So, 22. Juli 2018

Duisenberg geht

03.11.2003 17:19

Wechsel an der Spitze der EZB

Ohne großen Pomp und feierliche Empfänge vollzieht sich an diesem Wochende der Wachwechsel an der Spitze der Europäischen Zentralbank (EZB). Offiziell übernimmt der Franzose Jean-Claude Trichet am Samstag das Amt des ersten EZB-Präsidenten Wim Duisenberg.
Doch das Wochenende hat sich der 60-Jährigefrei genommen. Seinen erster Auftritt wird der international anerkannteGeld- und Währungspolitiker am Montag in Athen auf einerJubiläumsfeier der griechischen Notenbank haben.
 
Schweres Erbe
Trichet war bereits 1998 auf Druck des französischenPräsidenten Jacques Chirac als Duisenberg-Nachfolger durchgesetztworden. Er tritt ein schweres Erbe an. Nicht nur die insgesamtpositive Bilanz des Niederländers Duisenberg, sondern auchder ihm vorauseilende Ruf haben die Messlatte für "den Neuen"sehr hoch gelegt. In der französischen Bankenszene gilt erals einer der besten Notenbanker der Welt.
 
An der Politik der zweitwichtigsten Zentralbank- hinter den USA - dürfte sich allerdings nichts ändern.Schon als Chef der Banque de France widersetzte sich Trichet denForderungen aus der Politik, die Leitzinsen zum Zwecke der Konjunkturankurbelungzu senken. Zusammen mit seinen 17 Kollegen im Zentralbankrat wirder die bislang verfolgte Stabilitätspolitik fortsetzen. Auchin der negativen Einschätzung hoher Staatsdefizite sowieder Aufweichung des europäischen Stabilitätspaktes liegter auf einer Linie mit Duisenberg.
 
Duisenberg: erfolgreiche Amtszeit
Der 68-jährige Holländer kann auf eineerfolgreiche Amtszeit von fünf Jahren zurückblicken.Sein Eintrag in das große Buch der europäischen Geschichteist ihm sicher. Das historisch einmalige Projekt einer gemeinsamenWährungsunion von zwölf unabhängigen Nationen ohnestaatlichen Überbau kann durchaus als gelungen bezeichnetwerden. Duisenbergs zerfurchte Physiognomie mit dem wilden weißenHaarschopf wird stets mit der Einführung des gemeinsamenGeldes am 1. Januar 2002 in Erinnerung bleiben.
 
Weitaus wichtiger ist allerdings die bislang inEuropa ungewohnte Stabilitätskultur. Das gegenwärtigeNiveau der Leitzinsen von zwei Prozent war seit dem Zweiten Weltkriegin keinem Mitgliedsland niedriger. Die derzeit durchschnittlicheInflationsrate von rund zwei Prozent war vor allem in den südeuropäischenLändern über Jahrzehnte unbekannt. Inflation treffeam Ende immer die schwächsten Glieder der Gesellschaft, wardas Credo des ehemaligen niederländischen Finanzministersund Notenbankpräsidenten. Zwar wurde die Politik im EZB-Ratimmer von gemeinsamen Beschlüssen getragen, das öffentlicheGesicht der Währungshüter war stets Duisenberg.
 
Der nach außen Disziplin und Gelassenheitausstrahlende Geldpolitiker hatte allerdings auch prekäreSituationen zu bestehen. Als zum Jahreswechsel 2000/2001 der Eurokursin Richtung 0,82 Dollar abrutschte, schienen die Kritiker derWährungsunion - sie war 1999 mit einem Euro-Kurs von 1,18Dollar gestartet - bestätigt. Die Skepsis gegen eine Gemeinschaftswährung- mit ehemaligen Weichwährungsländern - hatte vor allemin Deutschland wieder Konjunktur.
 
Wie ein Schatten über Duisenbergs Präsidentschaftlag das politische Gerangel um seine Ernennung im Mai 1998. Untermassivem politischem Druck - insbesondere aus Paris - hatte ereingewilligt, seine auf acht Jahre vereinbarte Amtszeit vorzeitig"freiwillig" zu beenden. Immer wieder kamen aus dem Elysée-PalastSignale, er möge seinen Platz in Frankfurt für den französischenNotenbankchef Trichet räumen.
 
Doch selbst diese stechenden Attacken konnte derNiederländer am Ende mit einem späten Triumph krönen.Sein überraschendes Rücktrittsangebot, zum 9. Juli 2003an seinem 68. Geburtstag auszuscheiden, brachte die europäischenRegierungschefs in die Bredouille. Zu diesem Zeitpunkt stand Trichetwegen Beihilfe zur Bilanzfälschung bei der einstigen StaatsbankCrédit Lyonnais vor Gericht. Die EU-Finanzminister musstenDuisenberg deshalb bitten, so lange auf dem Präsidentenstuhlzu bleiben, bis der erhoffte - und auch eingetretene - Freispruchfür Trichet den reibungslosen Wechsel ermöglichte. "Mr.Euro" kann nun mit viel Reputation und ohne sichtliche Kratzerdas geldpolitische Ruder übergeben.

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