Do, 21. Juni 2018

Monate tot in Wohnung

18.02.2018 07:30

Mutter und Tochter tot: Das Drama hinter Tür Nr. 4

Monate hindurch lagen eine Türkin (45) und ihre 15-jährige Tochter tot in einer Wohnung in Wien. Unbemerkt von Nachbarn, Behörden und Angehörigen. In der „Krone“ spricht nun der Ehemann und Stiefvater der Verstorbenen über die Chronik einer angekündigten Tragödie.

Wien-Floridsdorf, an der Grenze zu Niederösterreich. Die Gegend: ruhig. Grünflächen und Spielplätze zwischen den Siedlungen. Die Bewohner: Rentner, junge Familien; Angestellte, Beamte, Arbeiter. Hier, in einem dreistöckigen Gemeindebau in der Rußbergstraße, haben Fatima G. (45) und ihre 15-jährige Tochter Tugba auf 70 Quadratmetern gelebt. Jahre hindurch. Trotzdem wussten ihre Nachbarn nie viel über sie.

„Sie wirkten abweisend und feindselig ...“
Die zwei Türkinnen sprachen kaum Deutsch, bei Begegnungen im Stiegenhaus hätten sie „abweisend, mitunter sogar feindselig“ gewirkt, „und ohnehin vermittelten sie den Eindruck, dass sie nur für sich sein wollten“. Also gab es irgendwann keine Kontaktaufnahmeversuche mehr, und die beiden wurden im Block bloß noch „die Verrückten“ genannt. Schreiduelle sollen sie sich manchmal geliefert haben, durch die Wände sei das zu hören gewesen. Zuletzt aber nicht mehr, „deshalb dachten wir, sie wären vielleicht ausgezogen“.

Und so konnte es geschehen, dass niemand etwas von dem Drama bemerkte, das hinter Tür Nummer 4 geschah. Monate hindurch lagen Fatima G. und Tugba tot in ihrer Wohnung. Die Frau im Wohnzimmer, auf einer Matratze; das Mädchen auf seinem Bett, in einem Nebenraum. Fenster gekippt, die Heizung ausgeschaltet. Neben den bei ihrer Auffindung stark verwesten, teilweise mumifizierten Leichen standen leere Becher.

Verschimmelte Essensreste in der Küche, der Balkon zugemüllt. Die Türe mehrfach verschlossen, zusätzlich gesichert durch eine Eisenkette und verbarrikadiert mit Säcken voll Mist. Vielleicht wäre die Tragödie noch lange unentdeckt geblieben, „wenn ich nicht“, sagt Fatimas G.s Ehemann Sahabettin, „endlich das Äußerste getan hätte...“

„Gleich erkannten die Beamten, dass etwas seltsam war“
Jetzt sitzt der 57-Jährige in einem Lokal, neben ihm seine zwei Söhne aus erster Ehe, Tränen laufen über seine Wangen: „Ich spürte, dass etwas Schreckliches geschehen sein musste, mit meiner Frau und meiner Stieftochter.“ Weswegen er am 7. Februar einen Schlüsseldienst engagierte, um – im Beisein der Polizei – die Wohnung, in der er einst selbst gelebt hatte, öffnen zu lassen. „Gleich erkannten die Beamten, dass etwas seltsam war, und machten ohne mich eine Nachschau.“ Minuten später bekam der Taxifahrer die grauenhafte Nachricht.

„Sie schafften es nicht, in Wien Fuß zu fassen“
Das Davor? „Alles passierte so schleichend. Ich glaubte einmal, in Fatima eine wunderbare Partnerin gefunden zu haben.“ Schon als junger Mann war Sahabettin G. nach Österreich gekommen, hatte sich hier mit seiner – ersten – Frau eine gesicherte Existenz aufgebaut: „Als unsere beiden Kinder älter wurden, begann es in der Ehe zu kriseln.“ 2010 die Scheidung.

2011 ein Urlaub, in seinem Heimatort in der Türkei. „Freunde machten mich mit Fatima bekannt. Wir waren uns sofort sympathisch.“ Die Frau: geschieden, zweifache Mutter. Der Sohn erwachsen, die Tochter – Tugba – damals neun. Oft reiste er in der Folge zu seiner neuen Liebe, 2013 die Hochzeit: „Bald übersiedelte sie zu mir, und wir bekamen ein Mädchen.“ Ceren (Name geändert).

Und Tugba? „Sie blieb bei ihren Großeltern. Aber sie hatten Schwierigkeiten mit ihr. Die Kleine hielt sich an keine Regeln, war sehr aggressiv. Wahrscheinlich, weil sie Sehnsucht nach ihrer Mutter hatte. Daher holten wir sie 2015 zu uns. Damit wurde vieles schwieriger. Meine Stieftochter schaffte es nicht, hier Fuß zu fassen. Ich bezahlte ihr Deutschkurse, sie besuchte sie selten. Auch die Schule schwänzte sie ständig.“

Je mehr sich das Mädchen von der Außenwelt abkapselte, tat das auch ihre Mutter: „Sie wurde seelisch auffällig. Sprach plötzlich von bösen Geistern, putzte jeden Abend die Böden mit Essig, um sie zu vertreiben.“ Überredungsversuche, einen Psychiater zu konsultieren, scheiterten. „An einem Morgen im März 2017 begann sie mich ohne Grund zu würgen und wollte mich vom Balkon stürzen. Daraufhin zog ich aus.“ Was geschah mit Ceren, der kleinen Tochter? „Fatima ließ mich nicht mehr zu ihr, ich wandte mich an das Jugendamt.“

Zuletzt lebten sie in einer Wahnwelt
Bei einer Kontrolle im August entdeckten Sozialarbeiter schwere Misshandlungsspuren an der Dreijährigen. Ihr Körper: übersät mit blauen Flecken und Brandwunden. Der Frau wurde das Kind abgenommen. Und dann? „Ließen Fatima und Tugba niemanden mehr in ihre Wohnung.“ Nicht die Polizei, nicht andere Behördenvertreter, keinen ihrer Angehörigen: „Und ihre Handys waren ausgeschaltet – jetzt weiß ich, dass meine Stieftochter sie zertrümmert hatte.“

Im September wurden die zwei in einem Supermarkt gesehen, im November will eine Verwandte Geräusche aus der Wohnung wahrgenommen haben. Wann genau die Türkinnen starben, kann wohl niemals geklärt werden. Genauso wenig wie die Umstände ihres Todes. Bei den Obduktionen wurden keine Hinweise auf Gewalteinwirkungen festgestellt. Toxikologische Befunde stehen noch aus. Vermutet wird ein Doppel-Suizid oder ein erweiterter Selbstmord.

Ceren wächst nun bei Sahabettin G.’s Ex-Frau, die sie mittlerweile Mama nennt, auf. Über ihre leibliche Mutter und die Halbschwester redet sie nur, wenn sie auf ihre Narben sieht. Dann sagt sie mit leiser Stimme: „Sie haben mir wehgetan.“

„Ist es möglich, dass Fatima und Tugba gleichzeitig wahnsinnig wurden?“, fragt der 57-Jährige. Er erwartet keine Antwort.

Martina Prewein, Kronen Zeitung

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