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27.09.2016 - 09:06
Foto: Kronen Zeitung

100 Tage vor Olympia: Christus weint über Rio

30.04.2016, 10:08

Brasilien stürzt ab und hat 97 Tage vor den Olympischen Spielen andere Sorgen als dieses Spektakel.

"Hundert Tage" gelten in der Politik und bei großen Projekten als Maßeinheit, so auch im "Olympia- Countdown" in Brasilien: In genau genommen 97 Tagen beginnt Olympia in Rio, aber Brasilien hat ganz andere Sorgen. Die Präsidentin dürfte im Mai amtsenthoben werden. Nach Jahren des Booms geht es in Brasilien gerade steil bergab. Das gilt auch für die linke  Ära in ganz Lateinamerika.

Als kürzlich das Flugzeug der brasilianischen Präsidentin durch starke Turbulenzen flog, stürmte Dilma Rousseff in die Pilotenkabine des Airbus 319 und brüllte: "Seid Ihr verrückt? Was geht hier vor sich?" In Brasilien wird  stets alles genüsslich in den Massenmedien ausgebreitet - in diesem Fall auch der Zwischenfall in der Luft als Beweis dafür, dass die Präsidentin ihre Nerven nicht im Griff habe, zu Wutanfällen neige. Das Magazin "Istoé" listete sogar die angeblichen Medikamente auf, die die 68- Jährige zu sich nehme, Beruhigungspillen und ein Mittel gegen Schizophrenie. Titel der Story: "Eine Präsidentin außer sich".

Präsidentin steht vor ihrer Absetzung

Rousseff selbst sieht eine Medienkampagne gegen sich am Werk. Wenn nicht noch ein Wunder geschieht, wird sie nach der Abstimmungsniederlage im Abgeordnetenhaus  im  Mai vom Senat zur Prüfung der Vorwürfe für 180 Tage amtsenthoben, im Oktober könnte der Senat sie dann vollends absetzen. Ihr Widersacher, Vizepräsident Michel Temer, schmiedet bereits an einem Kabinett.

Das britische Nachrichtenmagazin "Economist" hatte kürzlich einen Cristo - die riesige Christus- Statue hoch über Rio - auf dem Titel, der zwischen seinen Armen ein "SOS"- Schild hält und bitter weint. Das Cristo- Bild gab es schon einmal 2009 auf dem Titel, da hob der Cristo noch ab wie eine Rakete. Doch das ist längst passé: Brasiliens Wirtschaft stürzt ab.

Tiefste Krise seit der Militärdiktatrur

In  97 Tagen wird in Rio das olympische Feuer entzündet. Noch- Vizepräsident Temer schickt sich an, statt Rousseff am 5. August die Spiele zu eröffnen, doch das Land hat gerade ganz andere Sorgen. Von der tiefsten Krise der Demokratie seit Ende der Militärdiktatur 1985 ist die Rede. Die ganze politischen Klasse ist in Superkorruption diskreditiert. Die Oppositionsparteien  nicht minder korrumpiert wie die regierende Arbeiterpartei, gegen 60 Prozent der 594 Abgeordneten und Senatoren laufen derzeit strafrechtliche Ermittlungen. Hinzu kommt eine Erosion demokratischer Sitten. Der konservative Abgeordnete Jair Bolsonaro verband sein "Ja" zur Absetzung von Rousseff mit einem Lob für ihren Folterer während der Militärdiktatur, sie war damals inhaftiert.

Linke Ära geht in Lateinamerika zu Ende

Für einen Neustart und personellen Reinigungsprozess bräuchte es Neuwahlen, meinen Analysten. Temer wird zumindest eher als Rousseff und ihrer Arbeiterpartei zugetraut, die Rezession zu dämpfen, die die tiefste ist seit den 1930er- Jahren, mit bereits rund 10 Millionen Arbeitslosen.

Der stark von Erdöleinnahmen abhängige Bundesstaat Rio de Janeiro ist fast pleite, in Krankenhäusern herrscht Notstand, es gibt große Probleme, Gehälter zu bezahlen. In diesen Zeiten werden die Olympischen Spiele ein sehr umstrittener finanzieller Kraftakt.
Die Staatsfinanzen sind durch den völlig aufgeblähten öffentlichen Dienst außer Kontrolle, das Gesamtdefizit ist auf 10,75 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) angewachsen.

Wirtschaft in tiefer Rezession

Statt Reformen durchzusetzen, war Rousseff zuletzt vor allem mit Postengeschacher beschäftigt, um Stimmen gegen ihre Absetzung zu sammeln. Anscheinend vergeblich. Und die Politik der üppigen Sozialprogramme, die Menschen den Aufstieg in die Mittelschicht und damit mehr Konsum ermöglichen, ist kaum noch zu finanzieren, Rohstoffeinnahmen brechen weg, ebenso der Konsum. Da der Binnenmarkt in dem 200- Millionen- Einwohner- Land einen Anteil von 80 Prozent am BIP hat, liegt hierin ein Hauptgrund für den Absturz.

Die erste Präsidentin des fünftgrößten Landes der Welt warnt in fast jeder Rede vor einem "Putsch" - sie sieht eine politische Inquisition im Gange, da die Vorwürfe gegen sie, wie Tricksereien beim Haushalt, um das Defizit kleiner zu rechnen, ihren Sturz nicht rechtfertigten.
Mit ihr würde das Projekt der seit 2003 regierenden Arbeiterpartei erst einmal untergehen - das liegt derzeit im südamerikanischen Trend. Die linke Ära speiste sich stark aus den sprudelnden Öl- und Gaseinnahmen, mit denen Sozialprogramme für die ärmeren Schichten finanziert wurden. Nun ist  die Not groß.

30.04.2016, 10:08
Kronen Zeitung
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