Di, 19. Juni 2018

Jafar S., Mohamed E.

18.03.2018 06:26

Attentäter: Voller Hass und programmiert zum Töten

Voll des Hasses stachen zwei junge Männer in Wien mit Messern auf hilflose Menschen ein. Mohamed E. (26) soll davor in Kontakt mit radikalen Islamisten gewesen sein. Jafar S. (23) spricht jetzt in Verhören ständig von Allah. Die „Krone“ recherchierte die Lebensgeschichten der beiden Täter, die schon lange vor ihren Verbrechen als auffällig galten.

Als Mohamed E. am frühen Abend des 11. März die Gemeindewohnung seiner Familie in Wien-Penzing verließ, habe er – laut seiner Eltern – „völlig normal gewirkt“. Nicht aufgeregt, nicht angespannt, „nicht, als würde er etwas Fürchterliches planen“.

Beim Abschied sagte er, er wolle spazieren gehen
Er habe „gefütterte Turnschuhe und einen warmen Anorak“ angezogen, sich freundlich von Mutter, Vater und der 18-jährigen Schwester verabschiedet und behauptet, dass er ein wenig spazieren gehen wolle, in Schönbrunn: „Das tat er oft, also dachten wir an nichts Schlimmes ...“

Kurz vor Mitternacht beging der 26-Jährige vor der Residenz des iranischen Botschafters in Wien-Hietzing eine grauenhafte Tat. 16-mal stach er mit einem Messer auf einen Wachsoldaten ein. Der Attackierte versuchte sich mit Pfefferspray zu wehren. Als das nichts nützte, griff er nach seiner Dienstpistole und drückte ab. Mohamed E. starb durch einen Schuss ins Herz. Ohne angeblich davor irgendwem die Gründe für sein Verbrechen mitgeteilt zu haben.

Video: Messerangriff auf Wachsoldat in Wien-Hietzing

In seinem Kinderzimmer führte er ein „zweites Dasein“
Mohamed E., dieser stille, hilfsbereite junge Mann, der betagte Nachbarinnen zum Einkaufen begleitete, und kleinen Buben im Hof das Fußballspielen lernte. Mohamed E., joblos, einsam – ein Gescheiterter, der in seinem Kinderzimmer ein „zweites Dasein“ führte. Wenn er am Computer Videos von Hasspredigern ansah und die Filme über soziale Netzwerke verbreitete. Mohamed E.: War er, unbemerkt von seiner Familie, längst zu einem religiösen Fanatiker geworden? Was ist seine Lebensgeschichte? Seine Eltern, Ägypter, kamen bereits vor seiner Geburt nach Österreich, bis vor Kurzem betrieben sie einen Kebap-Stand. „Ihr größtes Ziel war immer, dass ihre Kinder eine gute Zukunft haben“, schluchzt eine Verwandte.

Und viele Jahre hindurch sei ja auch „alles prima verlaufen“ bei dem Buben. Seine Freizeit verbrachte er auf Sportplätzen, er betete viel und lernte brav. Machte schließlich in der Arabischen Schule die Matura.

Von Kindheit an galt er als Einzelgänger
Für Mädchen interessierte er sich kaum. „Sein Glaube verbat ihm das. Mo wollte nämlich rein in eine Ehe gehen“, erzählt ein Kamerad aus Jugendtagen. Freunde, nein, wirkliche Freunde, hatte der Bursch nie: „Er war halt ein Einzelgänger.“

Während des Wehrdienstes begann er Marihuana zu rauchen, „er verhielt sich dann oft sehr aggressiv“, berichtet ein ehemaliger Bundesheerkollege. Und: „Ich hielt ihn schon damals für eine tickende Zeitbombe.“

Ähnlich die Erinnerungen eines Studienkollegen: Von 2012 bis 2013 war Mohammed E. an der Montan-Uni Leoben inskribiert: „Er haschte und trank Alkohol, im Rausch schimpfte er fürchterlich über seinen Vater, den er als ,extrem streng’ bezeichnete.“ In „benebeltem Zustand“ sei er außerdem mehrfach mit Persern, deren Familien einst nach dem Sturz des Schah-Regimes ihre Heimat verlassen hatten, in Streit geraten. Wegen unterschiedlicher religiöser Ansichten. Hasste er seitdem Iraner? War sein wahres Anschlagsziel der Botschafter? Wollte er mit seinem Verbrechen ein Zeichen setzen?

Mohamed E.s Lernerfolge in der Steiermark? „Schlecht. Er schaffte keine einzige Prüfung. Weshalb ihn seine Eltern zurück nach Wien beorderten.“ Wo er in der Folge für einige Zeit in ihrem Betrieb arbeiteten musste, „was ihn überhaupt nicht interessierte“. Ab 2014, nach einer Ägypten-Reise, zog sich der junge Mann von seinen ohnehin wenigen Bekannten zurück. Es gibt Hinweise, dass er sich fortan häufig in er einer „bedenklichen Moschee“ aufgehalten hat.

Stunden vor der Tat gab er den lieben Bruder
Und er wurde polizeilich auffällig. Stand unter dem Verdacht, einen Zigarettenautomaten geknackt zu haben, rastete bei einer Auseinandersetzung mit seiner Mutter derart aus, dass er vorübergehend ein Betretungsverbot zur elterlichen Wohnung bekam.

Aber zuletzt habe er sich daheim „lieb und nett“ verhalten, sagen Freundinnen seiner Schwester: „Er saß still in seinem Zimmer, um uns nicht zu stören, wenn wir mit ihr für unsere bevorstehende Matura lernten.“ Das sei auch am Nachmittag vor der Tragödie so gewesen: „Mo schien uns da nicht anders als sonst.“

Die Kripo ist nun dabei, den PC und das Handy des Attentäters zu untersuchen. Um herauszufinden, mit welchen Personen er in den Wochen vor seinem Verbrechen kommuniziert hat. Der Wachsoldat trug bei dem Angriff eine Schutzweste – eine schwere Verletzung am Arm heilt gut, der junge Mann wird vermutlich bald aus dem Spital entlassen. Ein Heerespsychologe hilft ihm, das Geschehene aufzuarbeiten. Für Mohamed E. fand am Donnerstag am islamischen Friedhof ein Totengebet statt. Auf Wunsch seiner Familie wurde er in Ägypten bestattet.

Auf Familie eingestochen, Bekannten attackiert
Die meiste Zeit des Tages liegt Jafar S. jetzt still auf seinem Bett in einer Psycho-Klinik – und liest im Koran. „Ich will, dass mich Allah liebt“, sagt er zu den Justizbeamten, die ihn bewachen, „denn nur er kann mich beschützen.“ Vor dem Teufel, der hinter ihm her sei, „um mir Böses anzutun“. Ist der 23-jährige Afghane geisteskrank? Oder spielt er bloß den Verrückten – weil er hofft, so einer harten Bestrafung zu entgehen? Am 7. März hat er in Wien-Leopoldstadt vier Menschen schwer verletzt. Eine Tat ohne Motiv, scheinbar. War sie das wirklich?

In Verhören erzählt Jafar S. von seinem „schönen Leben früher“, in Afghanistan, wo er mit drei Schwestern und einem Bruder aufwuchs, „meine Eltern sind Bauern“. Aus wirtschaftlichen Gründen kam er 2015 „im Zuge der Flüchtlingswelle“ nach Österreich: „Doch ich fühlte mich hier nie wohl.“ Weswegen er Haschisch, Kokain und Ecstasy zu konsumieren begann. „Ich bekam die Drogen von einem Landsmann, bewusst machte er mich süchtig, und dann schlug er mich.“

Fakt ist: Jafar S. wurde mehrfach wegen „unflätigen Verhaltens“ aus Asylwerberunterkünften hinausgeworfen, wegen Suchtgifthandels und Gewaltdelikten verhaftet. Er sollte demnächst abgeschoben werden, „worüber ich froh war. Bloß - der Termin wurde ständig verschoben.“ Zuletzt war er ein „U-Boot“, schlief in Pensionen oder bei Freunden. Am Nachmittag des 7. März kaufte er bei einem Marktstand zwei Klappmesser, „danach setzte ich mich alleine in einen Wald“. Am Abend habe er Wut und Rachegedanken verspürt, „gegen mich und andere“.

„Ich war auf der Suche nach noch mehr Opfern“
Mit einem Taxi fuhr er zur Praterstraße, „um dort einen Hotel-Portier zu bestrafen, der mich einmal als homosexuell bezeichnet hatte“. Auf dem Weg zu ihm traf er auf einen Arzt, dessen Frau und Tochter. „Die drei lachten – deshalb musste ich ihnen weh tun.“ Unzählige Male stach der 23-Jährige auf seine Zufallsopfer ein, in der Folge lief er über Umwege zum Praterstern, wo er seinen angeblichen „Haupt-Dealer“ attackierte.

Video: Vier Schwerstverletzte nach Messerattacke bei Praterstern

Und dann? „Machte ich mich auf die Suche nach ein paar Schwarzafrikanern, die mir ebenfalls Schlechtes angetan hatten.“ Und dafür mit dem Tod bestraft werden sollten: „Aber plötzlich standen Polizisten vor mir und sie verhafteten mich.“

Vor der Kripo jammert der Afghane über „unbarmherzige Menschen in Österreich, die mir keine Chance gaben“, weswegen er zu einem „Versager und Junkie“ geworden sei. Aber Allah, sein Gott, würde es sicherlich schaffen, das Grauen um ihn herum zu vertreiben, „wenn ich genug bete“. Bereut er sein Verbrechen? „Ich kann mich daran nicht mehr genau erinnern“, sagt Jafar S.

Martina Prewein, Kronen Zeitung

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