Notstand in Italien

21 Tote nach Erdrutschen ++ Kritik an Berlusconi

Ausland
03.10.2009 10:14
Am Samstag sind 21 Tote aus den von Schlammlawinen verheerten Vororten der sizilianischen Hafenstadt Messina geborgen worden. Mindestens 30 Menschen werden nach Angaben des italienischen Zivilschutzes noch vermisst, 95 Personen wurden verletzt, rund 400 verloren ihr Heim. Schwere Regenfälle behinderten die Bergungsarbeiten am Samstag weiterhin. Experten machen Bausünden für die Tragödie verantwortlich. Von Seiten der Politik hagelt es Kritik in Richtung Regierungschef Silvio Berlusconi: Es sei zu wenig Geld für vorbeugende Maßnahmen vorhanden.

Berlusconi, der am Samstag die von der Katastrophe betroffene Gegend besuchen wollte, verzichtete auf sein Vorhaben, um den Rettungsmannschaften nicht im Weg zu stehen. Der Katastrophenschutz bemühte sich unterdessen darum, die Straßen zu den am schlimmsten betroffenen Orten wieder freizuräumen. Zwischenzeitlich waren die Einwohner über Hubschrauber mit dem Nötigsten versorgt worden. Die 435 Sizilianer, die sich am Freitag in der Gemeinde Giampilieri in eine Volksschule geflüchtet hatten, sind inzwischen in Sicherheit gebracht worden. Sie wurden in einer bis in die Nacht andauernden Evakuierungsaktion auf Hotels und Gasthöfe in Messina verteilt.

Die Erdrutsche zerstörten die Gemeinde, die bereits vor zwei Jahren bei Überschwemmungen schwere Schäden erlitten hatte. Mehrere Gebäude wurden vom Schlamm weggerissen. Zivilschutzchef Guido Bertolaso schloss nicht aus, dass es zu weiteren Erdrutschen kommen könnte.

Schlamm türmte sich meterhoch
Zwei der insgesamt 21 geborgenen Toten, ein 40 und ein 70 Jahre alter Mann, seien von Schlamm und Müll bedeckt südlich von Messina gefunden worden, meldete die italienische Nachrichtenagentur Ansa unter Berufung auf den Zivilschutz. Nach Behördenangaben fielen innerhalb von nur drei Stunden 250 Millimeter Niederschlag. In manchen Ortschaften türmte sich der Schlamm laut Augenzeugen bis zu sieben Meter hoch.

Die meisten Toten und Schwerverletzten wurden aus zwei Gebäuden geborgen, die von einer Schlammlawine regelrecht zerquetscht wurden, wie ein Sprecher des Zivilschutzes sagte. Nach einem Erdrutsch waren die Autobahn südlich von Messina und die Eisenbahnstrecke zeitweise nicht passierbar. Mehr als 60 Verletzte konnten nicht auf dem Landweg ins Krankenhaus gebracht werden, sondern mussten zunächst zum Strand und von dort mit Booten zum Hafen von Messina gebracht werden. Die Schwerverletzten wurden mit dem Hubschrauber in die Kliniken geflogen.

Auch Teile der Stadt Messina wurden in der Nacht auf Freitag von einer Schlammlawine überflutet. Die Regierung hat den Notstand über das Katastrophengebiet verhängt. Die Schulen blieben geschlossen.

"Mangelnde Finanzierung verantwortlich"
Umweltministerin Stefania Prestigiacomo machte mangelnde Finanzierungen zum geologischen Schutz für die Katastrophe verantwortlich. "Dieses Jahr hatten wir 50 Millionen Euro zum geologischen Schutz des Bodens zur Verfügung, im nächsten Jahr wird es keinen Euro mehr geben", klagte die Ministerin. Kritisch zeigte sich auch Tourismusministerin Michela Brambilla: "Zu lange hat sich die Politik in diesem Land nicht um Umwelt und um den Kampf gegen Bausünder gekümmert. Das sind die Resultate."

Staatspräsident Giorgio Napolitano forderte die Regierung auf, mehr in die Sicherheit des Landes als in "pharaonische Bauwerke" zu investieren. Ministerpräsident Silvio Berlusconi plant den Bau einer riesigen Hängebrücke über die Meeresenge von Messina, um Sizilien mit dem Festland zu verbinden, die über drei Milliarden Euro kosten soll. Die Naturschutzorganisation WWF rief den Regierungschef bereits dazu auf, das umstrittene Brückenprojekt fallen zu lassen.

"Natur rächt sich"
Solange wild gebaut werde, sei der Kampf gegen Erdrutsche hoffnungslos, mahnen Experten des Umweltschutzverbands Legambiente. "Die Natur rächt sich, wenn sie misshandelt wird. In 77 Prozent der Gemeinden sind Wohnungen in Gebieten errichtet worden, die vom hydrogeologischen Standpunkt aus gefährlich sind", warnte Vittorio Cogliati Dezza, Präsident von Legambiente. Die Zahlen seien erschreckend. 1.700 italienische Gemeinden sind von Erdrutschen, 1.285 von Überschwemmungen gefährdet. Allein auf Sizilien sind laut den Geologen 272 Gemeinden durch Erdrutsche oder Überschwemmungen gefährdet.

Italien war bereits in den vergangenen Jahren von schweren Erdrutschen betroffen. Das schlimmste Unglück ereignete sich im Mai 1998. Damals waren 137 Personen in der süditalienischen Ortschaft Sarno südlich von Neapel ums Leben gekommen, als nach sintflutartigen Regenfällen eine Schlammlawine Dutzende Gebäude unter sich begraben hatte.

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