Mo, 22. Oktober 2018

"Ethisch bedenklich"

04.06.2004 14:56

Diese Frau soll Gesicht eines Toten erhalten

„Ich möchte mich verlieben, heiraten und Kinder bekommen.“ Jacqueline Saburidos Wunsch klingt ganz normal. Doch sie hatte schon die Hoffnung aufgegeben, dass er in Erfüllung gehen könnte. Denn ihr Gesicht war durch einen Autounfall furchtbar entstellt worden. Jetzt bekommt die 25-Jährige „eine Chance auf ein neues Leben“. Denn die Texanerin wird in einer revolutionären Operation ein neues Gesicht bekommen. Es stammt von einer Leiche. Deutsche Wissenschaftler stehen einer solchen OP skeptisch gegenüber.
Vor fünf Jahren war Jacquelines Wagen vom18-jährigen Reggie Stephey frontal gerammt worden. Der Footballstarder örtlichen Highschool hatte die Nacht im Haus eines Freundesdurchgezecht und sich betrunken hinters Steuer gesetzt. Das Mädchenwurde von der Feuerwehr aus den Trümmern ihres brennendenAutos gezogen. 50 Operationen retteten das Leben der dunkelhaarigenSchönheit. Doch ihre Haare, ihre Ohren, ihre Nase und ihrlinkes Augenlid waren verbrannt.
 
Schockierende Plakataktion
Um anderen ihr Schicksal zu ersparen, stellte sichdie mutige junge Frau für eine Aktion gegen Trunkenheit amSteuer zur Verfügung. Überall an den Highways von Texasschockt das Bild von Jacqueline die Autofahrer. Die Aufschriftauf den Plakaten lautet: "Nicht jeder, den ein betrunkener Fahrerauf dem Gewissen hat, stirbt."
 
"Jacqueline ist die ideale Kandidatin fürden Eingriff"
Doch Jacqueline will nicht länger als "Abschreckung"dienen: "Ich möchte einfach vor die Tür gehen können,ohne dass mich die Leute entsetzt anstarren." Dr. John Barkersoll es möglich machen. Der Direktor der plastischen Chirurgieim Uniklinikum Louisville: "Sie ist die ideale Kandidatin fürden Eingriff." Mit seinem Team von 16 Spezialisten will Dr. Barkerdas Gesichtsgewebe und die Blutgefäße einer Leicheauf Jacquelines Gesicht verpflanzen.
 
OP theoretisch durchführbar
Die Transplantation - mit Ohren, Nase und Augenlidern- sei aufgrund neuer Medikamente, die eine Abstoßung desfremden Gewebes verbinden, nun theoretisch durchführbar.Bei einer solchen Operation werden die Gesichtsmuskeln und diedarüber liegende Haut des Toten entfernt und dem Patienteneingepflanzt. Anschließend werden die Nerven mit dem Transplantatverknüpft.
 
Wann es soweit ist, dass die erste Gesichts-Transplantationstattfindet, ist noch nicht klar. Um offizielle Genehmigung istvon Barker und seinem Team bereits angesucht worden. In den nächstenMonaten wollen sie sich mit Jacqueline treffen, um die Durchführbarkeitder Operation zu besprechen, wie auf der Homepage von Jacquelineberichtet wird.
 
Wissenschaftler sind skeptisch
Deutsche Wissenschaftler sehen das Vorhaben mit großerSkepsis. Technisch sei das sicher machbar, sagte Professor DieterRiediger am Donnerstag beim Kongress der Deutschen Gesellschaftfür Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie in Aachen. "Aberman soll sich fragen, ob man alles, was technisch machbar ist,machen soll und machen darf."
 
Die Blutversorgung sei kein Problem. Aber das Gesichtwerde wie eine Maske ohne Mimik sein, sagte KongresspräsidentRiediger. Er verwies auf die Erfahrungen der weltweit ersten Handverpflanzungenin den USA. Die Patienten hätten die Hand ohne jeglichesGefühl später eher als störend empfunden. Die ethischund medizinisch umstrittene Gesichts-Transplantation der amerikanischenForscher soll Patienten mit schweren Verbrennungen, Krebs oderSchusswunden helfen.
 
Ethisch umstritten
Die psychologischen Folgen für Betroffenen unterstrichProfessor Michael Ehrenfeld (München): "Die Patienten werdenein riesiges Identifikations-Problem haben." Das eigene Gesichtsei unverwechselbar. Beim Blick in den Spiegel werde sich einPatient nicht mehr erkennen. Das Problem der fehlenden Mimik hobauch Professor Karsten Gundlach aus Rostock hervor: "Wenn manmorgens in den Spiegel guckt, sieht man genau, wie es einem geht."Ein transplantiertes Gesicht sei dagegen maskenhaft und ohne Ausdruck.
 
Von Dierk Sindermann und Krone.at
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