16.09.2009 18:14 |

Posthume Ehrung

"S-Bahn-Held" erhält Bayerischen Verdienstorden

Dem im Münchner S-Bahnhof Solln bei der Verteidigung von vier Kindern getöteten Geschäftsmann Dominik Brunner wird posthum der Bayerische Verdienstorden verliehen. Dies teilte Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) am Mittwoch in München mit. Obwohl mindestens 15 Zeugen den Angriff von zwei Jugendlichen auf Brunner gesehen haben, lehnt die Staatsanwaltschaft derzeit Ermittlungen wegen unterlassener Hilfeleistung ab.

Ein 16 Jahre alte Franzose, der als Austauschschüler in München lebt, hat am Dienstag die Berichte widerlegt, wonach der 50-jährige Dominik Brunner den jugendlichen Schlägern alleine gegenüber stand. Der "Bild"-Zeitung sagte er: "Als ich auf den Bahnsteig gekommen bin, haben die zwei schon auf den Mann eingeprügelt, ihn mit Füßen getreten. Etwa 15 Leute standen herum, griffen nicht ein."

Der 16 Jahre alte Zeuge hatte den Vorgang nach eigenen Angaben zunächst nur am Rande mitbekommen, als er mit einem Freund in die Stadt fahren wollte. Erst als zwei Jugendliche auf dem anderen Bahnsteig auf den Geschäftsmann, der am Boden lag, einprügelten, wurde er richtig aufmerksam. "Der Mann ist irgendwann zusammengebrochen und dabei mit dem Hinterkopf gegen das Geländer gestoßen", sagte der Schüler.

Die Polizei will sich angesichts der veränderten Sachlage aber nicht auf Spekulationen über angeblich feige Beobachter einlassen. Derzeit werde nicht wegen unterlassener Hilfeleistung ermittelt, hieß es am Mittwoch. "Wir wollen jetzt erst einmal die Zeugen hören, die uns die Geschichte so erzählen, wie sie sie erlebt haben. Das kann man nicht einfach so sagen, dass jemand nicht geholfen hätte."

"Unsägliche Kultur des Wegschauens"
Die Staatsanwaltschaft will aber klären, ob ein beherztes Einschreiten den Tod des Mannes hätte verhindern können. Am Dienstag hatte es laut Oberstaatsanwältin Barbara Stockinger zunächst "keine konkreten Hinweise auf irgendwelche Gaffer, die nur dastanden und zugeguckt haben" gegeben (mehr zum Tathergang im krone.at-Bericht "Chronologie" in der Infobox). Die Kinder, die Dominik Brunner vor den Erpressungsversuchen der Jugendlichen schützte, konnten dem 50-jährigen Geschäftsmann nicht helfen.

Der frühere Berliner Justizsenator Rupert Scholz forderte die Staatsanwaltschaft München auf zu prüfen, "ob es in diesem Fall eine strafrechtlich relevante Verantwortung der tatenlos umherstehenden Zeugen und Fahrgäste wegen unterlassener Hilfeleistung gibt", sagte der Staatsrechtler. Es herrsche in Deutschland eine "unsägliche Kultur des Wegschauens", das Ausmaß an unterlassener Hilfeleistung nehme "unerträgliche" Formen an.

Merkel: "Zum Zeigen von Zivilcourage ermutigen"
Am Dienstag hatten die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel und SPD-Kanzlerkandidat Frank-Walter Steinmeier den Mut des Geschäftsmanns Dominik Brunner gewürdigt. Brunner habe mit seinem beherzten Verhalten einen "Maßstab für Zivilcourage und Mut" gesetzt, betonte Merkel. Steinmeier sagte: "Dieser Mann ist ein wirklicher Held. Er hat Courage gezeigt, das ist vorbildhaft."

Merkel rief in Leipzig bei einer Wahlkampfveranstaltung alle Bürger zu Zivilcourage auf. Die Kanzlerin bezeichnete die Tat als feigen Anschlag. "Wir sind jetzt aufgefordert, einen Menschen zu ermutigen, der Zivilcourage zeigen möchte, dass er auf diesem Weg keine Angst bekommt." Dies könne man auch sicherstellen, indem die Präsenz der Polizei erhöht und verstärkt vom Mittel der Videoüberwachung Gebrauch gemacht werde.

Auch Steinmeier verlangte in einem Interview mit mehreren ARD-Hörfunksendern mehr Polizeipräsenz in Bahnhöfen. "Wir werden solche Vorfälle nur verhindern können, wenn wir mehr Polizei oder anderes Sicherheitspersonal in den Bahnhöfen haben, die zu Hilfe kommen können." Schärfere Gesetze, wie dies unter anderem die CSU verlangt, lehnte Steinmeier ab. Er sprach sich dafür aus, "das Strafmaß, das wir haben, mit der vollen Härte des Gesetzes" anzuwenden. Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU) und sein niedersächsischer Amtskollege Uwe Schünemann (CDU) plädierten ebenfalls für mehr Videoüberwachung.

Zusätzlich auch Bundesverdienstkreuz?
Der frühere deutsche Entwicklungsminister Carl-Dieter Spranger (CSU) fordert indes für Dominik Brunner zusätzlich zum Bayerischen Verdienstorden auch das Bundesverdienstkreuz. "Ich schlage dem Bundespräsidenten vor, Dominik Brunner posthum das Bundesverdienstkreuz zu verleihen", sagt Spranger der "Bild"-Zeitung, die daraufhin eine Online-Petition beim deutschen Bundespräsidenten startete. "Herr Brunner hat mit seinem beherzten Einschreiten ein Zeichen für Zivilcourage gesetzt gegen den zunehmenden Verfall des Wertebewusstseins in unserer Gesellschaft." Er habe Mut und Verantwortung gezeigt, wo Eltern mit schwersten Erziehungsfehlern versagt hätten, sagte Spranger. "Dafür gebühren ihm Anerkennung und Ehre des Staates."

Täter-Anwalt: "Er hat einen Blackout gehabt"
Die beiden mutmaßlichen 17 und 18 Jahre alten Haupttäter sitzen unter Mordverdacht in Untersuchungshaft. Sie hatten Auseinandersetzungen eingeräumt, aber keine Angaben zu der Tat selbst gemacht. Der Anwalt des 18-Jährigen, Gregor Rose, sagte am Dienstag, sein Mandant bedaure das Geschehen. "Es tut ihm wirklich leid. Er hat einen Blackout gehabt." Ein dritter 17-Jähriger wurde wegen versuchter räuberischer Erpressung und gefährlicher Körperverletzung verhaftet. Er hatte als erster Geld von den Kindern verlangt und auch zugeschlagen, war aber bei der Tötung nicht dabei. Er hat seine Taten weitgehend eingeräumt. Alle drei waren vorbestraft und hatten weder abgeschlossene Ausbildung noch Job.

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