Di, 23. Oktober 2018

Missbrauchsverdacht

05.08.2018 16:35

Ex-Diplomat: „Fühlte mich wie in einem Albtraum“

Monatelang stand er unter dem Verdacht, seine Enkelin missbraucht und dadurch die Wahnsinnstat seiner Schwiegertochter - sie tötete ihren Sohn - mitverschuldet zu haben. Die Vorwürfe erwiesen sich letztlich als falsch. Jetzt spricht der 70-Jährige in der „Krone“. Franz G. (Name geändert) sitzt in einem Gastgarten, trinkt Mineralwasser. Trotz der großen Hitze trägt er über dem Hemd ein Sakko.

Es scheint fast, als wolle er damit seine Seriosität unterstreichen. „Es gibt Menschen, sogar aus meinem nahen Umfeld, die noch immer glauben, dass ich ein Verbrecher bin“, sagt er mit leiser Stimme. Die Geschehnisse der vergangenen Monate haben an dem einstigen Diplomaten Spuren hinterlassen, er wirkt angespannt. „In meinem Beruf“, erzählt er, „musste ich oft Krisen bewältigen, dabei lernte ich, mit schwierigen Situationen umzugehen.“

Aber dieses, sein persönliches Drama, das seiner ganzen Familie, „hat mich an die Grenzen des Ertragbaren gebracht …“ Am 3. Jänner erstickte seine Schwiegertochter im SMZ Ost ihren acht Monate alten Sohn und sie versuchte, ihre Tochter (4) zu töten. Die Frau war davor mit ihren zwei Kindern in das Spital geflüchtet, weil sie davon überzeugt war, er, der Opa, hätte das Mädchen missbraucht. Bei einem Weihnachtsfest in der Wiener Wohnung des Ex-Botschafters, am 25. Dezember.

„Wir spielten mit dem Nudelwalker“
Die Erinnerungen des 70-Jährigen an diesen Tag? „Meine Frau hatte groß aufgekocht, es gab eine Bescherung, nach dem Hauptgang ging ich mit meiner Enkelin in ein Nebenzimmer, wo ihre Puppenküche stand, wir spielten mit einem Nudelwalker und Plastilin ‘Palatschinken ausrollen‘. Danach feierten wir alle zusammen weiter, aßen Mehlspeisen, plauderten.“

Die Verabschiedung später, am Abend, sei herzlich gewesen. Und dann? „Beantwortete mein Sohn keines meiner Mails mehr. Ich dachte, er wolle ungestört Zeit mit meiner Schwiegertochter und seinen Kindern verbringen.“ Seltsam bloß „ein Anruf von ihm, kurz vor Silvester. Ich hatte vor, mit der Kleinen in eine Kinderoper zu gehen, zu Hänsel und Gretel - er sagte den Termin ab. Das Stück sei zu grausam für eine Vierjährige, meinte er plötzlich.“

„Ich fühlte mich wie in einem Albtraum“
Von dem Verdacht, den die Schwiegertochter da bereits gegen ihn hegte, „berichtete er nichts“. Franz G. erfuhr davon erst bei seiner Verhaftung, am 6. Jänner: „Ich fühlte mich wie in einem Albtraum.“ Noch mehr, „nachdem mir ein Fahnder mitteilte, dass mein Enkelsohn nicht mehr lebt.“ Der Ex-Botschafter beteuerte seine Schuldlosigkeit: „Ich bin kein Kinderschänder!“ Er kam in U-Haft. „Ich saß mit zwei Männern in der Zelle, die Missbrauchsdelikte begangen haben sollen. Sie erzählten mir, dass sie in ihrer Jugend selbst Opfer schrecklicher Übergriffe geworden sind. Ich wurde mit Seelenwelten konfrontiert, die ich davor nicht gekannt hatte.“

Herr G., wie groß war Ihre Angst vor einer Verurteilung? „Ich zweifelte zu keinem Zeitpunkt daran, dass letztlich die Wahrheit ans Licht kommen wird.“ Im Februar wurde er in Freiheit entlassen, vor zwei Wochen das Verfahren gegen ihn endgültig eingestellt. Fest steht mittlerweile: Seine Enkelin ist niemals missbraucht worden. Ihre Mutter leidet laut psychiatrischem Gutachten an einer seelischen Störung, die in eine Psychose, einhergehend mit Wahnfantasien, mündete. Die Frau gilt als unzurechnungsfähig.

„Ich kann keinen Hass gegen sie empfinden“
Die Gefühle des 70-Jährigen seiner Schwiegertochter gegenüber? „Ich kenne sie nur als besonders liebenswerten Menschen. Ich weiß jetzt, sie ist sehr krank. Deshalb kann ich keinen Hass gegen sie empfinden.“ Herr G., Ihr Sohn hielt die Angaben seiner Frau für real und er sprach vor der Kripo davon, dass sein Verhältnis zu Ihnen von Jugend an distanziert gewesen sei … „Ich habe das stets anders empfunden, aber wahrscheinlich blieb unser Familienleben wegen meiner aufreibenden Arbeit manchmal auf der Strecke.“

Machen Sie sich deshalb Vorwürfe? „Dazu ist es zu spät. Fehler von früher sind nicht korrigierbar. Was zählt, sind die Gegenwart und die Zukunft. Ich hoffe, dass mein Sohn irgendwann wieder den Weg zu mir finden wird - er tut mir unendlich leid.“ Das Grab seines Enkels hat der Ex-Botschafter noch nicht besucht: „Weil ich bis heute nicht erfahren durfte, wo es ist …“

Martina Prewein, Kronen Zeitung

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