteil nach nicht einmal 80 Minuten Nettospielzeit dennoch etwas früh. Eine mitreißende Solo-Adaption des Sting-Klassikers „Fields Of Gold“ und das mit Band und Chor vorgetragene „What A Wonderful World“ hätte wohl auch dem seligen Louis Armstrong einen Anstandsapplaus entlockt. Das Wiener Publikum dankt es Goldstimme Melua und ihrer herausragenden Mannschaft mit Johlen und exaltiertem Fußgetrampel. Wie schön, dass es nicht nur draußen, sondern auch drinnen einen Hauch von Winter gibt. Noch schöner, wenn er mit so viel talentreicher Wärme ummantelt wird.

Wiedersehen in Linz
Ein Wiedersehen mit Katie Melua gibt es nach der langen fünfjährigen Österreich-Abwesenheit schon bald. Am 12. Juli spielt sie im Zuge der „Klassik am Dom“-Reihe ein Konzert am Linzer Domplatz - dort garantiert ohne Chor und mit sommerlicher Songauswahl. Karten erhalten Sie unter www.oeticket.com.

Robert Fröwein
Robert Fröwein
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