Fr, 16. November 2018

Kein Nachwuchs

01.11.2018 06:00

Gefährliche Krise bei den Psycho-Gutachtern

Ihre Tätigkeit kann Leben retten oder in Gefahr bringen, Irrtümer haben schon Menschenleben gekostet: die Rede ist von psychiatrischen Gutachtern. Doch es ist eine „aussterbende Spezies“. Die tonangebenden Experten sind alle 50 plus, Nachwuchs gibt es keinen.

Die hoch angesehene Psychiaterin Gabriele Wörgötter hat kürzlich bei der Richtertagung in St. Gilgen (OÖ) Alarm geschlagen. Wesentlicher Grund für den Missstand ist ihrer Meinung nach ein Umstand: die schlechte Entlohnung. Während in Wien noch 2000 bis 3000 Euro für ein Gutachten verrechnet werden können, bezahlt die Justiz in manchen Bundesländern den Psychiatern nur 500 Euro.

Dabei ist zu bedenken: Ein Sachverständiger muss einen Akt eines Kriminalfalles lesen, dazu Vorgutachten, und dann mit Beschuldigten ausführliche Gespräche führen. Das dauert, weil die menschliche Psyche nicht mit einem schnellen Test auszulesen ist. Dann muss sich der Gutachter vielleicht beim Prozess kritische Fragen des Verteidigers gefallen lassen und seine Expertise so vortragen, dass es auch Laienrichter verstehen.

Fehler können schwere Konsequenzen haben
Passiert hier ein Fehler, hat das große Bedeutung für das weitere Verfahren. Geisteskranke werden vielleicht falsch behandelt oder Gesunde zu Kranken gestempelt. Vor allem bei der Haftentlassung trägt der Sachverständige große Verantwortung für die Bevölkerung. Ob ein Verbrecher auf die Öffentlichkeit losgelassen wird, entscheidet meist der Psychiater. Erst kürzlich wurde ein Sextäter aus der Haft entlassen, der dann eine Frau tötete, ihre Leiche zerstückelte und im Neusiedler See versenkte.

Psychologin Sandra Gaupmann, die seit Jahren in der Strafanstalt Stein tätig ist, übt heftige Kritik: „Es gibt in Österreich nicht einmal einen Lehrstuhl für forensische Psychiatrie. Fachleute, die sich für das Thema interessieren, müssen sich ihre Fähigkeiten daher im Selbststudium aneignen.“

Warum ausgerechnet der für Strafverfahren so wichtige psychiatrische Gutachter so schlecht bezahlt wird, ist vielleicht aus der Geschichte erklärbar. Die Honorare waren praktikabel, als es Doppelfunktionen gab – als ein Gutachter gleichzeitig an der Klinik oder Uni tätig war. Das gibt es nicht mehr.

Gutachter im Ausland weit besser bezahlt
Vergleiche mit dem Ausland zeigen: Gutachter in Deutschland erhalten im Schnitt sechsmal mehr für eine Expertise, in der Schweiz gar das Neunfache. Dort käme keiner auf die Idee, was bei uns passiert sein soll: Dass ein Sachverständiger noch während des Gesprächs mit dem Häftling seine Erkenntnisse ins Aufnahmegerät diktierte.

Und was sagt Justizminister Josef Moser zu dem Missstand? Pressesprecherin Alexandra Geyer: „Der Minister ist sich des Problems bewusst. Bei den nächsten Budgetverhandlungen steht die Kostenfrage ganz oben auf der Liste.“

„Nicht einmal ein Lehrstuhl“
Ein viel beachteter Vortrag der erfahrenen Gutachterin Gabriele Wörgötter bei der Richtertagung brachte das Thema wieder in die Schlagzeilen. „Es wird bald keine psychiatrischen Sachverständigen mehr geben“, schlägt sie Alarm: „Es fehlt an allem. Es gibt nicht einmal einen Lehrstuhl für forensische Psychiatrie. Es fehlen Qualitätskriterien. Man tappt im luftleeren Raum, es gibt keine Richtlinien, keinen Halt.“

Letztlich zähle nur die Erfahrung, die man sich im Lauf von vielen Jahren aneignet, berichtete Gabriele Wörgötter. Aus ihrer Praxis, wo sie Jungärzte im Rahmen ihrer Facharzt-Ausbildung unterrichtet, weiß die Psychiaterin: „Die Kollegen sind oft sehr an der Sache interessiert, wenn sie die Akten sehen. Sie bewundern mich, dass ich in viele Dinge so tolle Einblicke habe. Wenn ich ihnen dann aber vorrechne, was ich für meine Arbeit bezahlt bekomme, lässt das Interesse stark nach.“

Königsdisziplin von einst
Dem psychiatrischen Gerichtsgutachter Reinhard Haller - er untersuchte unter anderem Serienmörder Jack Unterweger im Prozess - ist beim Thema Entlohnung ein tiefer Seufzer zu entlocken: „Seit mehr als 30 Jahren mache ich im Justizministerium auf das Problem aufmerksam, leider bisher ohne Ergebnis. Die Justiz kann nicht behaupten, dass ihr das Problem nicht bekannt ist.“ Haller weiter: „Früher war die forensische Psychiatrie die Königsdisziplin, die dem Vorstand eines Institutes vorbehalten war. Und heute will es keiner mehr machen“, beklagt sich der Experte, der zum Leidwesen vieler selbst nur mehr wenige Fälle übernimmt. Aus Altersgründen.

Haller: „Ich habe selbst ein Lehrbuch geschrieben, und ich habe versucht, andere für diese hochinteressante Tätigkeit zu interessieren. Aber von 170 Fachärzten, die wir zu gewinnen versucht haben, hat sich letztlich kaum einer gemeldet. 33,80 Euro für die Stunde in einer Verhandlung und 22,70 Euro für die Stunde Exploration in einer Haftanstalt sind halt wenig Anreiz.“

Daten und Fakten
„Schuld“ an der schlechten Bezahlung der psychiatrischen Sachverständigen ist das Gebührenanspruchsgesetz (GAG). Für psychiatrische Sachverständige gelten zwei Tarife: Laut Paragraf 43 gibt es 116,20 Euro bei einer „besonders zeitaufwendigen psychiatrischen Untersuchung oder einer Untersuchung zur Beurteilung, ob eine psychisch kranke Person ohne Gefahr in anderer Weise als durch Unterbringung in einer Anstalt behandelt oder betreut werden kann“. 195,40 Euro können in seltenen schwereren Fällen verrechnet werden. Insgesamt kann ein Psychiater für ein Gutachten oft nur magere 500 Euro kassieren.

Andere Experten geben sich nicht mit solchen „Hungerlöhnen“ zufrieden. Selbst der Psychologe kann Stundensätze verrechnen. Expertisen in Wirtschaftsstrafverfahren kosten Zehntausende Euro oder sogar mehr. Und selbst wer ein Haus samt Grund mit einem Wert von bis zu 72.000 Euro schätzt, erhält von der Justiz 728 Euro Entlohnung.

Peter Grotter, Kronen Zeitung

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