Di, 17. Juli 2018

„Krone“-Interview

18.01.2018 06:00

Popstars a-ha ziehen nun den Stecker

Die Norweger a-ha gehören seit 35 Jahren zu den größten Popbands der Welt. Auch wenn ihre Beziehung untereinander nicht immer friktionsfrei war, hat das nichts an Hittauglichkeit und Erfolgslauf des Trios verändert. Jetzt ziehen sie den Stecker und kommen im Zuge ihrer "a-ah: An Acoustic Evening"-Tour mit einem Unplugged-Set in die Wiener Stadthalle. Wir haben mit Keyboarder und Songwriter Magne Furuholmen darüber, über das Verhältnis der Musiker in der Band und seine Interrail-Erfahrungen in Wien gesprochen.

"Krone": Magne, am 2. Februar kommt ihr mit eurem „MTV Unplugged – Summer Solstice“-Programm in die Wiener Stadthalle. Ein besonderes Erlebnis, denn eine akustische Tour habt ihr bislang noch nie gestartet.

Magne Furuholmen: Es wird eine einzigartige Tour für uns, weil wir noch nie mit einem Orchester getourt sind, das akustische Versionen unserer Songs spielt. Wir haben das noch nie im großen Rahmen gemacht. Wir hatten zwei Shows in Giske, wo wir das Album aufgenommen haben, vor etwa 200-300 Menschen. Jetzt werden es zwischen 5.000 und 15.000 Menschen sein. Es ist eine große Herausforderung, diese Sache so groß wie möglich zu machen, denn ich glaube, das wird die einzige Chance sein, dass wir so etwas auf die Beine stellen. Ich wollte die Tour noch länger auf Südamerika und die restliche Welt ausdehnen, aber es ist nicht so einfach. Wir sind sehr viele Menschen auf der Bühne und haben sehr sensible Instrumente mit dabei.

Was wird die größte Herausforderung bei diesen Shows werden? Das Kreieren einer bestimmten Intimität in den größten Hallen Europas?

Es geht gar nicht so um das Vortragen der Lieder ohne Verstärker und elektrische Gitarren. Daran haben wir uns schnell gewöhnt, denn das ist auch der Sinn hinter diesem Projekt. Du musst diese Akustiknummern ohnehin nach außen tragen – egal vor wie vielen Leuten. Es ist für uns eine Möglichkeit, eine wirklich einzigartige Atmosphäre zu kreieren. Wie können wir all die Glocken und Flöten so herunterstimmen, dass sie intim klingen? Wir haben eine sehr große Produktion mit auf Tour, aber die Frage ist auch, wie diese geplanten visuellen Effekte mit den Audiotracks zusammenpassen, sodass eine große Erfahrung entsteht. Auf virtuellem Wege bringen wir ein Stück der norwegischen Landschaft nach Europa. Hoffentlich fühlt es sich so an, als ob der Hörer und Konzertbesucher eine Reise in die kühle Welt Norwegens antreten wird. Wir haben gut zehn Jahre über diese MTV-Unplugged-Geschichte geredet, dann zwischendurch aufgehört, uns wieder zusammengefunden und doch lieber ein neues Studioalbum gemacht. Jetzt war die Zeit reif, um das alles endlich umzusetzen. Wir hatten jetzt auch genug Distanz zu den 80er-Jahren und konnten die Songs ohne Zwänge neu arrangieren und verändern. Das war für mich der wichtigste Punkt für das Projekt. Einen Upbeat-Song mit Akustikinstrumenten umzusetzen ist viel spannender, als ihn zu einer schnöden Ballade zu verändern. Auch weil viele unserer Songs oft gecovert wurden, war es uns wichtig, selbst Hand an die Nummern zu legen.

Wolltet ihr die Songs neu erfinden?

Wenn du ein Album veröffentlichst, gibst du die Songs der Öffentlichkeit frei. Selbst wenn du diese Hits live spielst, performst du eigentlich die Songs der Menschen und nicht mehr die eigenen. Je öfter und länger du das machst, desto weniger gehört der Song dir. Diese Songs jetzt aber umzubauen und neu zu arrangieren ist so, als ob du sie dir wieder zurückholst. Das war die Prämisse – wie können wir all diese großen Hits zu uns zurückholen. Wir haben auch zwei Songs für dieses Projekt neu geschrieben und die können wir elektrisch umsetzen. Wer weiß? Vielleicht haben wir mal Lust darauf. Es war für uns alle drei eine sehr interessante Erfahrung, weil wir unserem Produzenten freie Hand ließen und ihm sagten, er solle sich mit den Arrangements der Songs austoben. Wir haben uns dann quasi irgendwo in der Mitte gefunden, denn manche Songs klangen im Ursprung nicht mehr nach a-ha und das sollte auch nicht sein. Das hat dazu geführt, dass wir eine so gute Gemeinschaft fühlten wie seit den frühen 80er-Jahren nicht mehr. Anstatt die eigene Meinung durchboxen zu wollen, haben wir uns wirklich zusammengesetzt, um die Essenz von a-ga zu reflektieren. Wir hatten dieselbe Vorstellung von dem Ganzen, arbeiteten gemeinschaftlich, wie eine Art dreiköpfiger Troll. (lacht)

Hat dieses Gemeinschaftsgefühl die Auswirkung, dass ihr nach der Akustiktour bereits eine normale Tour fixiert habt? Ansonsten galt bei euch immer das Credo, dass ihr nur von Projekt zu Projekt denkt…

Ich weiß es nicht. Wir haben über die Jahre gelernt, dass manche Projekte mehr Probleme verursachen als andere. Wir schauen immer, dass wir von Projekt zu Projekt denken, weil uns das mehr Freiheiten bringt. Der Album-/Tourzyklus ist langweilig und wir wollen uns die Möglichkeit offenhalten, unerwartete Dinge zu machen. Vielleicht touren wir einmal mit einem klassischen Orchester, machen eine Oper oder ein Theater – wer weiß? (lacht) Zumindest bleibt unsere Perspektive für das Unbekannte offen. Wir freuen uns sehr auf die Akustiktour, denn in Giske bei den Aufnahmen hatten wir ein wirklich gutes Gefühl und ich hoffe, das geht auch auf die Leute über. Wir wollen auch jene erreichen, die weit hinten sitzen. Das ist aber immer die Herausforderung. Richtig mit allen zu kommunizieren. Wenn das klappt, dann kann es magisch werden.

Ihr alle seid älter und weiser geworden, habt Familien und Kinder. Habt ihr über die Jahre besser gelernt, miteinander umzugehen?

Wir wissen mittlerweile besser, was der jeweils andere mag oder nicht mag. Wir schauen darauf, dass wir gewisse Bereiche und Diskussionen vermeiden. Bis zum 40er werden Menschen ziemlich genau geformt und manche fühlen sich dann wohl in ihrer Position und werden etwas satt. Sie suchen nicht mehr nach Neuem und wollen sich nicht verändern. Es gibt aber auch viele Künstler, die sehr großartige Ausnahmen sind. Sie blieben stets offen und dynamisch, bis hinein ins hohe Alter. Dieses Akustikprojekt fühlte sich einfach besser und ungewöhnlich an, was ich sehr begrüße. Ich hoffe, dass wir uns diese Neugierde jetzt länger bewahren können.

Das heißt mitunter auch, dass ein weiteres a-ha-Studioalbum durchaus Realität werden könnte?

Normalerweise würde ich nein sagen und dann würde ich wieder eines Besseren belehrt. (lacht) Sagen wir einmal so – es gibt derzeit keine Pläne dafür. Wir haben auch „Cast In Steel“ niemals geplant, haben es aber auch nicht bereut. Es war auch für mich überraschend, dass ich schlussendlich zu einem a-ha-Comeback ja gesagt habe, weil ich mir das niemals erwartet hätte. Ich war dann froh, zugesagt zu haben und es hat mir gefallen Musik zu schreiben, die Morten singt und die uns als Band definiert. Wahrscheinlich wäre ich nicht weniger glücklich, wenn wir es nicht gemacht hätten, aber im Endeffekt war es eine goldrichtige Entscheidung.

Was sind die größten Unterschiede für dich, heute ein Mitglied von a-ha zu sein im Direktvergleich zu 1987 etwa?

Damals war die Band mein Leben, sie war einfach alles und alles in meinem Leben war drumherum gebaut. Jeder Fehler fühlte sich viel dramatischer, jeder Erfolg viel wichtiger, jede Entscheidung endgültiger an. Dieses Mal sind wir sehr glücklich, dass wir so viele loyale Fans haben, die uns seit rund 35 Jahren begleiten und zu uns stehen. Wir können zusammen touren und Musik für Menschen spielen, die sie wirklich gerne hören. Das ist ein sehr großes Privileg und sollte niemals als selbstverständlich angesehen werden. Es ist ein Geschenk der Menschen und wir versuchen, das Beste daraus zu machen. Wir proben viel, überdenken alles und planen viel. Aber heute ist es eben ein Teil meines Lebens, ich bin nicht mehr zu 100 Prozent in dieser Blase von früher. So eine Blase kann schön und zerstörerisch gleichzeitig sein. Es ist nicht leicht, am Boden zu bleiben, wenn man auf einer Erfolgswelle schwimmt und es verändert die Menschen. Manche Menschen wollen sich in die Richtung verändern, andere nicht. Ich sehe es so, dass ich jeden Tag zur Arbeit gehen kann und etwas tue, was ich liebe. Egal, ob das die Musik, die Kunst oder eine Mischung aus beidem ist. Wäre ich nur immer durchgehend bei a-ha gewesen, hätte ich auch viel verpasst. Ich kann heute entscheiden, dass ich mich sechs Monate auf ein Projekt ohne Einnahmen konzentriere, ohne dass meine Kinder daheim verhungern. Das ist das Geschenk, dass mir unsere Fans machen. Wir können ihnen nicht immer das liefern, was sie erwarten, aber garantiert immer das Beste, was für uns möglich ist. Nach diesem Credo leben wir.

Hat sich deine Persönlichkeit und dein Zugang zu bestimmten Dingen über die Jahre stark verändert?

Als ich jünger war, war ich weniger selbstgefällig und ich habe den Preis dafür bezahlt, dass ich in einer sehr egoistischen und misstrauischen Welt lebe. (lacht) Ich bereue aber nichts, denn all das sind Werte, die ich nun aus eigener Erfahrung meinen Kindern weitergeben kann. Mit der Erfahrung siehst du viele Dinge viel klarer. In meiner Arbeit habe ich mir zum Glück diese Unschuld, etwas zum ersten Mal zu entdecken und andere damit mitreißen zu wollen, bewahrt. Schon als Kind habe ich immer alle genervt mit den Dingen, die sie sehen oder hören sollten und das ist immer noch da. So bringt man die Welt aber immer noch zum leuchten. Das ist der künstlerische Einfluss, der mir nie abhandenkam. Je mehr Erfahrungen man sammelt, umso mehr muss man darauf achten, sich nicht darin zu verfangen. Manchmal musst du diese Erfahrungen bei der Eingangstür abstreifen, um ungezwungen und frei an Dinge herangehen zu können. Sich das innere Kind zu bewahren war mir immer wichtig. Ich mache viele Sachen nicht mehr, die nicht notwendig sind. Die Freiheit, die ich heute schätze ist, dass ich nicht immer das mache, was von mir erwartet wird.

Andererseits gibt es bei a-ha aber immer noch drei Leute, die wohl ziemlich gleichberechtigt bestimmen. Vollkommene Freiheit wird dir dort wohl nicht zuteil?

In der Band funktioniert alles nur mit Kompromissen, es wäre nicht anders möglich. Das stört mich aber nicht, auch wenn es nicht immer leicht ist. Das liegt an der künstlerischen Integrität, die wir alle haben. In jeder Kollaboration gibt es verschiedene Geschmäcker und Meinungen, die immer wieder aufeinanderprallen. Wir haben so viele Modelle der Zusammenarbeit probiert und heute machen wir es mit Zeitabständen, was sich als am Besten herausgestellt hat. Jeder geht seine Wege, macht sein Ding und lässt sich von verschiedenen Sachen inspirieren. Wenn wir dann wieder zusammentreffen, dann können wir diese Eindrücke auf den Tisch bringen und uns zusammensetzen.

Du hast die 35 Jahre a-ha vorher schon angesprochen. Woran denkst du, wenn du an das Vermächtnis von a-ha und von dir in dieser Band denkst? Es gibt ja noch immer keine norwegische Band, die international für derart viel Aufsehen und Erfolg sorgte, wie die eure.

Jesus, die Zeit vergeht. Die Zeiten ändern sich und auch das Musikbusiness ist immer in Bewegung. Wir waren stur und haben immer hart gearbeitet, waren aber auch etwas glücklich. Wir hatten anfangs die gleichen Träume, merkten aber, dass sich das veränderte und haben trotzdem immer wieder zueinander gefunden. Man erkämpft sich immer seinen Weg in seinem Leben. Wir wollten immer Kunst mit Bedeutung machen und dabei frei sein. Das war und ist alles andere als leicht. Je mehr Projekte ich erledigt und gemacht habe, umso entspannter bin ich, wenn ich an mein Vermächtnis denke. Ich war eine Zeit lang ziemlich bedrückt darüber, wie wir in den 80er-Jahren von außen gesehen wurden, dass meine Beteiligung in der Band sich nicht ausreichend in den Credits niederschlug und nicht immer alles machen konnte, so wie ich es wollte. Aber ich bin mittlerweile zu einem Punkt gekommen, wo ich die sich mir anbietenden Chancen einfach nütze und das Beste daraus mache. Ich bin ziemlich glücklich darüber, dass ich heute auch stoppen und nein sagen kann. Ich weiß, dass mir viel Gutes gelungen ist und das beruhigt mich. Ich kann die Qualität meiner Taten erst viel später erklären. Wenn ich Musik oder Kunst mache, dann gibt es keine Zensur und nichts, was mich von meinen Visionen abhalten kann. Wenn diese Kunst gemacht ist, erst dann siehst du, ob man etwas von außen mehr oder weniger gernhaben kann. Diese Distanz fehlt dir als Erschaffer von Kunst. Ich denke immer sehr viel vor einem Projekt und auch danach, aber währenddessen bin ich total im Moment verankert. So ein Leben kann sehr starke Effekte auf deine Gesundheit und dein Familienleben haben, aber ich muss auf Holz klopfen, denn mir geht es gesundheitlich sehr gut und meine Familie liebt mich und ist ebenso gesund – zudem ist sie immer noch meine Familie. (lacht) Hättest du mir diese Frage 1992 gestellt, hätte ich dir geantwortet, dass a-ha die unterbewertetste Band der Welt ist und ich ein frustrierter Zeichner bin. Heute weiß ich aber, dass ich unheimlich viel Glück hatte, wie alles gelaufen ist. Man kann meine Outputs nicht bewerten. Wenn mich jemand als Künstler schätzt und meine Musik nicht mag, ist das vollkommen okay – ebenso vice versa. Ich bin immer noch mit allen befreundet, die mir etwas bedeutet und habe mir keine Todfeinde geschaffen. Ich bilanziere mein Leben durchwegs positiv.

Gibt es etwas in Wien, auf das du dich beim Konzert Anfang Februar besonders freust?

Wien ist eine sehr spezielle und einzigartige Stadt für mich. Ich habe die Zeit immer sehr genossen, aber meistens bleibt mir zu wenig Zeit. Wien war, wenn ich mich richtig erinnere, eine der ersten Städte auf unserer ersten Tour in den ganz frühen Tagen. Ich war damals geradezu geschockt, dass wir in einem Land, das ich gar nicht richtig wahrgenommen habe, so viele Fans hatten. Ich war schon mal als 15-Jähriger auf Interrail hier, aber das ist eine andere Geschichte. (lacht) Wien ist die Stadt der Kultur, da gibt es keinen Zweifel und wir haben hier hervorragende Fans. Jedes Wiederkommen ist für mich sehr speziell. Und wer weiß? Vielleicht kann ich hier einmal in der Staatsoper spielen oder wo etwas ausstellen? Sag niemals nie. (lacht)

"a-ha: An Acousting Evening" findet am 2. Februar in der Wiener Stadthalle statt. Karten für das intime Spektakel bekommen Sie unter 01/588 85-100 oder unter www.ticketkrone.at.

Robert Fröwein
Robert Fröwein

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