Kolumne

Hirscher fand sein Limit nicht

20.02.2014, 08:55
Meine Analyse, warum es nicht klappte: Marcel hat an unruhigen Stellen Schwünge abgewürgt - Ligety ist ein ganz Großer! Es war eine Machtdemonstration. Ted hat dem Rest der Welt wieder gezeigt, wie man heutzutage Riesentorlauf fährt. Und zumindest in diesem einen Punkt lief alles wie erwartet. Dass allerdings Marcel Hirscher an den Medaillenrängen vorbeifuhr, kam auch für mich überraschend.

Am Tag X, beim vor allem in den USA wichtigsten Ereignis seine Leistung zu bringen, seiner Favoritenrolle gerecht zu werden - das ist die größte Kunst, an der schon viele gescheitert sind. Das schaffen nur die ganz Großen. Und Ligety ist jetzt endlich einer von ihnen!

Er packte wieder den schnellsten Riesentorlaufschwung von allen aus und musste dabei an den schwierigen Übergängen nicht einmal alles riskieren. Seinen Riesenvorsprung holte er wie immer im eher flachen, unspektakulären Gelände heraus. Dabei war er im ersten Durchgang noch der Einzige der Top- Gruppe zwischen Nummer 1 und 7, der sein gewohntes Niveau erreichte.

Dann steht man da wie der größte Depp

Im Finale musste Ligety den Zeitpolster nur noch verwalten. Hört sich leicht an, ist aber verdammt schwierig. Das kann auch in die Hose gehen. Und dann steht man da wie der größte Depp. Ligety freilich bringt die nötige Klasse mit. Und schließlich hatte er im Verlauf dieses Winters schon oft genug die Möglichkeit, diese Situation zu üben.

Jetzt zu den Platzierten, allen voran Österreichs einziger Medaillenhoffnung im Riesentorlauf. Marcel Hirscher ist es vor allem im ersten Durchgang nicht gelungen, seine Klasse zu zeigen. Und schon fand er sich in einem Riesenknäuel an Läufern wieder, die allesamt um die Ehrenplätze kämpften. Es ist das Ärgerlichste, im Ziel zu stehen und zu wissen: Ich habe mich nicht an meinem möglichen Limit bewegt.

Im zweiten Durchgang entwickelte sich ein echtes Ausscheidungsrennen. Auch da ließ Marcel die gewohnte Lockerheit und Spritzigkeit, die ihn in der Vergangenheit zu tollen Aufholjagden befähigte, vermissen. Er hat an unruhigen Stellen, über die er normalerweise drüberfedert, den Schwung abgewürgt.

Österreicher stehen mit leeren Händen da

Während die Franzosen mit Silber und Bronze die Früchte einer starken Teamleistung ernteten, stehen die Österreicher mit leeren Händen da. Jetzt sind vor allem Marcels menschliche Qualitäten gefragt. Im Slalom am Samstag zurückzuschlagen hätte einen enormen Wert. Und das macht es gleich noch interessanter. Für ihn und für uns Zuschauer.

20.02.2014, 08:55
Hermann Maier, Kronen Zeitung
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