Foto: GERHARD GRADWOHL

Hirscher: "Da hatte ich fast das Handy im Mund"

15.09.2015, 16:48
Er zieht sich immer wieder die Reckstange hinauf. Mit einer Leichtigkeit, als würden ihn zwei unsichtbare Muskelprotze hochheben. Er balanciert so sicher auf dem Seil, als wäre es so breit wie die Wiener Ringstraße. Er fährt auf der Trial-Maschine auf einem Rad, stemmt Gewichte, läuft durch den Slalom-Parcours. Auch alles scheinbar ohne große Anstrengung. Ein Trainingstag mit Marcel Hirscher ist fast so atemberaubend wie seine Pisten-Ritte. Und während sich mancher wegen der Hitze den Winter schon herbeisehnt, spricht der vierfache Gesamtweltcup-Sieger im "Krone"-Interview über angenehme Kühle, die Flüchtlings- und Geldproblematik, die Causa Fenninger, Rekorde – und er verrät, was ihn so richtig sauer macht.

"Krone": Marcel, das ganze Land stöhnt unter der Dauerhitze, aber du trainierst trotzdem tagtäglich.
Marcel Hirscher:  Ich war im Frühjahr drei Wochen in Asien. Aber schon nach einer habe ich wieder mit dem Training begonnen. Sonst gab es keine echte Pause: Die anderen schlafen ja auch nicht. Und hier heroben im Trainingszentrum von Gernot Schweizer ist es zum Glück immer deutlich kühler als etwa in den Städten. Für mich wäre es Wahnsinn, irgendwo in der Gluthitze 'eingesperrt' zu sein.

Foto: Gerhard Gradwohl

"Krone": In den letzten Wochen war es medial ungewöhnlich ruhig um deine Person. Andere Themen beherrschten die Schlagzeilen, etwa die Causa Anna Fenninger .
Hirscher: Endlich kommt die Frage – ich dachte, das wird die erste. Wie man weiß, hatte ich auch meine Auseinandersetzungen mit dem Verband. Wir konnten das zum Glück intern lösen. Jetzt habe ich gewisse Freiheiten, dafür bin ich Teil des Systems. Natürlich schließt man da irgendwo einen Generationen- Vertrag ab. Aber die finanzielle Rechnung wird dabei sowieso nie genau stimmen. In manchen Fällen für die Sportler nicht. Aber in den meisten anderen zahlt der ÖSV dabei drauf. Das alles etwa mit einem eigenen Team zu betreiben, würde ein Vermögen kosten.

"Krone": Apropos Vermögen: Vor allem wegen Griechenland war zuletzt auch die Geldproblematik Dauerthema. Hast du noch ein gutes Gefühl, wenn deines auf der Bank liegt?
Hirscher: Für mich ist das letztlich gleich wie für 95 Prozent der Österreicher. Aber momentan ist da schon noch vollstes Vertrauen da. Fakt ist außerdem, dass es uns im Vergleich zu vielen anderen immer noch sehr gut geht.

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"Krone": Wie etwa das ewige Flüchtlings- Thema zeigt.
Hirscher: Genau. Aber wenn ich dafür eine Lösung parat hätte, wäre ich wahrscheinlich der Einzige auf der ganzen Welt, der das von sich behaupten kann. Es ist sehr schwer, in diesem Zusammenhang Dinge richtig oder falsch zu finden. Man darf gar nicht darüber nachdenken, wie es manchen Menschen geht. Deshalb muss man versuchen, zu helfen. Nichts tun, das geht gar nicht, finde ich.

"Krone": Du hast dein Vertrauen in Banken angesprochen, trotzdem hast du unlängst viel Geld in ein Zinshaus investiert – aber du warst, gelinde ausgedrückt, sehr unglücklich, als das publik wurde.
Hirscher: Erstens habe ich nichts davon, wenn ich irgendwem aufs Auge drücke, was ich mir kaufe. Und zweitens ist das Privatsache. Wenn da sogar die Adresse veröffentlicht wird, zipft mich das wirklich total an. Das ist der letzte Funke an Privatsphäre, den ich habe. Und den will ich mit allen Mitteln schützen. Bei so etwas kann ich richtig sauer werden.

"Krone": Wenn es die Medien schon nicht immer machen: Respektieren wenigstens die Fans deine Privatsphäre?
Hirscher: Unlängst waren wir mit ein paar Freunden in einem Restaurant essen. Ich nahm gerade den ersten Bissen Nudeln, eine hing noch aus dem Mund, da hatte ich schon fast ein Handy im Mund, weil mich einer so fotografieren wollte. Ich sagte: "Könnten Sie bitte schön fragen?" Er antwortete: "Wieso, du bist der Marcel?" Andere fotografieren direkt aus dem Auto heraus, obwohl sie sich eigentlich aufs Fahren konzentrieren sollten. Manchen Menschen fehlt leider jeglicher Respekt. Aber alles in allem überwiegen natürlich in Sachen Fans die positiven Eindrücke. Es ist ein Traum zu sehen, wie viel Interesse unser Sport weckt.

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"Krone": Ein Sport, in dem du nächste Saison mit dem fünften Sieg im Gesamtweltcup den ewigen Rekord des Marc Girardelli einstellen könntest.
Hirscher: Erstens sind diese Dinge nicht planbar und zweitens mache ich mir über die Rekorde erst nach der Karriere genaue Gedanken. Da werden Block und Bleistift genommen - und es wird genau zusammengerechnet.

"Krone": Zum Abschluss: Letztes Jahr fehlte dir gegen David Alaba  ein einziger Punkt – wer wird heuer Österreichs Sportler des Jahres?
Hirscher: (antwortet stumm, indem er die rechte Hand hebt)

15.09.2015, 16:48
Peter Frauneder, Kronen Zeitung
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