„checkIt!“-Pharmazeut:

„Die Drogen in Wien werden immer stärker“

Kokain mit 93 Prozent Reinheitsgehalt ist in Wien keine Seltenheit mehr. Diese Entwicklung hat Anton Luf, Pharmazeut bei der Drogenkompetenzstelle checkIt! (City4U hat bereits über sie berichtet), festgestellt. Seit sechs Jahren analysiert der 36-Jährige die illegalen psychoaktiven Substanzen von Freizeitdrogenkonsumenten. „Ich glaube an meine Arbeit. Denn damit helfen wir mit, die psychische und physische Gesundheit der Konsumenten zu wahren.“

Etwa 100 Proben von verschiedenen Drogen analysieren Anton Luf und sein Team im Labor an der MedUni Wien im Rahmen des Forschungsprojekts checkIt!. „Die Substanzen, die von den Konsumenten am häufigsten zum Testen abgegeben werden, sind Ecstasy, Speed und Kokain“, erzählt Luf beim City4U-Besuch im Labor. In den letzten Jahren habe sich daran nichts geändert, jedoch gab es andere Entwicklungen: „Vor allem MDMA und Kokain wurden in den letzten Jahren vom Wirkstoffgehalt viel stärker. Der zweite Punkt, der zwar sehr selten vorkommt, jedoch umso gefährlicher ist, ist das Hinzumischen von synthetischen Opioiden wie Fenthanyl.“ Bereits eine geringe Dosis kann für den Konsumenten tödlich sein.

Aufgrund dessen hat das checkIt!-Labor ein neues Testverfahren entwickelt, mit welchem mittels Laser innerhalb weniger Minuten festgestellt wird, ob einer Droge Fenthanyl zugemischt wurde. Neben der Analyse von psychoaktiven Substanzen gehört nämlich auch die Methodenentwicklung für die Substanzanalyse zu seinem Aufgabenbereich. „Man muss die Geräte darauf vorbereiten, dass sie die Stoffe erkennen. Wir haben die Analysegeräte extra für unsere Einsätze zusammengestellt. Sie müssen ja so kompakt wie möglich sein, immerhin wird sie ja zu Partys mitgenommen“, beschreibt der Pharmazeut. „Dort muss sie noch dazu unter Bedingungen arbeiten, für die sie nicht gemacht wurde: Temperaturschwankungen, Vibrationen und Luftfeuchtigkeit.“

Etwa einmal im Monat besucht das checkIt!-Team, bestehend aus Sozialarbeitern, Psychologen und Pharmazeuten Partys oder Festivals mit seiner mobilen Beratungsstelle. Dort können Drogenkonsumenten anonym und kostenlos Proben von ihren Substanzen abgeben, welche vor Ort und in kürzester Zeit analysiert werden. So soll das Risiko der Partygänger, unbewusst eine gefährliche oder unerwartete Substanz einzunehmen, reduziert werden. „Die Geschwindigkeit bei der Analyse ist natürlich ein wichtiges Thema. Immerhin wollen die Konsumierenden die Information recht schnell erhalten, um dann eine risikobewusste Entscheidung treffen zu können. Wir erzielen im Normalfall ein Ergebnis innerhalb von zehn bis 30 Minuten. Zudem können wir 40 Proben pro Stunde analysieren“, erläutert Luf.

City4U war beim Test einer Kokain-Probe im Labor dabei. Nach wenigen Minuten vollautomatischer Arbeit der Maschine zeigte der Computer an, dass es sich dabei um Kokain ohne unerwünschte Streckungsmitteln handelt und der Reinheitsgehalt 93 Prozent betrage. „Das ist ein sehr hoher Gehalt und kann für den Konsumenten sehr gefährlich sein, wenn er nicht weiß, wie stark die Wirkung sein wird“, beschreibt Luf. Anschließend wird die Probe noch auf synthetische Opioide getestet. Das Ergebnis diesmal: negativ.

Die meisten Konsumenten vertrauen dem Test. „Im letzten Jahr erzielten etwa 15 Prozent der Analysen einen roten Zettel. Das bedeutet, dass ein erhöhtes Risiko bei der Einnahme besteht. Viele Konsumierende verzichten bei einem roten Ergebnis auf die Einnahme.“ Luf ist sich sicher, dass er durch seine Arbeit schon einige Menschen vor einer Überdosierung oder Vergiftung bewahrt hat. „Für meine Arbeit ist es wichtig, eine akzeptierende Haltung gegenüber dem Substanzkonsum zu haben. Es werden legale und illegale Substanzen konsumiert, ob wir da sind oder nicht. Wenn wir aber da sind, können wir Schlimmeres verhindern.“

Für die Zukunft des Drug Checkings wünscht er sich, dass es weiter bestehen kann und möglichst vielen Menschen in Europa zugänglich gemacht wird. „Wir haben sehr gute Erfahrungen damit gemacht und ich glaube an unsere Arbeit.“ Seiner Meinung nach, sollte jedoch auch ein Umdenken in der Gesellschaft stattfinden: „Aus pharmazeutischer Sicht geht der Begriff ,Drogen‘ nicht weit genug. Es sind psychoaktive Substanzen, die konsumiert werden, zu denen auch Alkohol, Nikotin und Koffein gehören. Man muss sich bei all diesen Substanzen des Risikos bewusst sein und verantwortungsvoll damit umgehen.“

September 2018

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Viktoria Graf
Viktoria Graf

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