Sogar Khorchide selbst hatte sich zuletzt in einem Beitrag in der Wochenzeitung "Die Furche" gegen die "verzerrte Wahrnehmung" der Umfrageergebnisse aus seiner Arbeit gewehrt. Die Intensität der Debatte hatte wohl auch ihn überrascht. Für Bildungsforscher Hopmann ist indes festzuhalten, "dass fast keine einzige in großen Lettern herausposaunte allgemeine Behauptung über Einstellungen und Haltungen islamischer Religionspädagogen auf Grundlage dieser Studie seriös nachgewiesen werden kann." Und in Richtung der Politik meint Hopmann: "Wer auf dieser Grundlage handeln will, macht aus schlechter Wissenschaft schlechte Politik."
Die Feststellung, dass viele Islam-Lehrer demokratiefeindliche und fanatische Positionen einnehmen, sei auf Grundlage dieser Studie "wissenschaftlich gesehen schlichter Unfug". Ein Blick in die Originalstudie (den Zugriff auf diese hat der Autor mittlerweile gesperrt, Anmk. der Redaktion) zeige, "dass hier auf Grundlage unzulässiger und wissenschaftlich unhaltbarer Verallgemeinerungen diskutiert wird, die meist durch eine irreführende und fehlerhafte Konstruktion von Skalen erzeugt wurden."
"Unverzichtbares Vater Unser wäre auch fanatisch"
Ein methodisches Grundproblem, das "technisch unzulässig" ist, sieht der Bildungsforscher darin, dass in der Arbeit immer wieder "beschreibende und wertende Aussagen unter einer wertenden Überschrift fehlerhaft zusammengefasst werden". Als Beispiel verweist Hopmann auf die Erhebung von Fanatismus: Dafür seien den Befragten nur zwei Fragen bzw. Aussagen zur Selbsteinschätzung vorgelegt worden, von denen eine lautete: "Meiner Ansicht nach ist jemand, der die fünf Pflichtgebete nicht einhält, kein Muslim." So müsse analog dazu "beispielsweise jede christliche Lehrkraft, die in Übereinstimmung mit der Kirche das Glaubensbekenntnis oder das Vater Unser für unverzichtbare Bestandteile des katholischen Glaubens hält, als 'fanatisch' eingestuft werden", kritisiert der Wissenschafter.
Beim Thema Gewalt seien drei Aussagen zusammengefügt worden, "unter anderem die Aussage: 'Für mich ist es verständlich, wenn Gewalt zur Verbreitung des Islam angewendet wird.' Dieser Aussage stimmen ohnehin nur drei oder vier Befragte zu." Genau lasse sich das nicht aus der Studie ermitteln. Zudem heiße "die Tatsache, dass jemandem etwas 'verständlich' ist, noch lange nicht, dass man es auch befürwortet". Zum andern ließen sich auf Grundlage solcher und ähnlicher Fragen keinerlei verallgemeinernde Aussagen über Haltungen zu Gewalt folgern.
Nicht-muslimische Lehrkräfte hätten nicht anders geantwortet
Dem Bildungswissenschafter fehlt auch der Vergleich mit anderen Lehrkräften, und "durchweg werden kleine Gruppen von Befragten in sachlich unsinniger Weise zu großen Gruppen zusammengefügt, denen dann bestimmte Haltungen zugeschrieben werden". In den allermeisten Fällen sei zu vermuten, dass entsprechende Aussagen nicht-muslimischer Lehrkräfte bezogen auf ihren jeweiligen Glauben nicht viel anders ausfallen würden. Hopmann selbst arbeitet derzeit an einer Studie an der Universität Wien und mit internationalen Partnern, bei der "die Haltung heimischer und nichtheimischer Lehrer verglichen wird". Erste Ergebnisse sind für den Sommer zu erwarten.
Warum die Dissertation trotz der Mängel positiv, nämlich mit Sehr Gut, beurteilt wurde, kann Hopmann selbst nicht beurteilen. Auch wenn in der Arbeit durchaus auch einige "gute Teile" zu finden wären, wäre sie von ihm als Doktorvater und damit in der empirischen Bildungsforschung "in der vorliegenden Form" nicht angenommen worden.
In der Debatte ging zuvor am Freitag die Islamische Glaubensgemeinschaft in die Offensive: Die IGGiÖ wehrt sich gegen "Diffamierung" im Zusammenhang Khorchide Studie. Die aufgeworfenen Fragen seien zwar ernst zu nehmen, doch wegen der negativen Stereotypisierung wachse die Sorge vor ernsten Auswirkungen auf das gesellschaftliche Klima in Österreich, hieß es. In der Islamischen Glaubensgemeinschaft sei die Betroffenheit groß, "nicht nur die Lehrerschaft fühlt sich an den Pranger gestellt".
Nach einer umfassenden Analyse der Studie wolle man vor allem in zwei Richtungen arbeiten: Aufklärung und mehr Präsenz der Fachinspektoren. Man sei um eine ständige Qualitätssicherung bemüht, etwa durch Schaffung von Bildungseinrichtungen oder die Erhöhung der Zahl der Fachinspektoren von ursprünglich einer auf nunmehr acht Personen. Die IGGiÖ kritisiert auch die Fragestellungen in der Studie. Es handle sich zum Teil um "irritierende Wendungen", die "suggestiv eine Antwort vorgeben". Man habe es verabsäumt, "in die Formulierung der Fragestellung einzugreifen", hieß es in der Stellungnahme - wobei gleichzeitig versichert wurde, dass man die Freiheit der Wissenschaft respektiere.
Zudem kritisierte die IGGiÖ, dass in der Umfrage "private Meinungen" abgefragt wurden. Das bedeute nicht sofort, dass die rund 21% der befragten Lehrer (ausgehend von der Grundgesamtheit wären das in etwa 80 Lehrkräfte, Anm.) ihre angeblich fanatischen Einstellungen auch im Unterricht Ausprägung fänden.
Was bleibt: 40% der Religionslehrer fehlt Ausbildung
Was aus Khorchides Studie haften bleibt - und das führte der Imam einer kleinen Moschee in Wien-Ottakring gleich zu Beginn als seinen eigentlichen Hauptkritikpunkt an -, ist die Tatsache, dass in der Arbeit aufgedeckt wird, dass 40% der muslimischen Religionslehrer in Wien weder eine theologische noch pädagogische Ausbildung haben. Der Grund dafür sei, so Khorchide, dass viele von ihnen in den Achtzigern und Neunzigern ohne großen Anforderungskatalog angestellt wurden. In den Forderungen der letzten Tage war vielfach ein Ruf nach einheitlichen Standards laut geworden. Für die Bestellung von Religionslehrer sind in Österreich die Religionsgemeinschaften zuständig.
Faymann: "Nicht gleich mit Paragrafen wacheln"
Zuletzt hatte nach Wiens Bürgermeister Michael Häupl sogar Bundeskanzler Werner Faymann eine Gesetzesänderung diesbezüglich nicht ausgeschlossen. Man könne "angesichts der Studienergebnisse nicht zur Tagesordnung übergehen". Sollten Gesetzesänderungen notwendig sein, werde er das auch unterstützen, sagte Faymann am Freitag. Der Bundeskanzler machte klar, dass es "keinen Widerspruch zwischen Demokratie und Religionsfreiheit geben kann".
Die Religionsfreiheit sei aber "nicht dazu da, einen Schutzschild über jemanden zu setzen, der nicht mit den demokratischen Grundregeln übereinstimmt", so Faymann, der "maximale Unterstützung" für die auch für Kultusangelegenheiten zuständige Bildungsministerin Claudia Schmied, die eine schriftliche Stellungnahme der IGGiÖ bis 12. Februar einforderte, signalisierte. Gleichzeitig sagte er aber auch, es sei derzeit "zu früh, um gleich mit Paragrafen zu wacheln".
Kirche bietet Kooperation bei Ausbildung an
Mit dem Schwenk der Debatte hin zum Thema "Verschärfung der Gesetze" hat sich am Freitag auch die Kirche eingeschaltet. Die geschäftsführende Leiterin des Interdiözesanen Amtes für Unterricht und Erziehung, Christine Mann, erinnerte via "Kathpress" daran, dass eine "staatliche Schulaufsicht" in organisatorischer und schuldisziplinärer Hinsicht auch bisher schon gegeben und im Religionsunterrichtsgesetz "ausdrücklich vorgesehen" sei.
Mit Blick auf den islamischen Religionsunterricht erwähnte Mann die "schon länger angedachte" Kooperation im Bereich der Aus-, Fort-und Weiterbildung der Lehrpersonen. Dies könnte ein Beitrag zur Qualitätssteigerung aller Formen des Religionsunterrichts sein. Die bewährten Erfahrungen der christlichen Kirchen, wie sie im gemeinsamen Projekt der Kirchlichen Pädagogischen Hochschule Wien/Krems zusammenliefen, könnten auch hier eine "verlässliche und professionelle Begleitung" in allen Bereichen bedeuten.
Da dieser Artikel älter als 18 Monate ist, ist zum jetzigen Zeitpunkt kein Kommentieren mehr möglich.
Wir laden Sie ein, bei einer aktuelleren themenrelevanten Story mitzudiskutieren: Themenübersicht.
Bei Fragen können Sie sich gern an das Community-Team per Mail an forum@krone.at wenden.