Mo, 15. Oktober 2018

„Boarding House Reach“

23.03.2018 07:00

Jack White verfällt nun dem kreativen Wahnsinn

Das Porträt am Cover von „Boarding House Reach“, dem neuen Album von Jack White, soll weder eindeutig männlich noch weiblich sein. Es verbildlicht den Inhalt der dritten Soloarbeit des Musikers, Produzenten und Labelbesitzers. Die Songs sind vollgepackt mit Stilen, Instrumenten und Ideen - wild durcheinandergewürfelt, so dass eine Zuordnung des Ganzen schwer fällt.

Wurden die Whites Stripes, mit denen White dank Hits wie „Seven Nation Army“ zum Star und einer Art Heilsbringer der handgemachten Musik aufgestiegen war, wegen ihres minimalistischen Garagenrocks geliebt, geht der 42-Jährige solo nun ganz andere Wege. Auf „Boarding House Reach“, das der Künstler aus Detroit über sein Label Third Man Records herausbringt, rauscht White durch Electro, Jazz, Rock, Hip Hop, Blues, Funk, Gospel und Country. Er lässt seine brüllende E-Gitarre auf afrikanische Congas prallen, unterlegt ein zartes Piano mit kräftigen Grooves, mischt „echte“ mit synthetischen Klängen. Er singt, rappt, spricht und kreischt.

Kreativer Wahnsinn
So radikal experimentell hat sich schon lange kein etablierter Musiker gegeben. Die Tour de Force beginnt mit der im Voraus ausgekoppelten Single „Connected By Love“, einem Electro-Gospel. Auf seine Grundstruktur reduziert hätte die eindringliche Ballade auch zu den White Stripes gepasst, aber Synthesizer kündigen es an: Es geht in eine neue Richtung. Aber in welche eigentlich? Mit „kreativer Wahnsinn“ lassen sich die 13 Tracks gut zusammenfassen.

Song zwei, „Why Walk A Dog“, ein dunkler Soul, in den eine verzerrte Gitarre schneidet, ist ein atmosphärisch dichtes Stück für späte Stunden. Dann wird das Album zunehmend bizarrer. Im funkig-rhythmischen „Corporation“ rappt White, im Zwischenstück „Abulia And Akrasia“ begleiten traurige Geigen den gesprochenen Text, „Hypermisophonic“ klingt wie ein durch die Zentrifuge gedrehter White-Stripes-Song. Hip Hop der alten Schule trifft in „Ice Station Zebra“ auf Rock‘n‘Roll, jazzige Instrumentierung auf elektronische Spielereien.

Alles vermischt
Der hysterische, im Vergleich zum Rest eher traditionelle Fuzz-Rocker „Over And Over“ schlägt eine Brücke zu den beiden früheren White-Solo-Veröffentlichungen, ehe in „Everything You‘ve Ever Learned“, eingeleitet mit an Computerspiele der Siebziger erinnernden elektronischen Geräuschen, ein Erweckungsprediger auftritt. Bis zum Finale folgen weitere Spoken-Words-Bissen, Led-Zeppelin-Gitarrensalven, Orgel-Passagen, Drum-Machine-Grooves, spacige Synths sowie per Vocoder verzerrte Vocals mit Hip-Hop-Beats („Get In The Mind Shaft“ weckt Assoziationen zu Neil Youngs „Trans“).

Geschrieben hat Jack White die Lieder in einem kleinen Zimmer, abgeschieden von der Außenwelt und jeder Ablenkung. So kolportiert es der 42-Jährige jedenfalls. Die Demos entstanden ausschließlich mit Equipment, über das White als 15-Jähriger verfügte: mit einem Vier-Spur-Rekorder, einem einfachen Mix-Gerät und den wesentlichen Instrumenten. Dann ging er mit Session-Musikern, die u.a. für Kayne West, Mariah Carey, David Byrne und Depeche Mode tätig waren bzw. sind, ins Studio - in Nashville und erstmals auch in New York und Los Angeles. Man tobte sich aus!

Grande Finale
„Boarding House Reach“ ist überbordend, will (zu) viel, über Strecken fehlt die rote Linie, über das Songwriting lässt sich diskutieren; die zappaesken Eskapaden, die schrillen Arrangements und die Energie der Platte machen allerdings schwer danach süchtig. Und es gibt große Momente. Am Ende etwa steht mit „What‘s Done Is Done“ eine wunderbare Fusion von Country (samt Harmonie-Zweigesang) und Elektronik sowie mit „Humoresque“ eine einfühlsame Bearbeitung des Klavierzyklus‘ von Antonin Dvorak. Al Capone hat die Musik und den Text von Howard Johnson im Gefängnis niedergeschrieben. Jack White ersteigerte das Manuskript im vergangenen Jahr.

APA/Hauptmann

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