Mi, 20. Juni 2018

Journalist ermordet

28.02.2018 07:16

Premier Fico zeigt medienwirksam das Kopfgeld

Nach dem brutalen Mord an dem jungen Journalisten Jan Kuciak und seiner Verlobten Martina Kusnirova tut die slowakische Regierung alles, um von eventuellen politischen Hintergründen der Tat abzulenken. So präsentierte Premierminister Robert Fico am Mittwoch medienwirksam stapelweise Bargeld, bei dem es sich um die eine Million Euro Kopfgeld handeln soll, welche die Regierung auf den unbekannten Mörder ausgesetzt hat. Der gewaltsame Tod des Journalisten hat tiefe Spuren hinterlassen, Regierung und Polizei geraten zunehmend unter Druck.

Während die Öffentlichkeit spontan Trauermärsche für das erschossene junge Paar organisiert, kursieren in slowakischen Medien immer weitere Spekulationen über Machenschaften, die der Reporter des Nachrichtenportals aktuality.sk recherchiert haben soll und die ihm zum Verhängnis wurden.

Wie die Tageszeitung "Sme" am Dienstag berichtete, hatte sich Kuciak zuletzt mit der Geschäftemacherei von Personen beschäftigt, die der italienischen Mafia nahe stehen und auch Verbindungen bis zum slowakischen Regierungskreis haben sollen. Über Firmen in der Ostslowakei sollen diese Personen EU-Fördergelder in Millionenhöhe bezogen haben. Mitgründerin einer dieser Firmen war laut "Sme" einst Maria Troskova, aktuell Assistentin des slowakischen Ministerpräsidenten Robert Fico. In einer zweiten sei der ehemalige Parlamentsabgeordnete der Regierungspartei Smer und heute Sekretär des slowakischen Sicherheitsrates Viliam Jasan einst Gesellschafter gewesen.

Fico lehnt Mafia-Zusammenhang ab
Fico erklärte am Dienstag, nach dem Doppelmord seien massive Ermittlungen eingeleitet worden, alle Sicherheitskräfte arbeiteten im Rekordtempo. Den von Medien erwähnten Zusammenhang lehnte er als unbelegt ab. "Nur so Menschen auszusuchen, die einst irgendwelche Kontakte hatten und sie in Zusammenhang zu bringen mit Personen, die etwas mit vorsätzlichem Mord zu tun haben, das kann ich nicht akzeptieren," sagte Fico.

Der ebenfalls anwesende Polizeipräsident Tibor Gaspar hatte allerdings eine Zusammenarbeit slowakischer Ermittler mit Kollegen in Italien bestätigt. Einzelheiten wollte er nicht nennen. Ebenso sei Kontakt mit Tschechien aufgenommen worden, so Gaspar. Zudem arbeite die Polizei bei technischen Fragen auch mit Europol zusammen, gab er bekannt. Verhört wurden bereits über 20 Personen, neben Journalistenkollegen von Kuciak auch Unternehmer, über die der Reporter berichtet hatte. Laut Medien sollte demnächst auch die Assistentin des Ministerpräsidenten aussagen.

"Es wird alles nur politisiert"
Fico ging am Dienstag in die Gegenoffensive. "Niemand redet hier mehr von Mord, es wird alles nur politisiert", beklagte der Ministerpräsident. Es sei notwendig, sich zu vereinen, um den Mord aufzuklären, eventuelle Besteller aufzudecken, und den Fall nicht zu missbrauchen, um politisch zu punkten, erklärte er mit Anspielung auf die immer heftigere Kritik. Die bürgerliche Opposition hatte zuvor einen sofortigen Rücktritt von Innenminister Robert Kalinak (Smer) und Polizeipräsident Gaspar gefordert. Sie seien persönlich dafür verantwortlich, dass die Polizei dem bedrohten Journalisten nicht geholfen hat, hieß es. Eine Unterschriftensammlung wurde gestartet, um beide Verantwortliche zum Rücktritt zu zwingen.

In der slowakischen Öffentlichkeit herrschte auch am Dienstag tiefe Bestürzung. Noch am Vorabend hatten Menschen in mehreren Städten, wie auch im benachbarten Tschechien, spontan Kerzen für Kuciak und seine Verlobte angezündet. Ein von Journalistenkollegen angekündigter Trauermarsch in Bratislava wurde auf Freitag dieser Woche vorverlegt, zahlreiche Erinnerungsveranstaltungen sollen in allen Landesecken stattfinden.

Mit gezielten Schüssen getötet
Der 27-jährige Journalist Kuciak und seine Verlobte waren Sonntagnacht in ihrem Familienhaus in Velka Maca bei Trnava tot aufgefunden worden. Die Frau wurde mit einem Kopfschuss getötet, Kuciak starb nach einem Schuss in die Brust. Da am Tatort Hinweise auf vorsätzlichen Doppelmord gefunden wurden, ging die Polizei sofort davon aus, das Motiv hänge höchstwahrscheinlich mit Nachforschungen des Reporters zusammen. Kuciak hatte sich auf Korruption im großen Stil und heikle Steuerbetrugsfälle spezialisiert.

 krone.at
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