Foto: APA/HERBERT NEUBAUER

Skispringer- Coach Pointner litt an Depressionen

05.01.2014, 14:23
Man kennt ihn als Analysator zumeist von Erfolgserlebnissen seiner ÖSV-Athleten. Seit zehn Jahren steht Alexander Pointner als Cheftrainer der österreichischen Skispringer mit im Scheinwerferlicht des Spitzensports. Doch hinter den Kulissen, das erzählte Pointner am Sonntag in der Ö3-Sendung "Frühstück bei mir" erstmals, kämpften zunächst sein Sohn und dann er selbst mit Depressionen.

Den Schritt in die Öffentlichkeit mit diesem sensiblen, gerne auch verschwiegenen Thema machte Pointer am Vortag der Entscheidung der Vierschanzen- Tournee. Doch seine Athleten waren die gesamte Zeit über die privaten Probleme Pointners im Bilde.

"Man ist nicht gerüstet"

"Wenn ich die letzten zwei Jahre zurückblicke, dann hat unsere Familie eine sehr schwere Zeit hinter sich. Vor zwei Jahren hat unser Sohn eine Depression bekommen", erzählte der gebürtige Oberösterreicher, der aber fast sein gesamtes Leben in Innsbruck lebt. Selbstzweifel, was man falsch gemacht habe, plagten ihn und seine Frau Angela. "Man leidet mit, man ist mit Dingen konfrontiert, für die man nicht gerüstet ist."

Als sich sein Sohn Max mit 16 selbst entschloss, zu einer Therapie in die Klinik zu gehen, reiste Pointner im Februar 2012 von der Skiflug- WM in Vikersund ab. Er holte damals alle Betreuer und Athleten in sein Zimmer und klärte seine Mannschaft über die Umstände auf. "Ich bin ihm dann mehr oder weniger gleich gefolgt und habe eine sehr schwere Zeit gehabt, weil ich einfach mit der Aufgabe, die mir das Leben zu dem Zeitpunkt gestellt hat, nicht fertiggeworden bin."

Pointner hält in diesem ungewöhnlich offenen Interview bei Barbara Stöckl in "Frühstück bei mir" mit der Wahrheit nicht hinter dem Berg. "Man muss es aussprechen - ich habe eine Depression gehabt. Ich weiß, es gibt Generationen in unserer Gesellschaft, die sagt, dass man über solche Dinge nicht reden darf." Dies symbolisiere Schwäche.

Pointner will Mut machen

Doch Pointner will auch anderen Betroffenen Mut machen, sich der Wahrheit zu stellen und sich nicht zu verstecken. "Ich kann aus meiner Erfahrung nur sagen, dass es die einzige Chance ist, das auszusprechen." Zuerst müsse man es selbst akzeptieren, dann brauche man aber unbedingt Hilfe von außen.

Dies habe er am eigenen Kind gesehen. "Ich habe mich dann auch entschlossen, dass ich ärztliche Hilfe in Anspruch nehme. Es war dann eine längere Zeit wirklich schwierig, weil man muss das Steuer wieder in die Hand bekommen, weil sonst ist man einfach nur Passagier von sich selbst."

Seit etwa einem halben Jahr hat er diese schwierige Zeit überstanden. "Wir haben die schwierige Zeit geschafft und sind stärker als zuvor zurückgekommen. Da weiß man, was die Aufgaben des wahren Lebens sind", schilderte Pointner auf Ö3.

Obwohl Pointner und vor allem seine Frau Angela sich mit Stressregulation, Burn- out und auch neurologischen Fällen beruflich beschäftigen, war eine Selbsthilfe ausgeschlossen. "Man kann sich nicht selbst therapieren, man braucht externe Hilfe. Eine Depression muss man nicht verstecken."

Als Auslöser sieht der Coach "eine Mischung aus beruflicher Belastung und dass ich mit meinem Kind so mitgelitten habe".

"Man will gar nicht aufwachen"

Pointner beschrieb seine damalige Gefühlssituation drastisch: "Es hat Phasen gegeben, da bin ich kaum aus dem Bett herausgekommen. Man verspürt einen Druck in der Magengegend, man will eigentlich gar nicht aufwachen, weil alles eine Riesenbelastung ist."

Es sei an der Zeit gewesen, dies nun auch öffentlich auszusprechen, "obwohl es auch in unseren Kreisen nicht so gern gesehen wurde". In seiner Mannschaft hingegen hatte er den vollen Rückhalt. "Wenn es meine Athleten nicht gegeben hätte und Personen wie Ernst Vettori oder unsere Mannschaftsärzte, dann hätte ich die Zeit nicht überstanden."

Zur Funktion, dass ein Chef immer stark sein muss: "Ich glaube, es war sehr wichtig, sonst hätte ich - was sehr viele machen - schauspielern müssen, und das kostet extrem viel Energie und in Wirklichkeit war mir schlecht."

Das Spiel mit offenen Karten sieht Pointner allerdings eher als Stärke. So hätten es auch die Athleten gesehen. "Sie haben es eher so aufgefasst, dass es eine Stärke ist, so etwas zu sagen und authentisch zu sein." Insgesamt hat die Phase ein gutes Jahr gedauert, erzählte Pointner, der auch medikamentöse Unterstützung gebraucht habe.

Auch in der Ehe mit seiner Frau Angela habe er viel gearbeitet. "Ich war sehr oft nicht mit allen Sinnen daheim. Es ist auch sehr schwierig, diesen Bühnenwechsel zwischen Spitzensport, dieser Scheinwelt, und dem wahren Leben, dass man da von einer auf die andere Sekunde umschaltet."

Als Tipp für alle gestressten Menschen könnte man folgende Worte auslegen: "Es ist sehr wichtig, dass man zuhören kann und sich nicht selbst in den Fokus stellt. Ähnlich wie im Spitzensport gilt: Eine Beziehung ist nur dann gut, wenn man sich immer in der Ausbildung sieht."

05.01.2014, 14:23
AG/red
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