Sa, 20. Oktober 2018

Katias Kolumne

03.10.2018 11:55

Wie viel Bobo darf die Sozialdemokratie?

Schon zu Beginn der Neuaufstellung der SPÖ muss sich das Team und auch Neo-Chefin Pamela Rendi-Wagner selbst parteiinterne Kritik gefallen lassen. Vor allem die Bestellung von Thomas Drozda als Bundesgeschäftsführer stieß so manchem Parteikollegen sauer auf. „Mit Verlaub, Thomas: Du bist ein Bobo“, heißt es in einem Facebook-Posting der steirischen SP-Landtagsabgeordneten Michaela Grubesa.

Drozda sei ein „Akademiker im Anzug“, der „sicher jedes große Shakespeare-Zitat in fünf verschiedenen Sprachen auswendig kennt“, heißt es da. Ein Bobo eben, ein sogenannter Bourgeois-Bohemien, einer, in dessen Brust zwei Herzen schlagen - das des anti-materialistischen Individualisten und das des elitären Karrieristen. Also einer, der es selbst zu Wohlstand gebracht hat, aber gegen den Kapitalismus protestiert - freilich nicht auf der Straße, sondern bei einem guten Glas Merlot auf seiner Dachterrasse im 7. Wiener Gemeindebezirk.

Für weiteren Unmut unter den Genossen sorgte unterdessen auch seine Armbanduhr - eine seltene und entsprechend teure Patek Philippe zum Neupreis von rund 50.000 Euro. Und es ist nicht das erste Mal, dass die Uhr am Handgelenk eines Sozialdemokraten für Wirbel sorgt. Schon der Sohn des gerade verabschiedeten Christian Kern musste für einen Schnappschuss mit einer 32.000 Euro teuren Audemars Piguet hämische Kommentare einstecken.

Uhr, Fuhrwerk und Lebensstil: Was darf die linke Elite?
Nicht nur Armbanduhren, sondern auch Lebensstil oder auch die Schulwahl der Polit-Sprösslinge stehen gerade bei linksgerichteten Politikern - wohl, weil man jenen eine moralische Überlegenheit nachsagt - nicht selten zur Debatte. Darf ein Umverteilungskämpfer eine teure Uhr tragen? Sollte jemand, der gegen den Klimawandel eintritt, auch selbst vornehmlich mit dem Fahrrad fahren? Kann ein ehemaliger Manager eine Arbeiterbewegung anführen?

Ja und nein. Klar ist: Welche Uhr jemand trägt, sollte im politischen Diskurs keine Rolle spielen. Ob Swatch oder Rolex, sollte unerheblich sein. Auch sollte ein sozialdemokratischer Spitzenpolitiker ein mehrsprachiger Akademiker oder ein Ex-Manager sein dürfen. Man muss kein Stahlarbeiter gewesen sein, um Sozialdemokrat zu sein.

Eine Frage der Glaubwürdigkeit
Die Grenze bildet aber die eigene Glaubwürdigkeit: Kritikwürdig ist es, für die Gesamtschule samt sozialer und kultureller Durchmischung einzutreten, aber die eigenen Kinder auf eine teure Privatschule zu schicken. Wer für eine antielitäre Schulpolitik einsteht, aber dieselbe für seine eigenen Kinder umgeht, kann dies meist nur mit fadenscheinigen Ausreden erklären und macht sich in diesem Punkt wenig glaubwürdig.

Ohnehin ist Glaubwürdigkeit in der Politik ein seltenes und flüchtiges Gut - einmal verloren, kann auch keine Plakatinszenierung und keine gebetsmühlenartig erzählte Kindheitsgeschichte diesen Verlust wiedergutmachen. Umso sensibler sollte deswegen mit dieser wertvollen Ressource umgegangen werden.

Einer Umfrage zufolge genießt der Berufsstand der Ärzte den größten Glaubwürdigkeitsvorschuss. Ein Startvorteil für Pamela Rendi-Wagner, den sie nun auch durch entsprechend konsequente Handlungen für sich nützen könnte.

Katia Wagner

 krone.at
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