Industriekletterer

„Kein Job für Cowboys, die Adrenalinkick suchen“

Montagearbeiten in 250 Metern Höhe, auf dem Millenium-Tower das Flugfeuer wechseln sowie Windräder reinigen und reparieren - das zählt unter anderem zu den Aufgaben von Industriekletterern. Die Höhenarbeiter verfügen über eine duale Ausbildung. Sie sind gelernte Handwerker und durchlaufen eine einwöchige theoretische und praktische Kletterausbildung, dazu kommen 200 Praxisstunden unter Aufsicht am Seil. Erfahrung, die man in diesem nicht alltäglichen Beruf, der niemals zu Routine wird, braucht.

"Bei Tätigkeiten die für den Laien besonders spektakulär aussehen, wie zum Beispiel die Arbeit auf einem Windrad, ist die reale Gefahr zu minimieren. In 130 Metern Höhe wackelt zwar die Kanzel gewaltig, aber die Sicherungsmöglichkeiten sind sehr gut. In sechs Metern Höhe auf einer Leiter ist es manchmal gefährlicher. Ich persönlich hänge lieber in 50 Metern am Seil, als in fünf Metern auf einer Leiter", erklärt Alex Gölles, Geschäftsführer von Industrial Alpinists Vienna im City4U-Gespräch in der betriebseigenen Kletterhalle im 22. Bezirk.

#Ohne Kran und Gerüst

Der 50-jährige Berg- und Skiführer und ehemalige Bankangestellte hat seine Leidenschaft, das (alpine) Klettern, zum Beruf gemacht. Seine Firma wird beauftragt, wenn es ohne Kran und Gerüst gehen soll: "Wenn man Industriekletterer für Montagearbeiten engagiert, hat man natürlich eine enorme Kosten- und Zeitersparnis", weiß der Unternehmer. Ein Plan der aufging. Ein riesiges Feld habe sich in den letzten Jahren aufgetan. "Vor 20 Jahren war die Montagearbeit am Seil noch komplett exotisch." Heute werden seine Leute engagiert um Montagearbeiten auszuführen oder sich um die Gebäudereinigung in luftigen Höhen zu kümmern. Unter Gölles' Angestellten sind Baumeister, Spengler, Schlosser und Installateure. Neben Tätigkeiten hoch oben, seilen sich die Mitarbeiter aber auch in Luftschächte ab, klettern in Silos und Hochöfen. 

#Purer Zufall

Aktuell arbeiten zwei Frauen und 30 Männer für ihn. Einer davon ist Wolfgang Hrusa. Der 27-jährige gelernte Installateur kam durch Zufall zum Beruf als Höhenarbeiter. "Ich bin in meiner damaligen Firma einmal ohne Sicherung auf einen Kamin geklettert. Ein Arbeitsinspektor hat das fotografiert und angezeigt. Daraufhin hat mich mein Chef zu einem Höhenarbeiter-Kurs geschickt. Das hat mir schließlich so gut gefallen, dass ich geblieben bin", sagt er.

#Partnercheck

Er liebe die Herausforderung in diesem Job. Das tägliche Nachdenken, wie man die gegebene Problemsituation löst. "Jedes Haus ist anders. Man muss grübeln und achtsam sein. Auch eine gute Kommunikation mit seinem Buddy ist wichtig." Jeder Kletterer hat einen Partner, den sogenannten Buddy. So ist bei einem Unfall stets jemand vor Ort, der sofort Hilfsmaßnahmen einleiten kann. Zudem gibt es vor dem Aufstieg den Partnercheck, ob jeder Karabiner zu ist, damit es erst gar nicht zu gefährlichen Situationen kommen kann. Ein Back-Up-System sorgt für zusätzliche Sicherheit. "Die Ausbildung zum Höhenarbeiter ist sehr umfangreich und arbeitsintensiv. Erst wenn ich alle Handgriffe im Schlaf umsetzen kann und nicht mehr darüber nachdenken muss, bin ich bereit", betont Gölles. 

#Keine Angst

"Man muss sowieso Selbstbewusstsein mitbringen", findet Hrusa. Schließlich kann kein Chef die Arbeit kontrollieren. "Wenn ich in 150 Metern Höhe eine Schraube austausche, muss ich sicher sein, dass es auch so passt." Auf die Frage, ob man denn keine Angst habe manchmal, antwortet der 27-Jährige: "Angst wäre falsch, weil dann passieren Fehler. Aber Respekt habe ich schon. Vor allem darf man die Tätigkeit nie zur Routine werden lassen." Verletzt hat er sich zum Glück noch nie bei seiner Arbeit. Ein essentieller Punkt dabei ist auch, dass Industrial Alpinists stets die Möglichkeit haben "Nein" zum Klettern zu sagen. "Wenn sich die Bedingungen seit der Gefahrenevaluierung geändert haben, muss man nicht auf das Seil. Sicherheit ist immer das Wichtigste", beschreibt Gölles.

#Glühbirnen und Privatsphäre

Alex Gölles bekam einmal den Auftrag, auf dem Millenium-Tower das Flugfeuer, also eine kleine rote Glühbirne, ganz oben am Mast des Hauses, zu wechseln. "Unten wehte nur ein lauer Wind und dann ist man oben und es schwankt wie auf einem Kirtagsrummel. Da wird einem subjektiv schon mulmig, aber man weiß, dass man gut gesichert ist." Neben all dem Risiko und der Konzentration, kommt aber auch der Spaß nicht zu kurz. "Man sieht schon oft lustige Sachen. Natürlich muss man aber die Privatsphäre stets wahren. Manchmal machen Leute das Fenster auf und bieten uns einen Kaffee an. Das ist aber zu gefährlich. Man kann sich vorstellen, was passiert, wenn einem Passanten eine Tasse aus 50 Metern Höhe auf den Kopf fällt", berichtet Hrusa.

#Die falsche Motivation

Die Verdienstmöglichkeiten betragen bis zu 2.000 Euro netto pro Monat. "Das Finanzielle alleine ist aber keine ausreichende Motivation. Auch für Menschen die ein unterdurchschnittliches Risikoempfinden haben, ist es der falsche Beruf", erklärt Gölles. Sei es denn schwer, neue Mitarbeiter zu finden? "Ja. Es gibt nicht den richtigen Superlativ um zu beschreiben wie schwer." Obwohl die Tätigkeit anstrengend ist, ist sie nicht unbedingt abhängig vom Alter: Der älteste aktive Industriekletterer in Gölles' Firma ist 66 Jahre alt.

Februar 2018

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Viktoria Graf
Viktoria Graf
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