Schwelle

Playfight in Wiens einzigem sexpositivem Club

Jeden Sonntag ist im 15. Wiener Gemeindebezirk Playfight angesagt und zwar in der Schwelle, einem sex-positiven Club - dem einzigen dieser Art in der österreichischen Hauptstadt. Einmal pro Woche kommen bis zu 40 Menschen für vier Stunden zusammen, um spielerisch miteinander zu kämpfen. Was das genau bedeutet, entscheidet jeder für sich: Kuscheln, streicheln, küssen, schlagen, schreien. Alles ist erlaubt, solange beide Seiten einwilligen. City4U war bei einem Playfight dabei.

Unscheinbar versteckt in Rudolfsheim befindet sich die Schwelle. Nur ein bedrucktes und foliertes A4-Papier zeigt den Besuchern die zum ersten Mal kommen, dass sie hier an der richtigen Adresse sind. Der Name des sex-positiven Clubs kommt nicht von ungefähr - man überschreitet beim Eintreten tatsächlich eine Schwelle in unbekanntes Terrain. Beim Eingang muss man am Playfight-Abend zuerst eine Einverständniserklärung unterschreiben, dass man im Falle einer Verletzung nicht gerichtlich gegen das Lokal vorgehen wird. „Mit der Unterschrift geht es auch darum, dass man seine Einwilligung für das Einhalten der Regeln abgibt“, sagt Reinhard Gaida, der die Schwelle gegründet hat.

Jeder Gast muss seine Schuhe ausziehen und seine Jacke ablegen - das schafft gleich ein Gefühl von zuhause sein. Die Schwelle besteht aus verschiedenen Räumen, es gibt Toiletten für Männer, Frauen und jene, die sich keinem der beiden Geschlechter zugehörig fühlen. An einer gemütlichen Bar kann man verweilen. Ein großes Zimmer mit Billardtisch, altem Sofa und wunderschönen Vintage-Lampen erinnert sehr an eine Studenten-WG - nur, dass es hier viel sauberer ist. Von der Bar führt ein großer Raum weg, der mit Vorhängen abgeteilt werden kann. Überall sind kuschelige Sofas und Matratzen, denn in der Schwelle kann man Sex haben, man muss aber nicht.

Viele der Gäste des heutigen Abends kennen sich schon. Es wirkt ein bisschen wie im Fitnessstudio - nur ohne überehrgeizige, aufgepumpte Männer. Alle sind in Sportkleidung gehüllt, Wasserflasche in der Hand. Die SM-Utensilien mit dem Schild „Tools for Artists“ an der roten Ziegelwand erinnern einen dann aber doch daran, dass man nicht in einem Sportstudio ist. „Die Schwelle soll ein geschützter Ort sein, vor allem für Frauen. Ich kenne noch das Balzverhalten einiger Männer aus den bekannten Wiener Clubs und das habe ich gehasst. Mit der Schwelle wollte ich etwas ganz anderes schaffen. Es ist ein sexpositiver Club. Es geht nicht spezifisch um Sex, wie in einem Swingerclub, aber wenn zwei Leute es tun möchten, können sie es tun“, erklärt Gaida, der eigentlich Therapeut und Lifecoach ist.

Gaida selbst hat auch den Playfight entwickelt: „Beim Playfight kommen zwei Menschen körperlich in Kontakt miteinander, es geht um viel Emotion und Nähe. Es ist ein Spiel mit Grenzen - den eigenen und denen des Gegenübers. Es geht auch darum, die körperliche Distanz unter Fremden als Hemmschwelle abzubauen.“ Mittlerweile ist ein großes Matratzenlager in der Mitte des Raumes aufgebaut worden, die Teilnehmer sitzen schon rundherum. Gaida erklärt die Regeln: Stets auf den Knien bleiben, wenn eine Person „Stop“ sagt, ist der Kampf sofort vorbei, jeder kann zu einem potenziellen Fight-Partner nein sagen und niemand muss in die Mitte. Der Workshop, so wie Gaida den Playfight nennt, dauert vier Stunden. Am Ende kann jeder seine Meinung oder Empfindungen wiedergeben, ohne dass jemand darauf antwortet. An diesem Abend soll nicht gewertet werden.

Und dann ist es so weit: Das erste Kampfpaar traut sich in die Mitte und es geht gleich wild los. Er packt sie und wirft sie auf den Rücken, doch sie kann die Oberhand zurückgewinnen und ihn wieder abstoßen. Es wird geknurrt und geschrien. Nach ein paar Minuten umarmen sich die Kampfpartner, bedanken sich beieinander und setzen sich wieder glücklich in den Kreis der Zuseher. Eine kurze Pause entsteht, dann traut sich die nächste Frau in die Mitte. Sie zwinkert einer anderen zu, die die Aufforderung erwidert. Wie zwei jungen Kätzchen spielen sie, berühren, streicheln und necken sie sich. Nach über einer Stunde haben Frauen mit Frauen, Männer mit Männern und Frauen mit Männern gekämpft. Die Fights waren so unterschiedlich, wie die Menschen selbst: spielerisch, zärtlich, erotisch, kindlich, aggressiv, brutal und alles dazwischen. Nicht jeder geht von selbst in die Mitte, nicht alle erwidern die Aufforderung zum Kampf. „Man muss natürlich auch den Mut finden, in die Mitte zu gehen. Doch wenn man dann dort ist, vergisst man die Menschen, die im Kreis sitzen und zuschauen“, weiß Gaida.

In der Pause kommen die Teilnehmer miteinander ins Gespräch. Anna kommt seit Mai regelmäßig zum Playfight. „Mir gefällt es, dass man immer fokussiert ist und man Personen näherkommen kann. Es ist eine lustvolle, freundliche Auseinandersetzung“, sagt sie. Die 47-Jährige habe gelernt, zu akzeptieren, dass die Bedürfnisse und Grenzen von allen Menschen verschieden sind. Anna kommt nicht nur zum Playfight: „Wenn ich in eine Disco gehe, schminke ich mich, trage sozusagen meine Maske. Hier komme ich ungeschminkt her und werde deswegen akzeptiert.“ Genauso einen Raum wollte Gaida schaffen: „Hier kann jeder er selbst sein, sich selbst begegnen und man wird akzeptiert wie man ist.“ Nach der Pause geht der Kampf weiter, jedoch ohne uns. Vielleicht trauen wir uns beim nächsten Mal, unsere eigene Schwelle zu überwinden.

November 2018

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Viktoria Graf
Viktoria Graf

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