Wiener Fiakerin:

„Unsere Pferde machen mehr Urlaub als wir“

Nur wenige Frauen ergreifen den Beruf der Kutscherin. Katharina Fiedler ist in ihrem Fiakerunternehmen die einzige neben 24 Herren. „Der Umgangston ist recht rau und die Arbeitstage sehr lang. Das ist nicht für jede was“, begründet die 26-Jährige den geringen Frauenanteil in diesem Berufsfeld. City4U hat sie in den Stallungen in Simmering besucht und mit ihr über ihren Beruf, die Pferde und Tierschützer gesprochen.

Eigentlich hat Katharina Fiedler Pflegewissenschaften studiert und nur nebenbei beim Fiakerunternehmen Paul gejobbt. „Es war schwierig etwas als Reitlehrerin zu finden ohne Ausbildung. Also habe ich einfach dort angerufen, bin hingegangen und geblieben. Nun bin ich hauptberuflich Fiakerin und im Büro“, erzählt sie beim Interview in der Kutsche. Ein Arbeitstag als Fiaker dauert bis zu zwölf Stunden, inklusive der Vor- und Nacharbeit. Sie selbst hat ebenfalls zwei Pferde und reitet seit sie vier Jahre alt ist.

„Ich liebe den Umgang mit den Pferden und Kunden. Die meisten sind sehr an der Haltung der Pferde interessiert“, beschreibt sie. Doch auch mit extremen Tierschützern kommt sie oft in Kontakt. „Ich bin schon so häufig beschimpft worden. Ich verstehe ja so manche Argumente von ihnen, aber die meisten wollen sich leider auf keine Diskussion einlassen. Natürlich gibt es auch bei Kutscherunternehmen schwarze Schafe, aber man muss klare Unterschiede machen. Unsere Pferde sind zum Beispiel häufiger im Urlaub als wir Kutscher“, bekräftigt die Wienerin.

Die Wallache arbeiten jeweils vier Tage die Woche für etwa acht Stunden. Drei Tage haben sie frei und genießen die Stunden in den Stallungen in Simmering. „Die Pferde sind etwa zwei bis drei Monate in der Stadt und anschließend ein Monat auf ‘Urlaub‘ in den großen Stallungen in Fischamend, wo sie den ganzen Tag auf der Sandkoppel oder auf der Weide entspannen können. Ein bis zwei Mal in der Woche werden sie für eine Stunde in die Kutsche gespannt, damit sie keine Muskeln abbauen“, erklärt Fiedler. In ihrem Unternehmen würde der Chef sich sehr um die Pferde kümmern und noch mehr dazukaufen, um sie noch öfter auszutauschen und auf Urlaub schicken zu können.

Die Diskussionen um das Fiakerverbot versteht Fiedler nur zum Teil: „Das Fahrverbot ab 35 Grad ist ja noch okay, aber wenn sie es noch weiter runtersetzen, ist es lächerlich. Pferde stellen ihr Fell auf und können ihre Temperatur so viel besser regulieren als der Mensch. Wenn man sie abkühlt, trinken lässt und auch in den Schatten stellt, ist die Hitze kein Problem für sie. Meine privaten Pferde stehen freiwillig in der prallen Sonne im Sommer, obwohl sie die Wahl haben“, sagt die Kutscherin.

Die Pferde sind auch untereinander ein eingespieltes Team, es gehen immer dieselben zwei miteinander und arbeiten mit dem gleichen Kutscher zusammen. „Unsere Kutscher haben die Pferde wirklich gern. In der Früh holen sie nicht nur eine Leberkässemmel im Supermarkt, sondern auch ein Sackerl Karotten“, betont Fiedler. Im Moment geht das Geschäft gut, das wünscht sich die 26-Jährige auch für die Zukunft. „Ich will auch, dass Unternehmen, die die Pferde schlecht behandeln und halten, härtere Strafen bekommen“, fordert sie. Das Fiakerunternehmen Paul bietet übrigens auch Stallführungen an, damit sich skeptische Kunden selbst ein Bild von der artgerechten Haltung der Tiere machen können.

Juni 2018

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Viktoria Graf
Viktoria Graf

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