Kolumne

Weniger kann mehr sein - Mut ist gefragt

07.02.2014, 08:45
Zwei Fixstarter für die Abfahrt zu nominieren war weise - die fünf "Qualifikanten" stehen vor einer sehr schwierigen Situation.

Noch bleibt der Fernseher schwarz, noch bin ich angewiesen auf Ergebnislisten und die Zeitenanalyse, um mir einen Reim zu machen auf die Situation vor der Herrenabfahrt am Sonntag. Eines lässt sich auf den ersten Blick erkennen: Matthias Mayer und Max Franz fix aufzustellen war eine weise Entscheidung.

Dass die anderen fünf in die Qualifikation müssen, leuchtet mir ebenso ein. Wobei sie vor einer schwierigen Situation standen: Für sie war das Medaillenrennen noch kein Thema, zählte nur der Bruderkampf. Und das ist ein viel ärgeres Rennen. Gegen Kollegen anzutreten, mit denen man mitunter Tisch und Bett und Servicemann teilt, ist bei Weitem zermürbender als der Vergleich mit internationaler Konkurrenz.

Mayer und Franz können sich auf ihre Aufgaben konzentrieren, da nach Hannes Reichelts Ausfall die Erwartungshaltung recht niedrig, kaum Druck vorhanden ist. Mir scheint, dass sie in Bezug auf das Setup auf dem richtigen Weg sind. Meiner Meinung nach ließen sich sogar taktische Finessen in Betracht ziehen, die das Ganze spannend machen. Die Olympiastrecke ist lang, mit einer Fahrzeit von mehr als zwei Minuten, im oberen Abschnitt Super- G-ähnlich, technisch sehr anspruchsvoll und extrem kräftezehrend, ähnlich wie Bormio.

Daher scheint es mir die Überlegung wert, dass Mayer und eventuell auch Franz - vorausgesetzt, es ändert sich nichts Gravierendes - einen von drei Trainingsläufen auslassen. Es sorgte für gehörige Aufruhr, als ich vor den Spielen 1998 auf einen Start in Kitzbühel verzichtete. Aus meiner Sicht die einzig richtige Entscheidung, um mir die Entschlossenheit, die geistige Frische und die Gier, so schnell wie möglich nach unten zu wollen, für den Saisonhöhepunkt zu bewahren. Der Rest ist Geschichte...

Mit dem neuen, aggressiven Material sind drei Trainingsfahrten sehr, sehr anstrengend, besteht die Gefahr, dass man seine Kräfte verschießt, Medaillenchancen von vornherein dahin sind. Zur Entscheidung, eine Pause zu machen, gehört natürlich Mut. Treffen muss sie der Athlet selbst. Gefragt sind aber auch die Verantwortlichen, die den Läufern Vertrauen geben und schenken, ihnen Ruhe vermitteln müssen. Weniger ist da unter Umständen mehr.

07.02.2014, 08:45
Hermann Maier, Kronen Zeitung
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