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02.12.2016 - 19:38
Foto: thinkstockphotos.de

Kreuzfahrt auf Schienen von Peking nach Moskau

09.11.2013, 17:00
Das Hotelzimmer quietscht und ruckelt, das Bett ist wohl eher eine bequeme Liege, das Nachtkästchen der einzige Tisch im Raum, kein Kleiderschrank, Toilette und Dusche am Gang: Bahnfahren sollte man schon mögen, um diese Unterkunft zu genießen. "Hast du Lust, mit der 'Transsibirischen' zu fahren", fragte mein Chef. Ich hatte große Lust, denn ich mag Bahnfahren sogar sehr.

Und so wurde der Sonderzug "Zarengold" auf der Strecke Peking–Moskau zu meinem Hotel: An die 400 Meter lang und voll mit Gästen, die sich auf die unterschiedlichen Zimmerkategorien – von der Luxusvariante mit eigenem Bad und Flat- TV bis zum einfachen Vier- Personen- Abteil – verteilen. Alles gemütlich, immer blitzsauber und voller guter Geister, die sich um ihre Passagiere kümmern. Eine "Zarengold"- Reise ist daher nichts für die ganz Abenteuerlustigen. Die sind in einem regulären "Transsib"- Linienzug besser aufgehoben.

Kreuzfahrt auf Schienen

Unser Hotel "Zarengold" bietet eher ein Abenteuer erster Klasse ab Peking. Eine Kreuzfahrt auf Schienen mit zwei boomenden Metropolen als Tore in eine unbekanntere Welt dazwischen. 7.923 Bahnkilometer durch China, die Mongolei und Russland, weit abseits bekannter Trampelpfade. Ulan- Bator, Ulan- Ude, der Baikalsee, Irkutsk – sie alle zählen nicht zu den meistbesuchten Tourismuszielen.

Doch der Reihe nach: Noch bevor wir den ersten Eisenbahnkilometer absolvieren, wartet eines der großen Highlights der gesamten Tour: Peking. Hier treffen sich alle Reiseteilnehmer und werden gleich wieder in kleinere Gruppen aufgeteilt: die Roten, die Gelben, die Violetten. Ich werde ein Grüner und Kai unsere chinesische (An- )Führerin.

Staunen über Pekings Attraktionen

Drei Tage lang folgen wir ihrem grünen Wimpel, erkunden den Himmelstempel, wandern auf dem Platz des Himmlischen Friedens an Maos Konterfei vorbei in die Verbotene Stadt (siehe Bild), wo wir über deren Ausmaße, über die Tempel, Hallen und kaiserlichen Paläste staunen.

Wir sind mit Rikschas in Hutong, der Altstadt, unterwegs, fotografieren das als Vogelnest berühmt gewordene Olympiastadion, fahren mit dem Autobus (unserer ist der mit dem grünen Schild) hinaus zur Chinesischen Mauer und spazieren durch die Geisterallee zu den Ming- Gräbern.

Mit den Worten "Ding Dong, meine lieben Gäste" mahnt Kai als menschlicher Gong stets unsere Aufmerksamkeit ein, wenn es etwas zu erklären gibt – etwa, dass man uns Europäer in China Langnasen nennt, man hier statt auf die Toilette in die Harmoniehalle geht und wie man mit Stäbchen Peking- Ente isst.

Nackte Anarchie an der Grenze

Am Abend des dritten Tages geht es zum Bahnhof, wo wir allerdings noch nicht unser rollendes "Hotel Zarengold" beziehen. Der Spurweite wegen bringt uns ein chinesischer Sonderzug über Nacht in die Grenzstadt Erlian. Mit "Ding Dong, meine lieben Gäste" nimmt Kai Abschied und übergibt uns Grüne an Dimitri. Im Bus überqueren wir die Grenze zur Mongolei, das Verkehrschaos ist unfassbar, es regiert die nackte Anarchie.

Und endlich steht er da, unser "Zarengold"- Zug. Sergej, der Waggonschaffner, begrüßt uns mit breitem Grinsen. Das Gepäck ist schon im Abteil, und unsere grüne Gruppe teilt sich Waggon und Speisewagen. Der Umgang ist familiär, man ist zusammengewachsen – Deutsche, Österreicher, eine Schweizerin.

Während des Abendessens ist aus der Sitzbank in meinem Abteil ein Bett geworden, ich schlafe großartig, andere wieder freuen sich, dass nach zwei Nächten im Zug nun in Ulan- Bator wieder ein richtiges Hotelbett wartet, wir bleiben hier zwei Tage.

Dschingis Khan thront vor dem Parlament

Auf dem Suchbaatar- Platz im Herzen der Stadt, wo alle wichtigen Gebäude versammelt sind, thront Dschingis Khan in seinem dem Parlament vorgelagerten neuen Memorial und erinnert an Buddha. Von der 58 Meter hoch geplanten Buddha- Statue im Gandan- Kloster stehen dagegen gerade einmal die Füße – man hofft auf Spenden.

Ulan- Bator ist ein faszinierendes Konglomerat aus Tradition und Gegenwart: Jurten- neben Neubausiedlungen, alte Klöster neben modernen Hochhäusern. Vor den Toren der Stadt liegt der Terelj- Nationalpark – die "mongolische Schweiz" mit ihren bizarren Felsformationen. Im Jurtencamp essen wir Lamm aus der Milchkanne, kosten vergorene Stutenmilch und feuern die Ringkämpfer, Bogenschützen und Reiter an, die sich extra für uns Schaukämpfe liefern.

Nach einem endlosen Stau zurück in die Stadt lacht uns Sergej schon an der Waggontür entgegen. Der Zug hat uns wieder, wir rollen Richtung Sibirien, überqueren die russische Grenze und erreichen am nächsten Tag Ulan- Ude.

Die Hauptstadt der russischen Republik Burjatien ist ein wichtiger Knotenpunkt. Hier vereinen sich die Transmongolische und die alte Transsibirische Eisenbahn. Im Stadtzentrum fasziniert der Sowjet- Platz mit einem fünf Meter hohen Lenin- Kopf. Weil das bizarre Kunstwerk nach einer Weltausstellung niemand haben wollte, landete es bei den Burjaten.

Zu Besuch beim tiefsten See der Erde

Für uns ist Ulan- Ude vor allem eines – das Tor zum nächsten großen Höhepunkt der Reise, zum Baikalsee. In dieser Nacht ruckelt mein Hotelzimmer nicht: Der Zug steht, wartet auf das Tageslicht, um in Sljudjanka auf die Geleise der alten Baikalbahn abzubiegen und dann stundenlang am größten Süßwasserreservoir der Erde entlangzurollen.

Im Zug ist es unruhig, Menschen mit Kameras laufen durch die Waggons, auf der Suche nach einem der wenigen offenen Fenster. Später dürfen wir in kleinen Gruppen sogar auf die Lok, um Fotos zu schießen. Der See ist 636 Kilometer lang, zwischen 27 und 80 Kilometer breit, bis zu 1.637 Meter tief und voll mit kristallklarem Trinkwasser.

Unser Führer Dimitri berichtet, dass er daheim immer ein paar Flaschen Baikalwasser im Kühlschrank hat. Um insgesamt sicher ein paar Tausend Fotos reicher, erreicht die "Zarengold"- Horde den Endbahnhof Port Bajkal, wo wir mit dem Schiff nach Listvjanka übersetzen. Ein malerisches Küstendorf, dessen Fischmarkt Appetit aufs Abendessen macht. Es findet unter freiem Himmel statt. Der Zug hält, Griller werden aufgebaut.

Die "Transsib" als Zarendenkmal

Der Abschied vom Baikalsee bedeutet für mich langsam auch den Abschied von der Reise. Über Nacht fahren wir weiter nach Irkutsk, wo ich am nächsten Morgen aus Termingründen den Heimflug antrete. Unterwegs lasse ich noch die Eindrücke aus der Perle Sibiriens Revue passieren – prachtvolle Bauten und ein Zarendenkmal für Alexander III., das eigentlich ein Denkmal für die Transsib ist, da es an den Eisenbahnbau in seiner Regentschaft erinnert.

Während ich dem Zaren gratuliere und mir auf meinem engen Flugzeugsitz denke, wie angenehm doch Bahnfahren ist, rollen meine Grünen noch fünf Tage weiter. Sie werden viel Zeit im Zug verbringen und nach interessanten Zwischenstopps in Novosibirsk, Jekaterinburg und Kasan das finale Highlight Moskau genießen. Nur ihr Hotelzimmer auf dem Weg dorthin ruckelt und quietscht.

09.11.2013, 17:00
Harald Kalcher, Kronen Zeitung
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