Gastkommentar

Rektor der KF-Uni-Graz zur Situation an den Hochschulen

Steiermark
07.11.2009 16:17

Sie sind Wirt eines traditionsreichen Gasthofes. Mit steirischer Küche und konstanter Zahl an täglichen Gästen. Entsprechend dieser Erfahrungen sind die Plätze an den Tischen eingedeckt, die Töpfe in der Küche aufgestellt und die Zwiebeln geschnitten. Kurz nach dem Aufsperren strömt überraschend um ein Viertel mehr an Kundschaft als gewohnt in das Restaurant. Während sich die Köche darauf einstellen – sie strecken die Sauce ein wenig –, treffen weitere Gäste ein. Wartezeiten, kleinere Portionen, Unmut regt sich. Das kann nicht sein, denn das Gasthaus gehört uns, behaupten einige. Unterdessen verlangen die einen "Fast Food", die anderen Haubenküche. Und der Wirt? Er soll alle hungrigen Gäste natürlich mit den vorhandenen Lebensmitteln und Geschirr satt kriegen. Alles hübsch angerichtet, schmackhaft gekocht – mit vielen Nährstoffen, versteht sich! Ebenso wie reichlich exzellenter Wein. Prost? Mahlzeit?

Vor einer ganz ähnlichen Situation stehen derzeit die österreichischen Universitäten. An der Karl-Franzens-Universität Graz haben heuer statt der bislang etwa 3.000 bereits 4.000 junge Menschen erstmals ein Studium begonnen. Die Gesamtzahl ist um 15 Prozent auf bis dato mehr als 25.000 StudentInnen gestiegen. Gleichgeblieben ist nur die Höhe des Budgets. Bis 30. 11. 2009 können sich noch immer Studierende einschreiben. Planungen gleichen angesichts des unvorhersehbaren Zuwachses einem Glücksspiel.

Die Politik gaukelt der Gesellschaft seit Jahren vor, am universitären Tisch für Bildungshungrige sei ausreichend Platz. Für alle. Jederzeit. Für nahezu jedes beliebige Studium. Nicht, dass die Universitäten Studierende ausladen möchten, ganz im Gegenteil. Österreich braucht mehr Akademikerinnen und Akademiker. Aber die Rektoren haben die Verantwortung, vor falschen Erwartungen zu warnen. Es ist nicht fair, Illusionen zu wecken, die niemand niemals einhalten kann. Bei einem beschränkten Budget kann es keinen unbeschränkten Zugang geben.

Die Proteste sind nachvollziehbar. Ich respektiere, dass Hörsäle aus Zorn über falsche Versprechungen besetzt werden. Ich verstehe, dass sich junge Leute wehren, wenn sie keinen Ausweg sehen. Mein Team und ich sind daher mit den Studierenden im Gespräch, wenngleich das Rektorat nicht alle Forderungen erfüllen kann. Ich sehe aber auch ein, dass mittlerweile sehr viele in die besetzten Hörsäle wollen, um ihre Vorlesungen zu besuchen und ihr Studium weiterzuführen. Die Universität bemüht sich daher, eine Lösung für alle Studierendenanliegen herbeizuführen.

Viele andere Punkte, wie die Finanzierung von freier Bildung für alle, können die Universitäten nicht lösen. Die Hohen Schulen benötigen sowohl die gesellschaftliche Unterstützung der Steuerzahler – also der Financiers der Universitäten – als auch das politische Bekenntnis, wie viele Studierende Österreichs Universitäten tatsächlich ausbilden können. Außer wahltaktisches "Studentenfutter" wurde dazu leider nicht viel serviert.

"Steirerkrone"-Gastkommentar von Alfred Gutschelhofer, Rektor der KF-Uni-Graz

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