Do, 19. Juli 2018

Literaturwelt trauert

08.09.2008 20:56

"Literaturpapst" Schmidt-Dengler verstorben

Der Germanist und Literaturwissenschafter Wendelin Schmidt-Dengler ist völlig überraschend im Alter von 66 Jahren gestorben. Schmidt-Dengler verlor bereits am Sonntag den Kampf gegen eine Lungenembolie, gab das Institut für Germanistik der Universität Wien. Mit großer Bestürzung reagierten Schriftstellerkollegen sowie zahlreiche Politiker und Literaturinstitutionen auf das frühe Ableben des vielfach ausgezeichneten Literaturpapstes, der eine Frau und drei erwachsene Kinder hinterlässt.

Der ORF änderte sein Programm und sendete noch Montagabend ein früheres Interview, in der Nacht von Dienstag auf Mittwoch ein Porträt. Auch Ö1 widmet Schmidt-Dengler Sendungen. „Eine solche Persönlichkeit, was die Arbeit an der österreichischen Literatur betrifft, wird es nicht so bald wieder geben“, reagierte Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek auf die Todesnachricht. Schmidt-Dengler war der Inbegriff österreichischer Literaturwissenschaft: Literaturpapst mit ansteckenden Begeisterungspredigten, Kritiker mit spitzer Zunge, Wissenschafter mit ebenso großen Verdiensten in Spezialistenkreisen wie in der breiten Öffentlichkeit.

Garant für volle Hörsäle
Der Vorstand des Wiener Instituts für Germanistik, dem er seit 1989 als ordentlicher Professor angehörte, war nicht nur ein Garant für volle Hörsäle, er war auch Leiter des Literaturarchivs der Österreichischen Nationalbibliothek, wo er seit geraumer Zeit an der Einrichtung eines Literaturmuseums arbeitete. Im Literaturarchiv schaffte er es, durch gezielte und erfolgreiche Erwerbungspolitik wichtige Dokumente zur österreichischen Literatur dauerhaft für die Nachwelt zu bewahren, wie etwa erst 2007 den umfangreichen „Pariser Vorlass“ von Peter Handke. ÖNB-Chefin Johanna Rachinger würdigte seinen „unermüdlichen Einsatz für die Rezeption und Vermittlung österreichischer Literatur“.

Unter österreichischen Autoren löste der plötzliche Tod Bestürzung aus: "Er wird ein gewaltiges Loch hinterlassen. Er war ein Mann, der auf der Höhe der Entwicklungen stand, der sich von Gruppen nicht vereinnahmen ließ, der echtes Gespür und echte Begeisterung für die Literatur hatte, der wunderbar sprechen und rasch urteilen konnte, nicht intrigierte, das Wesentliche sah und sich nicht verzettelte", so der Schriftsteller Gerhard Roth gegenüber der APA, "ein Mann, für den die Literatur gleichwertig mit dem Leben war." Auch Michael Köhlmeier betrauert den Verlust: "Er hat so etwas wie eine Republik der Literatur gegründet, in der er sicher der Präsident gewesen wäre."

Politik: Ein „polyglotter Gelehrter“
Für Bundeskanzler Alfred Gusenbauer war Schmidt-Dengler „Lehrer und intellektueller Förderer“, Kulturministerin Claudia Schmied würdigte den Germanisten als „polyglotten Gelehrten“, der „Vordergründiges und Hintergründiges zu entlarven und in seiner Essenz darzustellen“ vermochte. ÖVP-Kultursprecher Morak betrauert „einen der streitbarsten und engagiertesten Exponenten, der Generationen von Studentinnen und Studenten die Begeisterung  für Sprache und deutschsprachige Literatur vermittelt hat“. Für Wiens Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny war Schmidt-Dengler „ein Intellektueller, der oszillierend zwischen wissenschaftlicher Analyse und brillantem Essay die österreichische Kunst, Kultur und Literatur befundet hat.“

Mit Preisen überhäuft
Der am 20. Mai 1942 in Zagreb geborene Germanist und Altphilologe wurde schon 1968 mit dem Theodor-Körner-Preis ausgezeichnet, es folgten 1978 der Förderungspreis der Gemeinde Wien, 1994 der Österreichischen Staatspreis für Literaturkritik und 1997 der Preis für Sozial- und Geisteswissenschaften der Stadt Wien. 2007 war er „Wissenschaftler des Jahres“. Im Rahmen der Frankfurter Buchmesse hätte er heuer den „Preis der Kritik“ erhalten sollen.

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