Graffiti-Forscher

„Ich habe meinen Beruf erst selbst erfunden“

„Der Vietnam-Krieg, die AKW-Thematik, Proteste gegen das Franko-Regime in Spanien, später die RAF-Rote Armee Fraktion - all das hinterließ seine Spuren auch an den Wiener Wänden“, erklärt Norbert Siegl, Österreichs erster und einziger Graffiti-Forscher. Da es dieses Berufsfeld vorher noch gar nicht gab, erfand er es in den 1970er-Jahren einfach selbst. Mit Erfolg - schließlich arbeitet der ehemalige Fotograf seit damals als solcher.

„Als ich in den 70er-Jahren nach Wien kam, fielen mir die vielen Schriften auf, die es an den Wänden gab. Teilweise kamen sie noch von den Besatzungsmächten des Zweiten Weltkrieges, aber auch noch zahlreiche Parolen der NS-Zeit. Dann tauchten auch Forderungen zu Themen wie Umweltschutz auf, Protestgraffiti gegen das AKW-Zwentendorf oder Anarchograffiti. Ich war damals Fotograf und begann damit, diese Schriften, Parolen, Zeichnungen und Forderungen zu dokumentieren“, beschreibt Norbert Siegl seinen Weg zum Graffiti-Forscher. Gespräche mit Kollegen in der Werbeagentur führten bald in den wissenschaftlichen Bereich: "So entstand eine neue Wissenschaftsrichtung, die ich Graffiti-Forschung nannte.“ Schließlich begann er Psychologie zu studieren und schloss es mit einer Arbeit über geschlechtsspezifische Unterschiede bei der Graffiti-Produktion ab.

#Was macht ein Graffiti-Forscher?

Siegl fand vor allem den Aspekt interessant, dass es sich bei Graffito um inoffizielle Botschaften handelt, in denen sich sehr schön und vielfältig die Anliegen der jeweiligen Zeit wiederspiegeln. „Umso tiefer man in die Materie eindringt, umso interessanter wird es“, findet der 66-Jährige und ergänzt: „Als Graffiti-Forscher dokumentiere ich die Manifestationen an den Wiener Wänden, werte sie aus und setze sie in Bezug zu anderen Medien. So erfolgte bald darauf die Gründung des Wiener Graffiti-Archivs.“ Darin werden alle Straßenkunstwerke dokumentiert, da sie ja meist nur für kurze Dauer zu sehen sind - der jeweilige Spiegel zur Gegenwart. Schließlich werden sie bald wieder von anderen Künstlern übersprüht oder von Hausbesitzern übermalt.

#Niemals illegal

Norbert Siegls Interesse an Graffiti speist sich vor allem aus den wissenschaftlichen Aspekten. „Bei Instituts-Workshops kann es vorkommen, dass ich einmal zur Spraydose greife. Mit illegalen Aktionen hatte und habe ich allerdings nie etwas zu tun gehabt“, betont er. Das schlechte Image dieser Art von Kunst machte es ihm am Anfang seiner Arbeit auch mal schwer. „Das erforderte viel an Diskussionen und Gesprächen. Im wissenschaftlichen Bereich war jedoch bald klar, dass es sich bei Graffiti um wichtige Manifestationen handelt und dass sie es wert sind, festgehalten zu werden.“ Das schlechte Image gehört aber heute großteils der Vergangenheit an, weiß Siegl: „Von der weitgehenden Verständnislosigkeit gegenüber Sprayern in den 1990er-Jahren, hin zu einem weit toleranten Umgang und vielen freien, legalen Flächen in der Stadt, gab es eine Entwicklung.“ Selbst Firmen und Wohnungsinhaber zählen heute zu Kunden von Sprayern.

#Römisches Kinder-Graffito

In seiner jahrzehntelangen Karriere als Forscher, hat Siegl schon einiges entdeckt: „Das älteste Kinder-Graffito Österreichs zum Beispiel stammt aus dem Verputz einer antiken römischen Villa in Niederösterreich. Viele verborgene Kunstorte wurden während Dokumentationsreisen entdeckt. All das festzuhalten fordert viel Zeit und füllt Tage.“ Durch neue Kulturtechniken und die Digitalisierung wurde aber vieles einfacher. „Als Möglichkeit zur Präsentation und Interaktion mit Interessierten entstand die Seite www.graffitieuropa.org, die nach wie vor zu den am meisten geklickten in diesem Gebiet zählt. Zahlreiche Diplom- und Semesterarbeiten wurden damit bereits geschrieben", freut sich Siegl. Auch die Homepage www.graffitimuseum.at wird von dem 66-Jährigen betreut.

#Ein echter Banksy

Am meisten Spaß hat der Wissenschaftler an der Arbeit mit jungen, interessierten Menschen. „Ihnen die Graffiti- und Street-Art-Kultur zu erklären, bringt vielfältigen Gewinn in Bezug auf Verständnis und Toleranz“, ist sich Siegl sicher. Kennt man sich mit Graffiti gut aus, geht es einem vielleicht auch mal so, wie einem Wiener Hausbesitzer. „Der fand an seiner Wand einen echten Banksy und ließ ihn fachmännisch und technisch aufwändig von der Fassade ablösen, um ihn für eine hohe Summe über das Wiener Dorotheum zu verkaufen. Daraufhin kamen so viele Anrufe von weiteren Menschen, die ebenfalls ein Schablonen-Graffito auf ihrer Wand entdeckten, in der Hoffnung, auch das Werk eines bekannten Künstlers an der Fassade zu haben.“

Mai 2018

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Viktoria Graf
Viktoria Graf

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