31.12.2017 06:01 |

Leben aus den Fugen

„Ich will meinen Bruder wiederhaben“

Ein kleiner Bub, seine Großmama, seine Tante. Sie alle mussten bei einem Brand auf einem steirischen Bergbauernhof sterben. Zurück bleiben eine junge Mutter und ihr siebenjähriger Sohn. Deren Leben durch die Tragödie völlig aus den Fugen geraten ist. Vielleicht für immer.

Es gibt Augenblicke, in denen sie beinahe wie früher scheint. Wenn sie über das Wetter spricht, oder über irgendeine Arbeit, die dringend erledigt werden muss. Doch diese Phasen dauern immer nur kurz an. Und Eva Sch. beginnt wieder bitterlich zu weinen. "Wo ist Maxi, wo ist meine Mama?", fragt sie dann, und: "Warum bestraft mich Gott so sehr?" Die Frau, sie hat so vieles verloren. Ihren zweijährigen Sohn, ihre geliebte Mutter, ihre Tante Dora. Bei einem verheerenden Brand in der Nacht vom 25. auf den 26. Dezember.

Dauernd sieht sich die Frau jetzt Bilder an, die sie auf Facebook gepostet hat, in den Stunden und Tagen vor dem Drama. Auf einem ist ihr kleiner Bub zu sehen, wie er aus einem Fenster blickt. Das Foto wurde am Heiligen Abend gemacht. "Warten auf das Christkind", hat die 29-Jährige darüber geschrieben, verziert mit drei Herzen.

"Das Drama geschah in ihrem größten Glück"
"Die Tragödie", sagt Sabrina Zingl, ihre beste Freundin, "erwischte Eva, als sie, vielleicht zum ersten Mal in ihrem Leben, wirklich glücklich war." Das Davor? "Ein ewiges Auf und Ab." Schon, ihre Kindheit auf dem Bergbauernhof im steirischen Graden sei "ganz okay" gewesen. Sie wuchs dort – in der Einöde und gleichzeitig im Paradies – als jüngstes von vier Geschwistern auf.

Aber früh ließen sich die Eltern scheiden. Bald zogen die drei älteren Kinder weg. Und Mutter Brigitte blieb zurück, in der Abgeschiedenheit, mit dem Mädchen und Dora, einer geistig ein wenig behinderten Verwandten, die im Stall und im Haushalt Hilfsdienste verrichtete, "und viel mit Eva spielte. Genauso wie der neue Partner, den ihre Mama später fand."

Im Teenageralter fing Eva Sch. an, sich "nach mehr" zu sehnen. Ging nach Graz, machte eine Friseurlehre, fand einen Freund, wurde mit 21 von ihm schwanger. 2010 kam Andre zur Welt. Aber die Beziehung zu dem Vater des Buben hielt danach nicht lange."

Auch davor gab es Schicksalsschläge
"Eva Sch. siedelte sich in der Folge in Köflach an, um ihrer Familie näher und trotzdem "an einem ein bisschen urbanen Ort" zu sein. Arbeitete fleißig, kümmerte sich rührend um ihren Sohn. Vor fünf Jahren ein harter Schicksalsschlag. Der Lebensgefährte ihrer Mutter, der ihr von Jugend an ein enger Vertrauter gewesen war, starb bei einem Traktorunfall. Oben, am Berg.

Irgendwann dann wieder ein Höhepunkt, die junge Frau verliebte sich, wurde abermals schwanger. Trotzdem trennte sich das Paar. "Eine Abtreibung? Nein, das war für Eva nie eine Option", betont Sabrina Zingl: "Denn sie ist ein sehr gläubiger Mensch." 2015 die Geburt von Maximilian: "Sie kam auch mit zwei Kindern gut zurecht. Machte sogar in der Karenz eine Umschulung zur Versicherungskauffrau."

Gleich jedoch die nächste Tragödie: "Sie verlor ihren Vater." Er hatte ihr Geld vererbt, "sie wollte es sinnvoll verwenden.", ihrer Zerrissenheit; dem Gefühl, nicht zu wissen, wohin sie gehörte, ein Ende setzen – "und sie ließ den Bauernhof umbauen. Oberhalb der Räumlichkeiten, in denen ihre Mutter mit der mittlerweile pflegebedürftigen Dora lebte, richtete sie für sich und ihre Buben eine Luxuswohnung ein."

Und ihr Glück schien perfekt, als sie 2016 Michael S. - um zwei Jahre älter als sie, Pflasterer von Beruf, geschieden, Vater von drei Kindern - kennenlernte. Der Mann zog rasch zu ihr, "sie waren eine wunderbare Patchwork-Familie." Am Christtag fand ihre erste gemeinsame Weihnachstfeier statt. Es wurde Braten gegessen und gelacht, es gab noch mal eine Bescherung."

Wie soll jetzt alles weitergehen?
"Um 20 Uhr zogen sich Brigitte Sch. und Dora mit Maximilian nach unten zurück, der Kleine sollte über Nacht bei ihnen bleiben – da sein Zimmer für die zwei Söhne und die Tochter von Michael S. benötigt wurde.

Um 5 Uhr wachte der Mann auf. Roch Rauch. Sah Feuer. Rettete Eva Sch., Andre und seine Kinder aus dem Haus. Für Maxi, seine Großmutter und Tante Dora kam jede Hilfe zu spät. Der Brand dürfte durch einen Kabeldefekt im alten Teil des Gehöfts ausgelöst worden sein. Eva Sch. und ihr Partner halten sich nun ständig in den Armen - und weinen. "Wie soll unser Leben weitergehen?", fragt die Frau immerzu. Ohne eine Antwort zu erwarten.

"Will meinen Bruder wiederhaben"
Andre wird derzeit von seinem Vater betreut. Mit Legosteinen spielt der Bub das Geschehene nach. "Ich will meinen Bruder wiederhaben", schluchzt er dabei. Maximilians Vater brach zusammen, als er vom Tod seines Kindes erfuhr. Michael S.' Kinder sind bei ihrer Mutter. Auch sie haben ein schweres Trauma zu verarbeiten.

Bei der Sparkasse Köflach wurde ein Spendenkonto eingerichtet:
"Brandopfer Graden"
AT26 2083 9055 0119 0812

Martina Prewein, Kronen Zeitung

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