Fr, 16. November 2018

Kolumne „Im Gespräch“

03.11.2018 21:30

Nach mir die Sintflut

Neulich wurde meine Freundin angehupt. Mitten auf der Straße. Nicht weil sie attraktiv ist, sondern weil sie zu langsam war. Meine Freundin hatte eine Blinddarmoperation hinter sich, und jeder, der im Erwachsenenalter schon einmal einen Unterleibseingriff hatte, weiß, wie schmerzhaft jedes Lachen, jedes Husten und jeder Schritt dann ist.

Meine Freundin war gerade dabei, im Schneckentempo den Zebrastreifen vor dem Spital zu überqueren, als eine Autofahrerin sie lautstark anhupte. Beweg dich gefälligst schneller – signalisierte sie ihr wild gestikulierend. Während ihr meine Freundin ein entschuldigendes Lächeln schenkte, ließ die andere die Autoscheibe herunter und schrie: „Schleich dich!“

Wie reagiert man auf so was?
Meine Freundin entschied sich für ein stolzes Lächeln und trottete weiter. Trotzdem hinterließ das Erlebte einen Schmerz. Weil meine Freundin so eine Situation nicht zum ersten Mal erlebt. Sie arbeitet im Sozialbereich und weiß, wie es ist, wenn Hilflosigkeit auf Aggression stößt. Schwachheit mit Verachtung beantwortet wird. Freundlichkeit mit Spott. „Wo ist unser Mitgefühl geblieben?“, fragt sie. „Warum sehen so viele nur noch sich selbst? Und warum unterstellen sie ihrem Gegenüber immer das Allerschlechteste?“

Klar – die Autofahrerin konnte nicht wissen, dass meine Freundin gerade eine Operation hinter sich hatte. Aber es hätte ihr in den Sinn kommen können, dass ein junger Mensch, der vor einem Spital über den Zebrastreifen schleicht, wohl einen Grund dafür hat. Stattdessen drückte sie auf die Hupe: Hier bin ICH! Ich will weiterfahren! Sofort! Ich zuerst – und nach mir die Sintflut!

Es ist nicht leicht, in solchen Situationen ruhig zu bleiben. Nicht aus der Haut zu fahren und einfach zurückzuschreien. Sondern dem Gegenüber mit jener Freundlichkeit und Empathie zu begegnen, die man selbst sich wünscht. Und doch ist es wichtig! In einer Zeit, in der sich die Fronten unversöhnlich gegenüberstehen, in der sich die verbale Gewalt den Weg in unsere Mitte bahnt, wichtiger denn je! Jesus selbst hat es uns vorgelebt. Er hat die Spirale aus Gewalt und Gegengewalt durchbrochen und nach dem Grundsatz gelebt: „Behandelt die Menschen so, wie ihr selbst von ihnen behandelt werden wollt.“

Zugegeben: Die Fahnen der Nächstenliebe in Zeiten wie diesen hochzuhalten kann anstrengend sein. Und zermürbend. Und kränkend. Und manchmal muss man sich an einer vertrauten Schulter ausheulen. So wie meine Freundin bei mir – an einem Herbstabend bei einem guten Glas Wein. Und trotzdem wollen wir genau so weitermachen. Wir wollen die um sich greifende Verrohung nicht unterstützen! Unseren Hass bekommt ihr nicht! „Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei. Aber die Liebe ist die Größte unter ihnen.“

Evangelische Vikarin Julia Schnizlein, Kronen Zeitung
julia.schnizlein[@]lutherkirche.at

Kommentare

Eingeloggt als 
Nicht der richtige User? Logout

Willkommen in unserer Community! Eingehende Beiträge werden geprüft und anschließend veröffentlicht. Bitte achten Sie auf Einhaltung unserer Netiquette und AGB. Für ausführliche Diskussionen steht Ihnen ebenso das krone.at-Forum zur Verfügung.

User-Beiträge geben nicht notwendigerweise die Meinung des Betreibers/der Redaktion bzw. von Krone Multimedia (KMM) wieder. In diesem Sinne distanziert sich die Redaktion/der Betreiber von den Inhalten in diesem Diskussionsforum. KMM behält sich insbesondere vor, gegen geltendes Recht verstoßende, den guten Sitten oder der Netiquette widersprechende bzw. dem Ansehen von KMM zuwiderlaufende Beiträge zu löschen, diesbezüglichen Schadenersatz gegenüber dem betreffenden User geltend zu machen, die Nutzer-Daten zu Zwecken der Rechtsverfolgung zu verwenden und strafrechtlich relevante Beiträge zur Anzeige zu bringen (siehe auch AGB).

Aktuelle Schlagzeilen
Nach 3:2-Triumph
Pöbel-Video! Kroate Lovren attackiert Sergio Ramos
Fußball International
Verlierer steigt ab
Nach 3:2-Wunder: Kroatien sagt England Kampf an
Fußball International
Streit um Arbeitszeit
Ministerin an Gewerkschaft: „Chance vergeigt“
Österreich
Landung abgebrochen
Drohne flog gefährlich nahe zu Bundesheer-Heli
Niederösterreich
Habsburg auf Rang 15
Mick Schumacher nur Quali-Neunter in Macao
Motorsport
Ungewöhnlicher Unfall
Arzt operiert Fischer Angelhaken aus Auge
Oberösterreich
Kurz rügte Vorarlberg
NEOS: „Verhalten ist eines Kanzlers unwürdig“
Österreich

Newsletter

Melden Sie sich hier mit Ihrer E-Mail-Adresse an, um täglich den "Krone"-Newsletter zu erhalten.