So, 23. September 2018

Live in der Arena

08.09.2018 10:08

Mike Shinoda: Von der Trauer zurück ins Licht

Mehr als 3.200 Fans huldigten Freitagabend auf dem Open-Air-Gelände der ausverkauften Wiener Arena dem Vermächtnis von Linkin Parks Chester Bennington. Doch Freund und Kollege Mike Shinoda gab der Trauer nur kurz Platz und musizierte ein flammendes Plädoyer für das Leben.

„Es gibt Leute, die gehen zwölf Monate später noch immer nicht zu den Shows und es gab Interviews, deren Grundton mir zu negativ war.“ Mike Shinoda steht ungefähr zur Halbzeit seines Auftritts auf dem seit Wochen restlos ausverkauften Open-Air-Gelände der Wiener Arena und ist gerade dabei, die für viele so endlose Trauer in ein Monument der Hoffnung und des Optimismus zu transferieren. Am 20. Juli wählte Linkin-Park-Sänger Chester Bennington den Freitod. Mit ihm starb eine Lichtgestalt der modernen Popmusik, die so viel mehr als Sänger und Frontmann war. Er war der Verfechter von Fairness, ein nimmermüder Kämpfer für die Unterdrückten und Missverstandenen und war durch seine eigene - von Depressionen geplagte - Vita der Heilsbringer für eine ganze Generation von Jugendlichen und Junggebliebenen, deren Leben nicht immer nur aus hellem Glanz bestand.

Blick nach vorne
„In The End“, den allergrößten Hit von Linkin Park, stimmt Shinoda gemeinsam mit den mehr als 3.000 Fans an, die Zeichnungen in die Höhe recken, bunte Luftballons hervorkramen und den Tränen freien Lauf lassen. Die emotionale Brücke zwischen Bühne und Zuschauerfeld schließt sich für wenige Minuten und führt allen die Unsterblichkeit von Musik vor Augen. Es soll der gefühlsbetonte Höhepunkt der Show sein, in der Shinoda schon davor mit einem Medley aus „Numb“, „Heavy“ und „Burn It Down“ für Gänsehaut sorgte. Doch es soll auch ein Zeichen dafür sein, dass Schmerz vergänglich ist und sich das Leben in der Gegenwart befindet. „Post Traumatic“ nannte Shinoda sein vor einigen Monaten veröffentlichtes Album, auf dem er aber nicht ausschließlich die Bennington-Tragödie verarbeitete. „Wenn ihr das Album kennt, werdet ihr merken, dass es anfangs ziemlich schwer ist, sich aber mit Fortdauer verändert. Es wird heller und fröhlicher.“

Wie erwartet gelang Shinoda mit dem Album eine mehr als akkurate Trauerbewältigung. Bei „Crossing A Line“ oder „Hold It Together“ zeigen sich die Fans genauso textsicher wie bei den großen Linkin-Park-Klassikern. Sie haben das Album verinnerlicht und es genau als das wahrgenommen, wofür Shinoda es überhaupt schrieb - um den eigenen Dämonen der Trauer Herr zu werden und am Ende positiv in die Zukunft zu blicken, ohne die Vergangenheit zu ignorieren. Für einige Minuten singen alle Anwesenden gemeinsam gegen den Schmerz an, aber drumherum ist Shinoda tunlichst bemüht, wieder Normalität in die Welt einkehren zu lassen. Er erzählt humorige Geschichten über den Songwritingprozess mit Bennington, empfängt schmunzelnd auf die Bühne fliegende Stofftiergeschenke und experimentiert mit großer Freude an seiner elektronischen Basisstation, die als Gerüst für den Konzertabend dient. Da Drummer Dan Mayo aus nicht näher definierten Gründen ausfällt, steht der 41-Jährige nur mit einem Multiinstrumentalisten auf der Bühne, der zumeist Gitarre und Backing Vocals in die Songs einfließen lässt.

Nostalgischer Abend
Gut ein Drittel des Sets werden von Linkin-Park-Songs eingenommen, doch Shinodas kurze Europatour ist kein Reanimieren seiner erfolgreichen Hauptband, sondern eine würdevolle, exakt den richtigen Ton treffende Hommage, die dazu noch von einem druckvollen Sound und atemberaubenden Lichteffekten begleitet wird. Neben seinen superben Solosongs packt er auch Raritäten seines einstigen Hip-Hop-Projekts Fort Minor aus, die dem nostalgischen Abend eine gewisse Würze verleihen. So gibt er etwa zu, dass er für „In Stereo“ gar keine Zeit zum Üben hatte und geht im Zugabenteil mit „Petrified“ und „Remember The Name“ noch einmal tief in die eigene Vergangenheit zurück. Ohne in bleierne Schwere zu verfallen, verlässt er nach etwa 100 Minuten die Bühne und hinterlässt ein kollektives Gefühl der Verzückung. Wie und ob es mit Linkin Park weitergeht, steht noch immer in den Sternen - der Vollblutmusiker hat jedenfalls wieder in die Spur zurückgefunden und ist bereit, die neuen Wege weiter zu beschreiten.

Robert Fröwein
Robert Fröwein

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