Sa, 18. August 2018

Herrlich befreiend

20.06.2018 08:00

Dem Alltag entfliehen: Meditieren in der Toskana

Ich atme ein, ich atme aus; setze einen Fuß vor den andern" Der leider so früh verstorbene Roger Cicero kommt mir in den Sinn, als ich im Schneckentempo eben das tue; auf einem herrlichen, privaten Anwesen; mitten in der Toskana, wo sich Weltkultur- und Weltnaturerbe überlagern. Der Blick schweift weit über sanfte Hügel und wogende Rapsfelder, überbaut von einem dramatischen Himmel. Ein Platz zum Hinknien, wie geschaffen zum Innehalten.

Und genau deshalb sind wir hier; acht Kärntner, die dem Ruf ihres Meditationslehrers Cesare Lino, gebürtiger Italiener und Banker in Klagenfurt im Hauptberuf, hierher gefolgt sind, um für eine Woche dem Alltag zu entfliehen und sich auf die Suche zu begeben; wonach auch immer, jeder mit seinem eigenen Ziel; jeder mit seiner Geschichte, mit seinem Kopf voller Gedanken; jeder mit einer gewissen Erwartung und der dazugehörigen Haltung; jeder für sich und doch gemeinsam.

Der Gärtner wird sich sicher gewundert haben über die Österreicher, die da langsam - richtig langsam - im Rhythmus ihres Atems dahinzogen; schweigend, oft sogar mit geschlossenen Augen; in einer Geh-Meditation versunken; einmal nur den Geräuschen der Natur verpflichtet, dann der Schönheit einer einzelnen Pflanze, schließlich wieder Gedanken folgend, die unter Cesares Anleitung hervorgelockt werden aus den Tiefen unseres Geistes. Das ist seltsam reinigend, herrlich befreiend; manchmal aber auch befremdlich, ja sogar beängstigend, was alles verborgen und verschüttet wird, wenn der Alltag uns hetzt.

In der Toskana ist Platz und Ruhe genug, um ein wenig aufzuräumen
„Wir nehmen die Gedanken wahr. Aber wir bewerten sie nicht. Nicht, ob sie gut sind oder schlecht. Wir nehmen sie zur Kenntnis und kehren zum Atem zurück“, regt Cesare ein um das andere Mal an. Und während das Kopfkino die seltsamsten Programme anbietet, könnte man eine Stecknadel fallen hören im Meditationsraum, obwohl hier acht Menschen, die sich vorher nicht kannten, nebeneinandersitzen, hocken, liegen.

Währenddessen wird im Haupthaus, einer Villa im typisch toskanischen Stil, modern ausgestattet und doch bis ins kleinste Detail stimmig mit altem Baumaterial durchkomponiert, gezaubert; in drei Küchen parallel ist Gianluca, unterstützt von Irina, in seinem Element: ein Freund von Cesare, Architekt im Zivilberuf und mit einer Koch-Kreativität begnadet, die ihm auf Anhieb Hauben bescheren würde. Alles wird frisch gemacht; das Brot, die Focacce, die verschiedenen Paste, Salate, Soßen. Wir genießen in vollen Zügen, teils schweigend, weil auch das dazugehört, teils bei tiefgehenden und langen Gesprächen, während sich die Welt leicht, zart, wattegedämmt, ja fast unmerklich zu verändern beginnt; alles wird irgendwie anders; langsamer, aber umso intensiver. Oder ist es nur unsere Sicht darauf, die sich wandelt?

Ich atme ein, ich atme aus ...
„Keine Meditation ist wie die andere“, erklärt Cesare, der weiß, dass Hochs und Tiefs so kommen und gehen wie die Gedanken. Und dann reden wir über Glück, und wem wir es wünschen; und über Gesundheit und über Angst. Und ziehen wieder los, langsam, sehr langsam; eine Woche lang, Tag für Tag; bei Sonne, Regen, Wind. Und schauen in die Nähe, in die Ferne - und ganz tief in uns selbst hinein. Und kehren immer wieder zum Atem zurück. „Jeder Atemzug ist eine Meditation“, sagt Cesare und holt tief Luft. 
Die Sinne schärfen sich, scheinbar Erledigtes bricht auf, andere Wellen laufen aus. Ich atme ein, ich atme aus; setze einen Fuß vor den anderen. Und komme wieder; hierher.

Hannes Mößlacher, Kronen Zeitung

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