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02.12.2016 - 20:51
Foto: AP

Die verschleierten Schönheiten des Iran

11.05.2013, 17:00
Negative Schlagzeilen haben den Iran für viele Touristen in weite Ferne rücken lassen. Die Perser jedoch heißen jeden Besucher herzlich willkommen, der die Pracht ihres Landes entdecken möchte.

"Willkommen, willkommen – es ist gut, dass ihr da seid!" Tief in Gedanken versunken, kämpft sich eine alte Frau in ihrem schweren Tschador die Treppen einer Moschee hinauf – für die Fremden aus "Otrisch", aus Österreich, hält sie kurz inne, um sie zu begrüßen. Es ist gut, dass wieder Besucher kommen, freut sich die Alte, die in ihrem langen Leben so viele Reisende durch ihre schöne, aber schwierige Heimat hat ziehen sehen.

In den vergangenen Jahren jedoch sind sie rar geworden. Die Pracht des Landes wird verschleiert von den dunklen Schlagzeilen, die zu uns schwappen – das umstrittene Atomprogramm, die Hasstiraden des Präsidenten Mahmoud Ahmadinejad gegen Israel und die USA und ein Mullah- Regime, das die Bevölkerung, vor allem die Frauen, den strengen Gesetzen der Scharia unterwirft, haben den Iran für viele Touristen in scheinbar unerreichbare Ferne gerückt. Doch hinter diesem Schleier liegt immer noch der Glanz eines Reiches, das einst von Indien bis Ägypten reichte, einer Weltmacht, die schon lange vor dem Islam ihre ewigen Spuren hinterlassen hat: Persien.

Faszinierende Relikte der "Stadt der Perser"

Fast ungestört von Touristenscharen, kann man die einstige Größe des Reiches am besten in Persepolis fassen. In der kargen Bergwelt im Nordosten von Schiraz faszinieren uns die Relikte der "Stadt der Perser", wie sie von Alexander dem Großen genannt wurde, bevor er sie gnadenlos im Flammenmeer untergehen ließ. Doch ganz konnte er die "Repräsentationsstadt" nicht zerstören. König Darius I. hatte sie 520 vor Christus errichtet – nur zu dem Zweck, um hier Norouz, das persische Neujahr, zu feiern. Noch immer betritt man sie durch das gewaltige "Tor aller Länder", durch das die Gesandten der unterworfenen Völker, von den Äthiopiern bis hin zu den Babyloniern und Medern, zu den Zeremonien einmarschierten.

Ihre Prozession wird auf den detailreichen Reliefs des Apanada- Palasts zu einem steinernen Lehrbuch der Geschichte. Von den einzelnen Palästen ragen noch bis zu 20 Meter hohe Säulen in den Himmel, auch viele Tore und Statuen wurden nicht vom Feuer und den Jahrhunderten zerstört und lassen immer noch Menschen aller Länder durch die Zeit wandeln.

Die Macht der Perser erfährt man auch in der achämenidischen Nekropole Naqsh- e Rostam, wo Darius I. seine letzte Ruhe gefunden hat. Die Gräber selbst wurden in einigen Meter Höhe in die Bergwand geschlagen. Jahrhunderte später verewigten die Herrscher der Sassaniden hier ihren Ruhm, indem sie auf ein Felsenrelief bannten, wie der geschlagene römische Kaiser Valerian demütig vor dem Anführer der Perser, Schapur I., auf die Knie fiel.

Shiraz, die Stadt der Rosen und Nachtigallen

Doch die Perser zwangen nicht nur mit Waffengewalt in die Knie – viel später ließen die großen Dichter des Reiches mit ihren Worten so manch schöne Geliebte erzittern. Shiraz gilt noch heute als Stadt der Rosen und Nachtigallen – der Poet Hafis prägte dieses Bild, denn der Vogel und die Blume waren für ihn ein unzertrennliches Liebespaar. In der Gartenstadt fand er die Inspiration für seine zarten Verse, die auch Goethe zum Schwärmen brachten. Noch heute wird er von seinen Landsleuten so verehrt, dass es als ungeschriebenes Gesetz gilt: Jede iranische Familie hat neben dem Koran zumindest ein Buch des Dichters im Haus.

Ungewöhnlich großzügig sehen die Mullahs darüber hinweg, dass der Meister der Worte nicht nur der Liebe huldigte, sondern auch dem Wein – sie legen die Oden an den Rausch als Metapher für die Größe Allahs aus. Wie ein romantischer Gartenpavillon ist Hafis' Mausoleum angelegt – hierher kommen Paare, um ein glückliches Schicksal zu erbitten. Wer eine schnelle Antwort erwartet, kann sich von dressierten Wellensittichen sein "Hafis- Orakel" der Liebe ziehen lassen.

Liebende haben es heute nicht mehr leicht unter den strengen Augen der Sittenwächter. Treffen zwischen unverheirateten Paaren sind streng verboten. Doch so wie viele Frauen mit übertriebenem Make- up und blondierten Haarsträhnen einen Kontrapunkt gegen die ewige Verschleierung setzen, wissen auch Verliebte, wie sie zueinanderfinden.

"Wir trinken, wir kiffen, wir haben Sex"

"Selbstverständlich habe ich eine Freundin", erklärt ein Student, der wie viele Jugendliche seinen Abend auf den schummrig beleuchteten Brücken der Traumstadt Isfahan verbringt. Hinter den Brückenbögen kann man kurz vor den Wächtern in Deckung gehen. "Wir trinken, wir kiffen und wir haben Sex, auch wenn uns die Todesstrafe droht", erklärt er unverblümt. "Keiner meiner Freunde ist religiös, auch wenn sie aus religiösen Familien kommen. Wir wollen Spaß haben – und unsere Freiheit."

Dass sich Widerstand regt gegen die strengen Gesetze des Islams, lässt den Ajatollah Sejd Mahdi Hor eher kalt. Er ist Dozent an einer der 50 Koranschulen der Provinz Isfahan. "Nur die westliche Propaganda ist schuld daran, wenn die Jungen sich von der Religion entfernen", ist er überzeugt – und bietet der österreichischen Reisegruppe gerne seine Hilfe bei der Konvertierung an.

Der Islam lüftet gerade in Isfahan seinen für Fremde oft so unheimlichen Schleier. Der Imam- Platz (früher: Schah- Platz) ist ein Meisterwerk islamischer Architektur – blitzblau leuchten die gewaltigen Kuppeln der Moscheen in den Himmel, die Wände sind über und über mit filigranen Kacheln bedeckt. Der Ali- Quapu- Palast überblickt das bunte Treiben auf dem weitläufigen Platz. In den ihn umgebenden Arkaden verliert man sich in dem magischen Labyrinth eines persischen Basars mit all seinen Gewürzen, Goldschmuck, Kunsthandwerk und Plastikkitsch. "Isfahan ist die halbe Welt", hieß es in den Glanzzeiten unter Schah Abbas I., als Händler aus der ganzen Welt hier feilschten. Und für Exil- Perser rund um den Globus bleibt Isfahan bis heute die schönste Stadt der Welt.

Auch wenn sich die Ajatollahs immer auf Missionarskurs befinden, werden die armenischen Christen in Isfahan seit dem 17. Jahrhundert geduldet. Wie eine Moschee wirkt die Kuppel der Vank- Kathedrale, nur ein Kreuz an der Spitze enttarnt das christliche Bauwerk. Hier bestaunen nun muslimische Touristen das "Jüngste Gericht".

In Teheran tragen die Frauen die Schleier lockerer

Im abenteuerlichen, lauten Straßenverkehr Teherans geht die strenge Religiosität ein wenig verloren – die Frauen tragen den Schleier lockerer, in manchen Teehäusern rauchen Männer UND Frauen Wasserpfeife, in der Juwelensammlung funkeln unfassbare weltliche Reichtümer, und der neobarocke Prunk im Golestan- Palast aus dem 19. Jahrhundert erinnert an eine Zeit, in der der Islam erst mit Pariser Chique und später mit dem Glamour- Paar Mohammad Reza Pahlavi, der letzte Schah, und Farah Diba konkurrieren musste.

Heutzutage dürfen auch Touristinnen ihr Haar erst beim Heimflug wieder zeigen (sofern man nicht Iran Air fliegt). Das Tuch bekommt ein überraschend schweres Gewicht, wenn man es einige Tage tragen muss – doch es lohnt sich, den Schleier überzulegen, um hinter die Schleier des Iran zu blicken.

11.05.2013, 17:00
Franziska Trost, Kronen Zeitung
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