Do, 16. August 2018

„Kaum noch Chance“

03.04.2018 11:13

Wiener AHS-Direktoren gegen Deutschförderklassen

Im Herbst starten die neuen Deutschförderklassen. Schüler mit schlechten Deutschkenntnissen werden dann - wie berichtet - in separaten Klassen unterrichtet. Doch gegen die neue Integrationsmaßnahme der türkis-blauen Regierung werden jetzt Bedenken vonseiten der Schulen selbst laut. Der Plan bringe die Schüler nicht immer weiter, kritisierten die Wiener AHS-Direktoren am Dienstag. Sie wollen selbst entscheiden, ob tatsächlich eine eigene Förderklasse gebildet werden muss.

Schüler, die nicht ausreichend Deutsch sprechen, müssen ab dem kommenden Schuljahr verpflichtend 15 (Volksschule) bzw. 20 (Neue Mittelschule/AHS-Unterstufe) Wochenstunden eine Deutschförderklasse besuchen. Können mindestens sechs Schüler pro Schule kaum Deutsch, muss ab Herbst 2018 eine eigene Deutschförderklasse eröffnet werden, in der dann sogenannte außerordentliche Schüler nach eigenem Lehrplan unterrichtet werden - mit Ausnahme von Fächern wie Zeichnen, Musik oder Turnen, wo sie altersgemäß anderen Klassen zugeteilt werden.

So sieht es der Gesetzesentwurf des Bildungsministeriums vor, der noch bis 12. April in Begutachtung ist. „Wir wollen damit bestehende provisorische Modelle der Deutschförderung in eine nachhaltige und vor allem verbindliche Regelsystematik überführen. Die Vorbereitungen für die Umsetzung dieses neuen Modells laufen auf Hochtouren“, hatte Bildungsminister Heinz Faßmann (ÖVP) den Entwurf zuletzt Ende März gelobt.

Direktoren wollen selbst entscheiden
Doch nicht alle Beteiligten sehen es wie der Bildungsminister. Ursula Madl, Direktorin des Billrothgymnasiums in Döbling, hält wenig vom derzeitigen Plan für die Deutschförderklassen, wie sie am Dienstag im ORF-Radio erklärte. Der Vorsitzenden des Vereins der Wiener AHS-Direktoren zufolge sollten die Direktoren selbst entscheiden können, „ob ich eine Klasse bilde, weil viele Kinder da sind, oder ob ich es wie bisher mache, dass die Kinder teilweise im Unterricht sind und teilweise in ihren zum Beispiel elf Deutschstunden, damit sie beides haben“. Beides haben - das sei etwa auch für Flüchtlinge wichtig. Mehr als nur in Turnen oder Zeichnen.

Viele brächten laut Madl „schon viel Wissen mit“ und sollten auch bei uns länger im regulären Unterricht sitzen. „Es kommen ja Kinder, die fachlich schon viel in einer anderen Schule gelernt haben, die kommen ja nicht vollkommen wissenslos“, so Madl. Doch mit künftig 20 Stunden Förderklasse an Gymnasien hätten Betroffene kaum noch eine Chance, später in den regulären Unterricht mit Gleichaltrigen einzusteigen, ist die Direktorin überzeugt. In den Deutschförderklassen würden sie mit Jüngeren und Älteren gemeinsam unterrichtet - aber nicht gut genug auf andere Fächer als Deutsch vorbereitet, erklärte Madl.

Die Direktorenvertreterin nennt dazu ein konkretes Beispiel: „Man hat drei Kinder, die sind 13 Jahre alt, und ein Kind, das ist zehn Jahre alt, und vier, die sind zwölf, und wenn ich die in eine Klasse setzen muss und alle gut Deutsch lernen, dann haben die nicht die Möglichkeit, dass sie in die nächste Klasse aufrücken. Ich möchte die Möglichkeit haben, dass ich das machen kann, wenn es notwendig ist. Aber ich möchte auch die Möglichkeit haben, Kinder so zu fördern, dass ich sie nicht in Wirklichkeit zurückstufe.“

Bisherige Fördermaßnahmen werden abgeschafft
Das Bildungsministerium rechnet ab Herbst mit 32.500 Schülern in Deutschförderklassen - durchschnittlich 17 pro Klasse. Spätestens nach vier Semestern wechseln Betroffene in die reguläre Klasse. Wer noch weiteren Förderbedarf hat, kommt dann in einen Deutschförderkurs mit sechs Wochenstunden außerhalb des normalen Unterrichts. An den Volks- und Neuen Mittelschulen brauche man 440 Lehrer für die Förderklassen und Förderkurse, heißt es im Ministerium - offenbar ohne Mehrkosten, weil bisherige Deutschfördermaßnahmen abgelöst werden.

Kritik an den neuen Deutschförderklassen gab es vor wenigen Wochen bereits von der ehemaligen Unterrichtsministerin Sonja Hammerschmid (SPÖ). Sie sagte, dass Schüler mit Deutsch als Zweitsprache nicht von den anderen Schülern separiert werden sollten. Im Gegensatz dazu ist diese Trennung aus Sicht der ÖVP erforderlich, da in manchen urbanen Räumen nur noch fünf Prozent der Klasse dem Unterricht folgen könnten. Bildungsminister Faßmann hält die neuen Deutschförderklassen als „temporäre Maßnahme“ jedenfalls für förderlich.

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