Foto: ORF/Roman Zach-Kiesling

Wer außer uns wird Europameister, Herr Prohaska?

04.06.2016, 17:00

Österreich im Fußballrausch! Fünf Tage vor dem Start der EM in Frankreich spricht "Schneckerl" Herbert Prohaska mit Conny Bischofberger über die unglaubliche Euphorie, die Chancen unseres Teams und die stillen Tränen der Männer...

Es ist der Morgen, an dem die Todesnachricht von Muhammad Ali gekommen ist. In Herbert Prohaskas Stimme schwingt Betroffenheit mit, als er über das große Idol seiner frühesten Jugend spricht: "Er war der einzige Sportler, für den ich mitten in der Nacht aufgestanden bin, um mir seine Kämpfe anzuschauen. Obwohl ich als Mechanikerlehrling sehr, sehr zeitig in die Arbeit fahren musste." Das war in den Siebziger Jahren, in Wien- Simmering.

Als "Schneckerl" am Handy abhebt, sitzt er in der Wohnhalle aus weißem Marmor, in seiner Villa in Klosterneuburg. Vor dem ORF- Fußballexperten und "Krone"- Kolumnisten liegen Wochen der Hochspannung. In zwei Tagen fliegt er nach Paris zur Europameisterschaft. Im Interview führt der legendäre Kommentator noch ein bisserl Schmäh...

"Krone": Herr Prohaska, hat die überbordende Euphorie Sie auch schon angesteckt?
Herbert Prohaska: Ja, eigentlich schon. Die Vorfreude ist wirklich riesengroß, weil Österreich sicher bei drei Spielen dabei ist.

"Krone": Ist die Euphorie nicht etwas übertrieben?
Prohaska: Das Schöne am Fußball ist ja, dass alles möglich ist. Dieser Sport ist vollkommen unberechenbar, er lässt die Hoffnung am Leben. Deshalb wird es sicher einige Unbeirrbare geben, die in Wettbüros auf Österreich setzen, weil es eine gute Quote macht. Die Erwartungshaltung vor einem Turnier ist immer riesig. Aber klar: Wenn wir die Vorrunde nicht überstehen, dann sind wir genauso enttäuscht. Das gehört zum Fußball dazu, diese Achterbahn der Gefühle...

"Krone": Wer außer uns wird Europameister?
Prohaska: Ich habe für die "Krone" alle Gruppen durchgetippt. Da ist als Endspiel rausgekommen: Frankreich gegen Kroatien. Mein Favorit heißt, neben Spanien und Deutschland, ganz klar Frankreich.

"Krone": Auf einer Skala von 1 bis 10: Wie wahrscheinlich ist es, dass Österreich die EURO gewinnt?
Prohaska: Es ist nicht unmöglich, aber auf der Skala würde ich die Wahrscheinlichkeit doch ganz unten ansetzen. Eins! Es wurde auch Griechenland schon einmal Europameister, und Dänemark. Ich sag' einmal so: Auch die Schwächsten können gewinnen, und wir sind ganz sicher nicht die Schwächsten bei dieser Euro. Wir gehören zu denen, die am ehesten überraschen können. Ein Sieg gegen Ungarn wäre natürlich sehr wichtig, da steht die Qualifikation dann quasi schon vor der Tür.

"Krone": Angst vor Terror?
Prohaska: Ich würde lügen, wenn ich behaupte, dass ich gar nicht daran denke. Aber ich versuche gleichzeitig, es auszublenden und mich ganz auf meine Arbeit zu konzentrieren in der Gewissheit, dass sie dort alles unternehmen werden, um die Spieler und Fans bestmöglich zu schützen. Wenn ich Angst hätte, müsste ich zu Hause bleiben.

"Krone": Wie hat Marcel Koller es geschafft, aus unserer Nationalelf so eine starke Truppe zu machen?
Prohaska: Ich glaube, er bringt einfach alles mit, was ein Teamchef haben muss. Fachkompetenz, menschliche Größe, die Gabe, den Zusammenhalt zu stärken. Alle Spieler fühlen sich als Familie, keiner meckert, alle hören auf Koller. Diesen Respekt hat er sich durch seine Art erarbeitet - auch bei den Medien.

"Krone": Ihre trockenen Analysen im ORF sind mittlerweile legendär - und nicht immer frei von Grammatikfehlern. Ist das sowas wie eine Trademark?
Prohaska: Ich mache das natürlich nicht absichtlich, es passiert mir einfach, weil ich immer Dialekt gesprochen habe. Wenn du dann umschaltest auf die schöne deutsche Sprache, dann ist schon mal der eine oder andere Patzer dabei. Aber ich kommentiere ja nicht in der "Zeit im Bild" oder beim "Kulturmontag", sondern ich erkläre Fußball. Den Fußballanhängern ist es Wurscht, ob ich "dem" oder "den" sag. Und wenn der hochverehrte "Telemax" - dem seine Kolumnen les' ich immer! - mir attestiert, wenigstens die Wiener Grammatik zu beherrschen, dann fühl ich mich rehabilitiert.

"Krone": Wie erklären Sie die Faszination dieses Sports?
Prohaska: Heutzutage sind die meisten Fußballer Millionäre, und trotzdem spürst du den Ehrgeiz. Sie spielen nicht um Geld, sondern um den Titel, sie stecken voller Emotionen und Nationalstolz. Sie weinen sogar - vor Freude oder aus Enttäuschung.

Foto: Kristian Bissuti

"Krone": Wann haben Sie zuletzt beim Fußball geweint?
Prohaska: Bei meinem letzten Spiel für die Austria. Da bin ich schon vor dem Anpfiff rausgelaufen zum Warmmachen und plötzlich sind mir die Tränen runtergelaufen. Das kannst du nicht steuern und du nimmst es dir auf keinen Fall vor, aber es ist so.

"Krone": Apropos Millionäre: Ist es nicht verrückt, wenn Real Madrid für David Alaba 50 Millionen Euro bietet?
Prohaska: Heute haben Fußballer einen viel höheren Marktwert, weil viel mehr Geld im Spiel ist. Fernsehverträge, Werbeverträge, Merchandising, Fanartikel und so weiter. Ich habe für meinen ersten Transfer von Ostbahn 11 zur Wiener Austria 3000 Schilling bekommen. Für einen Sieg gab's 1500, für ein Unentschieden 750 Schilling und für die Niederlage einen warmen Händedruck.

"Krone": Neidisch?
Prohaska: Nein, denn auch wir haben in den Fünfzigern und Sechzigern ein Vielfaches von dem verdient, was ein normaler Mensch bekommen hat fürs hart Arbeiten.

"Krone": Sie machen heute viel Geld mit Ihrer Chips- Werbung. Um wie viel steigt der Knabber- Konsum, wenn Ihre Spots laufen?
Prohaska: Ich hab' nie nachgefragt. Aber ich bin wirklich stolz auf diesen Deal. Weil Kellys eine Marke ist, die mit Coca Cola vergleichbar ist. Und der kleine Schneckerl in der Werbung ist ja überragend.

"Krone": Essen Sie manchmal heimlich Pringles?
Prohaska: Nein, ganz ehrlich: Ich bin mit Kellys groß geworden und ich esse sie auch privat, so wie fast jeder Mensch. Die Frauen vielleicht weniger, weil sie auf ihre Linie schauen.

"Krone": Stichwort Frauen: Wie ist es gelungen, dass Fußball immer mehr Frauen begeistert?
Prohaska: Ganz einfach. Die Fußballer stylen sich jetzt mehr, das sind fesche Burschen mit tollen Frisuren und einem unglaublichen Körper, wesentlich mehr trainiert als das früher bei uns der Fall war. Die Medien berichten über sie wie über Popstars und Schauspieler und Politiker.

"Krone": Welcher Fußballer gefällt Ihrer Frau am besten?
Prohaska: Ruft in die Küche: Elisabeth, wer ist für dich der schönste Kicker? - Sie kann sich nicht entscheiden, es gefallen ihr offenbar mehrere.

"Krone": In Deutschland hat der Sager eines Politikers für Empörung gesorgt. Die Leute fänden Jerome Boateng als Fußballspieler gut, aber sie wollen ihn nicht als Nachbarn haben. Ihr Kommentar?
Prohaska: Eine unglaubliche Frechheit, rassistisch und dumm. Ich kann das beurteilen, ich war mit meinen Schneckerln in Italien auch einmal Ausländer. Also ich würde mich freuen, wenn Boateng nicht nur neben mir wohnen, sondern wenn er bei mir einziehen würde!

"Krone": Jetzt haben Sie im ganzen Interview nur einmal "Sagen wir einmal so" gesagt...
Prohaska: Das sage ich normalerweise nur, wenn ich ein Packl Chips aufmache. Aufgebracht hat das der Peter Moizi, der mich als Dr. Schneckerl parodiert, dann hat Kellys das in die Spots eingebaut. Ich glaube, mittlerweile ist es sogar rechtlich geschützt.

"Krone": Dann haben Sie Peter Moizi viel zu verdanken...
Prohaska: ...und der Moizi hat mir zu verdanken, dass ihn heute so viele Leute kennen.

"Krone": Was soll man einmal über den "Österreichischen Fußballer des Jahrhunderts" Herbert Prohaska sagen?
Prohaska: Nur das: Er war ein guter Mensch.

Zur Person

Geboren am 8. August 1955, gelernter Automechaniker. Mit 17 kommt Prohaska zur Wiener Austria, mit der er viermal Meister wird. Nach Stationen bei Inter Mailand und AS Roma wird er Austria- Teamchef, von 1993 bis 1999 ist er Nationaltrainer. Seit 2000 ist er Fußballanalytiker beim ORF. 2004 Wahl zu "Österreichs Fußballer des Jahrhunderts". Privat ist "Schneckerl" seit 1974 mit Elisabeth verheiratet und hat zwei Töchter.

04.06.2016, 17:00
Conny Bischofberger, Kronen Zeitung
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