So, 18. November 2018

Kinder in der Pflege

04.11.2018 06:01

„Konnte meine Eltern doch nicht im Stich lassen“

43.000 Kinder pflegen in Österreich kranke Angehörige. In der „Krone“ erzählt jetzt ein Betroffener: Über seine Jugend, die geprägt war von peinigender Angst - um seine Eltern.

Andreas Kienast ist 25. Er sieht jünger aus, wirkt älter, reifer. In seinen Ansichten, in der Art, wie er spricht. „Ich bin früh erwachsen geworden“, sagt er, „aber das musste so sein.“

„Ein ,normales Leben‘ war nie möglich“
Bereits seine Kindheit verlief „anders“, der Vater, die Mutter - oft krank. „Papa kapselte sich manchmal wochenlang in seinem Zimmer ein.“ Diagnose: Depressionen. „Und der Zustand meiner Mama war ohnehin meistens schlecht“, wegen einer Erbkrankheit, durch die Lunge und Herz angegriffen wurden, „und immer wieder bekam sie bösartige Tumore“.

Ein „normales Leben“ – kaum möglich für die Familie. Einkaufsbummel, Ausflüge ins Grüne „bedeuteten für uns schon etwas Besonderes“. Denn es gab kaum Tage, an denen beide Elternteile in der dazu notwendigen Verfassung waren. „Wirklich dramatisch“, so Andreas Kienast, „wurde die Situation, als ich etwa zwölf gewesen bin. Denn ab da ging es mit meiner Mama noch mehr bergab.“

„Ich erledigte Einkäufe, ich putzte, ich kochte“
Die Frau konnte kaum noch das Bett verlassen, erlitt wiederholt Infarkte, immer neue Krebsgeschwüre mussten aus ihrem Körper herausoperiert werden. Nach den Spitalsaufenthalten „war sie unfähig, auch nur kleinste Tätigkeiten zu verrichten“.

Also sprang der Bub ein: „Ich erledigte die Einkäufe, kochte, räumte auf.“ Er begleitete die Eltern zu Ärzten, verabreichte ihnen Medikamente – pflegte sie. Ohne Hilfe von außen: „Dazu hätten unsere finanziellen Mittel nicht ausgereicht.“ Fußball zu spielen oder ein Kino zu besuchen, „für mich eine Seltenheit“. Wie reagierten Klassenkameraden auf sein Schicksal?

„In der Schule war ich ein Außenseiter“
„Sie machten sich über mich lustig.“ Und die Lehrer? „Nie hat mich einer von ihnen gefragt, ob ich Unterstützung brauche.“ Mit wem konnte er über seine Probleme sprechen? „Nur mit meinem besten, einzigen Freund. Er verstand mich. Weil auch seine Eltern schwer krank waren.“ Fühlte sich Andreas Kienast im Stich gelassen, von der Welt?

„Nein. Ich liebte meine Mutter und meinen Vater unendlich – darum machte es mir nichts aus, für sie zu sorgen. Und ich wusste ja, dass mir mit meiner Mama nicht viel Zeit bleiben würde. Deshalb wollte ich ständig mit ihr zusammen sein.“

Schlimm sei aber „diese Angst“ gewesen, „nachts, wenn ich alleine in meinem Zimmer gewesen bin, oder in den Stunden, in denen ich nicht daheim war. Dauernd fürchtete ich mich davor, meine Mutter könnte wieder einmal zusammengebrochen sein und Papa das nicht rechtzeitig bemerkt haben.“

Sein Handy war stets eingeschaltet, „mit dem lautesten Klingelton. Und die Sirene eines Rettungsautos zu hören löste in mir entsetzliche Panik aus.“  Nach Abschluss des Polytechnikums suchte der Bursch keine Lehrstelle, „ich kümmerte mich fortan rund um die Uhr um meine Eltern.“ Und wieder - niemand da, der Alarm geschlagen hätte.

Andreas Kienast war 18, als seine Mutter - mit 45 - starb. Nach ihrem Tod „fiel ich erstmals selbst in ein tiefes seelisches Loch, wollte kaum noch essen, musste ständig weinen. Es dauerte etwa ein halbes Jahr, bis ich es schaffte, mich aus dem Tief herauszuwurschteln. Ich habe mir doch nichts vorzuwerfen, sagte ich mir.“

„Nein, ich habe nichts versäumt“
Das Gefühl, seine Jugend versäumt zu haben – „nein, solche Gedanken hatte ich nie. Es stimmt, ich bin nicht auf Partys und in Discos gegangen. Aber dafür durfte ich ein anderes Glück erfahren. Wunderbare Momente der Innigkeit. Mit meiner Mama.“

Wie ging Andreas Kienasts Leben weiter? „Ich begann eine Ausbildung zum Hilfskrankenpfleger. Weil ich es einfach als meine Aufgabe sehe, Menschen, die krank sind, zu unterstützen.“ Trotz seiner Berufung, trotz der vehementen Beteuerungen, sein Los stets akzeptiert und einzig Gutes darin gesehen zu haben – hat die Vergangenheit an dem jungen Mann Spuren hinterlassen.

2017 erlitt er einen Schlaganfall, „wahrscheinlich bin ich genetisch belastet“. Dass auch seelische Faktoren für seinen schlechten Gesundheitszustand ausschlaggebend sein könnten, will er nicht glauben: „Ich bin nicht unglücklich.“

„Es ist besser, wenn ich keine Kinder bekomme“
Doch, es schmerze ihn, dass er derzeit wegen seiner angeschlagenen Verfassung seinen Beruf nicht ausüben darf, „aber sonst läuft alles gut“. Der Vater wird nun von einem anderen Familienmitglied betreut, „ich habe eine liebe Partnerin gefunden, wir wohnen bereits zusammen, werden bald heiraten“. Eine Familiengründung sei nicht geplant: „Wegen der Gefahr, dass ich früh – wie einst meine Mutter – ein Pflegefall sein könnte. Meine Kinder hätten dann vielleicht dasselbe Schicksal wie ich. Und das möchte ich vermeiden...“

Die Johanniter helfen
Laut einer aktuellen Studie versorgen in Österreich 43.000 Kinder und Jugendliche kranke Angehörige - Mütter, Väter, Großeltern. „Die Dunkelziffer“, sagt Anneliese Gottwald, Pflegedienstleiterin bei den Johannitern, „ist weitaus höher.“ Dennoch, „dieses Problem wird von der Gesellschaft leider völlig negiert.“ Umso größer das Leid der - körperlich und psychisch schwer belasteten - Betroffenen, „sie werden ausgegrenzt, gemobbt - und schämen sich in der Folge für ihr Schicksal.“ Das meist verbunden ist mit finanzieller Not.

Die Hilfsorganisation bietet pflegenden Minderjährigen ehrenamtliche Unterstützung an. Infos dazu gibts im Web unter www.superhands.at sowie unter der Telefonnummer 0800/88 87 87.

Martina Prewein, Kronen Zeitung

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