Sa, 17. November 2018

Riesige Bandbreite

18.05.2018 11:55

Die Volks(Reise-)wagen: Alles California oder was?

Der wohl berühmteste Camper der Neuzeit ist der VW California, der inzwischen auf dem Volkswagen T6 basiert. Noch dieses Jahr wollen die Wolfsburger (bzw. Hannoveraner, dort sitzt VW-Nutzfahrzeuge) den hauseigenen Campingbus auf Basis des Crafter, also eine Nummer größer, als Serienfahrzeug vorstellen. Eine Nummer kleiner gibt es auch schon. Doch die bereits (bei anderen Anbietern) erhältliche VW-Camper-Palette ist riesig.

Anmerkung: Alle hier genannten Preise gelten für Deutschland. In Österreich sind der höhere Mehrwertsteuersatz sowie die NoVA mit zu berücksichtigen.

Den Camping-Einsteiger hat VW in Form des Caddy Beach im Programm. Er kann etwa mit einer stabilen Küchenbox und Schlafliege der Firma Ququq für rund 2300 Euro in ein Campmobil für junge Leute umgebaut werden. Auch für den Pickup Amarok finden sich Spezialaufbauten und der neue Crafter soll die Reisemobil-Welt ebenfalls im Sturm erobern.

Daimler hängt die Volkscamper ab
Bislang ist das aber höchstens ein laues Lüftchen. Im Gegensatz zum ehemaligen Zwillingsbruder Mercedes Sprinter, der schon vor der Auslieferung der ersten neuen Transporter-Modelle bei Hymer als integriertes und teilintegriertes Fahrzeug vorgestellt wurde und bis zum Caravan-Salon Ende August noch bei einigen anderen Herstellern Premiere haben wird, ist die Ausbeute beim VW Crafter eineinhalb Jahre nach dem Marktstart eher bescheiden. Erst eine Handvoll Unternehmen lassen die Vorzüge eines Pkw-nahen Cockpits, guter Vernetzung und zahlreicher Assistenzsysteme auch der Reisemobil-Kundschaft zukommen.

Generell gibt es bis heute noch keine Crafter-Reisemobile als Teilintegrierte, Integrierte oder Alkoven. „Wir hatten für die Anlaufphase in dem komplett neuen Werk in Polen andere Prioritäten gesetzt“, heißt es von offizieller Seite bei VW. „Bis zum Jahresende werden wir den Crafter aber auch mit einem Flachrahmen-Chassis für die Caravaning-Hersteller anbieten.“

Crafter mit Platz auch für große Menschen
Mit dem Jandelsbrunner Caravaning-Hersteller Knaus hat immerhin auch ein Großer der Branche den Crafter zum rollenden Eigenheim umgebaut. Den Box-Drive gibt es zunächst allerdings nur in einer auf 150 Einheiten begrenzten First-Edition-Serie mit langem Radstand, sämtlichen Assistenzsystemen, längs angeordneten Einzelbetten oder einem riesigen Doppelbett (212 x 178 Zentimeter) im Heck und einem Raumbad samt Dusche mit regenbogenfarbener Wellness-Beleuchtung für rund 80.000 Euro.

Auf Campingurlaub mit Motorrad neben dem Bett
Elia Akkawi, Geschäftsführer von Schwabenmobil, der den Crafter als Florida Multitalent und Tango (beide ab rund 63.000 Euro) in zwei völlig unterschiedlichen Grundrissen anbietet, zeigt sich mit der bisherigen Resonanz sehr zufrieden: „Im ersten Jahr haben wir fast 100 Fahrzeuge verkauft. Das ist für den Anlauf sehr gut.“ Ungewöhnlich beim Florida Multitalent ist das Raumbad direkt hinter den Vordersitzen und die Einzelbetten im Heck, die nach dem Hochklappen sogar Raum für ein Motorrad schaffen. Bei gut 800 Kilogramm Zuladung für den 3,5-Tonner kein Problem.

Crafter mit Klappbett in der Mitte
Camping-Spezialist Reimo reiht sich zum Caravan-Salon in den kleinen, aber feinen Club der Crafter-Ausbauer ein. Der Prototyp aus dem hessischen Egelsbach präsentiert sich ebenfalls mit einer neuen Grundriss-Variante. Ähnlich wie bei einem Campingbus wird hier eine Mittelsitzbank zum Bett umgebaut und die drehbaren Frontsitze als Teil der Sitzgruppe verwendet. Hinter der seitlichen Küche ist im Heck ein großzügiges Raumbad mit geräumiger Dusche eingebaut. Später soll es noch die Option auf ein Aufstelldach geben. Vorteil: Wer im Dachjuchhe schläft, muss nicht jeden Abend im Parterre Betten bauen. Preise für Reimo-Crafter gibt es allerdings noch nicht.

Mit dem Amarok im Gelände campen
Dass auch ein Amarok als Reisemobil-Basis taugt, beweisen beim Auftritt der externen VW-Partner gleich drei Firmen. Tischer und Bimobil setzen seit Jahren auf das Prinzip der Huckepack-Kabine. Eine eigene Wohnkabine wird auf der Ladefläche des Pickups fest verankert, kann unterwegs aber auch auf den eigenen Stützen abgestellt und ohne Basisfahrzeug genutzt werden. Während Bimobil die Seitenwände des Pritschenaufbaus abmontiert, lässt Tischer den VW-Pickup unangetastet, was den Vorteil hat, dass auch andere Pickups als Basis für die Kabine genutzt werden können. Mit 80.000 bis 90.000 Euro Gesamtsumme muss man allerdings schon rechnen.

Gegenüber dem GEHOCap Kora, bei dem der Alkovenaufbau mit dem Amarok fest verbunden ist, ist das aber dennoch ein Schnäppchen. Das Designer-Offroadmobil ist Luxus pur, verwendet Leichtbau-Wände aus Flugzeugcarbon, Materialien aus dem Jachtbau und eine ausschließlich über eine Lithium-Ionen-Batterie mit Strom betriebene Kochstelle und kostet rund 200.000 Euro. Von den individuell gefertigten Fahrzeugen werden nur fünf Stück pro Jahr exklusiv gebaut.

Große Auswahl bei T6-Campern
Die überwiegende Mehrzahl der externen VW-Reisemobilpartner beschäftigt sich allerdings mit dem T6 und beweist, dass es für den scheinbar bis ins Detail ausgeklügelten California-Grundriss doch noch jede Menge Alternativen gibt. Die Darmstädter Space-Camper etwa, von Ben Wawra und Markus Riese 2005 gegründet - Riese ist auch Mitbegründer des bekannten Fahrradherstellers Riese und Müller -, bieten einen der leichtesten Ausbauten auf dem Markt an: Sie sind für ihre Ideen wie die zwei Schiebetüren und die ausschwenkbare oder gar komplett ausbaubare Küche auch prämiert worden. Mit jährlich etwa 120 gebauten Exemplaren ist die Firma der größte externe T6-Partner im Campingbus-Bereich.

Einsteger, Offroader und rollende Hundehütte
Die Hagener Vanufaktur konzentriert sich gleich auf drei Spezialbereiche. Die Terracamper als expeditionstaugliche Ausbauten verwenden hochwertige, modulare Möbelsysteme aus Aluminium, die für einen erhöhten Ladebedarf auch leicht demontiert werden können. Bei rund 60.000 Euro beginnt die nach oben offene Preisskala. Nach oben offen ist auch das Aufstelldach - mit dem Terracamper kann man quasi als Cabrio fahren. Die Möbelelemente sind herausnehmbar, nur links und rechts seitlich bleiben sogenannte Technikkästen stehen. Interessant ist der grundsätzliche Ansatz, den VW T6 explizit für zwei Personen auszubauen, nicht für die Familie. 

Die Flowcamper-Reihe markiert den Einstieg ins T6-Camperleben. Neu ist hier der „Space“ mit farbenfrohem Interieur, stilistisch an die Historie der legendären VW Bullis angelehnt, zu Preisen ab 39.000 Euro.

Und von Hundebesitzern geschätzt wird der Dogscamper mit einem mehr oder weniger großen Käfig unter der Liegefläche.

Alle Stückln fürs Geländeleben
Die „Multicamper“ können auf Wunsch richtig ins Geld gehen, aber auch entsprechend Spaß machen. Das hier gezeigte Modell Adventure kommt auf 140.000 Euro, ist aber auch mit Durchlauferhitzer, Fußbodenheizung, elektrischem Faltschiebedach, Lederausstattung, fetter Soundanlage und vielen, vielen Extras ausgestattet. Mit Luftfahrwerk und einer Bodenfreiheit von weit über 40 Zentimetern stellt kaum ein Gelände ein Hindernis dar. Auf dem Reserverad ist ein Griller angebracht und statt Reifen und Kanister lässt sich auch ein 170 kg schweres Motorrad transportieren. Der Preis ist genauso flexibel wie die Ausstattung.

Vom Jachtbau inspirierte Fahrzeuge von Campmobil Schwerin mit Heckküche oder die Octo-Busse von Fischer-Reisemobil mit Rollbett - der gestalterische Spielraum ist groß. Und in der Kleinserie können die Bedürfnisse der Kunden viel individueller bedient werden. Ob man das irgendwann auch für den Crafter sagen kann?

SPX/sms

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