Mo, 20. August 2018

Live in der Stadthalle

17.04.2018 00:42

Bob Dylan: Mit der Freude eines Grantlers

Mit stolzen 76 Jahren bot Bob Dylan Montagabend vor rund 8.500 Fans in der Wiener Stadthalle sein bestes Österreich-Konzert seit langer Zeit. In seine bunte Mischung aus Hits und Obskuritäten aus mehr als fünf Dekaden mischte sich tatsächlich ein ungewohnt intensiver Hauch an Spielfreude.

Ein Bob-Dylan-Konzert ist jedes Mal ein riskanter Ritt durch unbekanntes Land. Manchmal spielt die Legende ein derart perfektes Set, dass es die Gezeiten zu überdauern scheint. Andere Male verunstaltet der Amerikaner sich und sein Kultwerk so dermaßen harsch, dass nur die unverbesserlichen „Dylanologen“ ehrfürchtig vor dem großen Meister stehen und jedes Nuscheln, jeden verspielten Ton und jeden Anflug seines Grants mit inbrünstiger Vehemenz verteidigen. Und dann gibt es noch die Dylan-Konzerte, die sich unaufgeregt durch den Abend weben, den Hörer mit spielerischer Leichtigkeit in ihren Bann ziehen und einzig und allein von der Kraft des Moments leben. Und genau so einen Moment erleben die rund 8.500 Fans in der fast ausverkauften Wiener Stadthalle an diesem Montagabend.

Dylan’sche Freude
Ganz im Gegensatz zu seinem letzten Auftritt vor fast genau vier Jahren findet Dylan nicht nur den richtigen Ton, sondern hat offensichtlich auch bessere Laune. Während er sich damals unter massiv zurückgeschraubter Bühnenbeleuchtung eher widerwillig ans Klavier setzte, um seine Songs möglichst maximal zur Unkenntlichkeit zu verformen, spielt er heute offen, motiviert und erfreut. So erfreut, wie es bei „His Bobness“ eben möglich ist, denn in der gut 100-minütigen Show fühlt sich der 76-Jährige natürlich nicht dazu bemüßigt, mit auch nur einer Silbe eines Gesprächsfetzens an die Gläubigen in der Halle zu kommunizieren.

Doch frei nach dem beliebten Motto „Let the music do the talking“ konzentriert sich der Grandsigneur der Populärmusik auf seine unsterblichen Songs, eine gediegene Stilistik und seine einzigartige, auch im Spätherbst des Lebens noch eindringliche Singstimme, die vor allem beim loungigen „Duquesne Whistle“ oder dem schwungvollen Klassiker „Highway 61 Revisited“ in vollem Glanz erstrahlt. Dylan fühlt offensichtlich nicht nur die schnöde Pflicht, die Lieder einem treu ergebenen Publikum entgegenzuschleudern, vielmehr beweist er sich als geschickter Entertainer, der auch den Crooner beherrscht (beim Yves-Montand-Cover „Autumn Leaves“) oder mit dezentem Ausfallschritt einen Hauch von urwüchsigen Rock’n’Roll versprüht („Pay In Blood“).

Wollen, nicht müssen
Ganze 30 Jahre dauert seine „Never Ending Tour“ mittlerweile und nach all der Zeit hat man das eindringliche Gefühl, dass seine Experimentierwut langsam an die Grenzen gestoßen ist. Natürlich brüskiert er seine Zuseher mit gnadenloser Zurschaustellung seiner sturen Interpretation, doch eine legendäre Nummer wie „Tangled Up In Blue“ hat der Altmeister früher schon wesentlich mehr in die Unkenntlichkeit getrieben. Altersmilde ist hingegen keine zu erkennen. Gottseidank, denn so zeigen Klassiker wie „Desolation Row“ oder das Up-Tempo-Stück „Thunder On The Mountain“ stets ihre Krallen und versprühen ein wohliges Gefühl des Juvenilen. Wenn er sich in der gemütlichen Wohnzimmeratmosphäre bei „Long And Wasted Years“ stehend ans Mikro krallt und seine Lebensbeichte ablegt, dann weiß man, dass hier einer einfach will und ganz sicher nicht muss.

Querbeet wandert Dylan durch seine beeindruckende Karriere und begeistert nicht zuletzt mit den weniger geschätzten Spätwerken wie „Tryin‘ To Get To Heaven“ oder dem beatlastigen „Honest With Me“, die auch in der Interpretation etwas frischer wirken als so manch hochgelobter Song aus den ganz frühen Jahren. Der Literaturnobelpreisträger 2016 ist eben ein fantastischer Geschichtenerzähler, dessen Storys von einer angenehm-ungezwungenen Zeitlosigkeit durchzogen sind. Erst vor den zwei Zugaben bewegen sich die andächtig lauschenden Fans von den Sitzplätzen an den vorderen Bühnenrand und werden von einer erwartet verunstalteten Version von „Blowin‘ In The Wind“ und einem souveränen „Ballad Of A Thin Man“ in die kühle Nacht entlassen. Wer die großen Klassiker will, der soll bitteschön Vinyl auflegen oder den CD-Player füttern. Gewohntes zu durchbrechen bleibt die oberste Prämisse des Altstars. Hoffentlich noch ein weiteres Mal.

Robert Fröwein
Robert Fröwein

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