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06.12.2016 - 04:34
Foto: thinkstockphotos.de

Alaska: Auf den Spuren der Goldgräber

22.08.2015, 17:54
Sie träumten vom Reichtum und riskierten ihr Leben. Für Zigtausende war Alaska während des Goldrausches das Tor zum vermeintlich großen Glück. Heutzutage erkunden vor allem Kreuzfahrtpassagiere dieses faszinierend-erhabene Stück Amerika.

Bill musste nur die Schlagzeile lesen, um zu wissen, dass es Zeit war, seine sieben Sachen zu packen. "GOLD! GOLD! GOLD!", schrie der "Seattle Post Intelligencer" am 17. Juli 1897, mitten in einer Wirtschaftskrise, allen Verzweifelten entgegen. Am Klondike wurde Gold gefunden. Ein Dampfschiff voller neureicher Männer sei angekommen, einige hatten mehr als 100.000 Dollar in den Taschen. Unvorstellbar!

Bill kann genauso gut Andy, Peter oder Tom heißen. Zehntausende folgten in den kommenden Monaten dem Lockruf des Goldes in Richtung Norden. Ihre erste Etappe führte sie auf dem Meer bis nach Skagway, Alaska. In überfüllten Booten, losgeschickt bei jedem Wetter. Viele ertranken in der rauen See. Es war ein gutes Geschäft für die Schlepper von damals und erinnert an das Mittelmeer unserer Tage.

118 Jahre später sind Touristen auf den Spuren dieser Männer und Frauen unterwegs: entlang der Küste in der sogenannten "Inside Passage", vorbei an dicht bewaldeten Inseln, imposanten Bergketten, Gletschern und kleinen Häfen. Sie lernen dabei ein Alaska kennen, in dem öffentliche Mistkübel bärensicher verschlossen sind. Wo im kleinen Supermarkt auch Gewehre erhältlich sind. Wo das Wetter innerhalb weniger Minuten vollständig umschlagen kann.

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Die Boote, auf denen die Reisenden heute unterwegs sind, sind ungleich komfortabler als zu Bills Zeiten. Wir waren etwa auf der erst wenige Jahre alten Luxusjacht "L'Austral" unterwegs. Sie gehört zur Flotte des französischen Kreuzfahrtanbieters Ponant und bietet 264 (international durchmischten) Passagieren Platz. Alaska ist neu im Programm. Französische Küche, kleiner Außenpool, ein Spa, Klaviermusik und Champagner am Abend, 132 modern- geräumige Kabinen mit Außenbalkon. Ein angenehmes Leben.

Dem Wetter ist man allerdings genauso ausgeliefert wie einst Bill. Es ist wahrscheinlich, dass er beim Stopp in Ketchikan klatschnass von Bord ging. Regen ist hier das übliche Wetter. "Lachshauptstadt der Welt" wird Ketchikan selbstbewusst genannt. Doch der Tourismus ist ein ebenso wichtiger Wirtschaftszweig. Bis zu vier Riesenkreuzfahrtschiffe am Tag bringen Tausende Gäste, die ein großes Angebot an Restaurants und Shops vorfinden, etwa in der Creek Street, wo früher Prostituierte wie die legendäre Dolly Arthur einsame Seemänner, Holzfäller und Bergarbeiter empfing. Ein Tipp: Nur wenige Kilometer vom Trubel entfernt tauchen Geschichtsinteressierte in einem Park in die fantasievolle Totempfahl- Kultur der Ureinwohner ein.

Fischfang spielt auch in Petersburg, 254 Seemeilen weiter nördlich, eine zentrale Rolle. Doch in dem verschlafenen, einst von Norwegern gegründeten Dorf hören wir erstaunliche Worte: "Wir haben die Vision eines sauberen Fischfangs", sagt Robert Thorstenson, der uns spontan auf sein neues, drei Millionen Dollar teures Fangschiff "Magnus Martens" ("benannt nach meinem Großvater") einlädt. Während die älteren Generationen noch ohne Rücksicht das Meer leerfischten, setzte in den 1980ern ein Umdenken in Richtung Nachhaltigkeit ein. Dennoch: In der Hauptsaison von Juli bis September geht es ans Eingemachte. 25 bis 30 Tonnen Fisch ist ein guter Tagesschnitt für jedes Boot, die harten Arbeiter verdienen in dieser Zeit bis zu 100.000 Dollar.

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Ein Betrag, von dem auch unser Bill träumte. Es musste rasch Richtung Norden gehen, im Gegensatz zu den Touristen von heute war er nicht wegen der faszinierenden Landschaft gekommen. Er hatte natürlich auch keine Zeit, einen Abstecher in den engen Tracy- Arm- Fjord zu machen. Die "L'Austral" schon. Frühmorgens ziehen schwimmende Eisbrocken und steile Felswände am Kabinenfenster vorbei. Später erreichen wir Gletscherzungen, die bis ins Meer reichen. Noch aufregender wird es am Nachmittag. Wir erreichen bei strahlendem Sonnenschein den Dawes- Gletscher im Endicott- Arm- Fjord. Auf Schlauchbooten kommen die Passagiere nah an das ewige Eis heran – doch nicht zu nah, denn immer wieder kracht ein Stück davon ins Wasser. Bei unserem stundenlangen Aufenthalt ist kein anderes Schiff in Sichtweite.

"Das ist genau unser Vorteil: Wir können wegen unserer Größe dorthin, wo andere nicht hinkönnen, und den Gästen spontan solche Erlebnisse bieten", sagt Kapitän Jean- Philippe Lemaire. Der 57- Jährige war ein Mitbegründer von Ponant. Das Naturerlebnis muss bei einer Alaska- Kreuzfahrt an erster Stelle stehen, meint er. "Wenn ich um vier Uhr Früh ein paar Wale sehen, wecke ich unsere Passagiere auf." Bei unserer Reise war es zum Glück 22 Uhr, als vier Wale nur wenige Meter vom Kabinenbalkon entfernt ihre Show abzogen.

Nicht die einzige Begegnung mit exotischen Tieren. Grizzlybär kam uns zwar keiner vor die Kamera. Dafür viele Robben und Weißkopfseeadler. Diese vor 20 Jahren beinahe ausgestorbene Art kreist etwa über der Stadt Juneau, das ebenso wie Ketchikan ein touristischer Anziehungspunkt ist, vor allem aber über dem reizenden Dörfchen Haines. Hier angekommen, war Bill schon fast am (Etappen- )Ziel, nach Skagway sind es nur noch 14 Seemeilen.

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In der Nähe von Haines mündet der Chilkat- River in den Ozean. Touristen können auf diesem verzweigten Fluss mit seinen vielen Biegungen, kleinen Inseln und Sandbänken Kajakfahren lernen oder ihn – wie in unserem Fall – mit einem Motorboot erkunden. Wir entdecken einige Adlernester in Bäumen direkt am Ufer. So haben die Tiere ihre Beute – die Lachse – gut im Blick.

Nach einer scharfen Linkskurve hält Fahrer William an und stellt den Motor ab. "Genießt das, atmet ein!" Ein Moment absoluter Ruhe, umgeben von Bergketten, Schilf und Wäldern. "Vor kurzem hatte ich einen blinden deutschen Gast, der hörte an dieser Stelle acht verschiedene Vögel zwitschern", sagt William. Wenn es nicht stimmt, ist es gut erfunden. Für uns klingt es in diesem Moment glaubwürdig.

Doch nun endlich Skagway! Bill hat die erste große Etappe geschafft, genauso wie Tausende andere  hoffnungsvolle Männer. Quasi über Nacht hatte die Stadt 20.000 Einwohner. Geschäfte, Salons, Bordelle, viele Schlägereien, den Gangster Soapy Smith. "Der wildeste Ort der Welt", diesen Ruf hatte Skagway damals.

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Heute wohnen nur noch 900 Menschen in Skagway – im Sommer. Im Winter sind es gar nur 350. Die Häuser sehen vielfach noch so aus wie damals, als die Goldgräber hier ihre Ausrüstung zusammenkauften und loszogen. Vor ihnen türmte sich der White Pass auf. Ein steiler, zerklüfteter, im Winter mit meterhohem Schnee bedeckter Pass. Dutzende Male mussten sie ihn bezwingen, bis sie ihre ganze Ausrüstung auf dem Gipfelplateau, das die Grenze zu Kanada markiert, hatten. Eine Tonne brauchte ein jeder, ansonsten gewährten ihm die kanadischen Mounties kein Durchkommen.

Es wurde gestohlen, betrogen, Pferde starben. Nur die Hälfte aller Glücksritter schaffte diese Hürde. Doch nun war es bereits mitten im Winter. Oben, am Lake Bennet, mussten Bill und Tausende Gleichgesinnte ausharren bis zur Schneeschmelze im Frühjahr. Sie zimmerten dann aus Holzbrettern primitive Boote, um 800 Kilometer den reißenden Yukon- Fluss bis nach Dawson City zu gelangen, wo sie Gold und Reichtum erhofften.

Wir drehen am White Pass, den wir bequem mit dem Bus erklommen haben, um und nehmen die Schmalspur- Nostalgiebahn zurück nach Skagway. Auf dieser eineinhalbstündigen Fahrt können wir uns ausmalen, welche unmenschlichen Anstrengungen Bill auf sich nahm, in der Hoffnung, das große Glück zu finden. Ob er es geschafft hat? Als die meisten Goldgräber ankamen, waren fast alle Schürfrechte bereits vergeben. Nur wenige wurden reich. Tausende Träume zerplatzten. Daran müssen wir kurz denken, wenn wir das schöne Leben an Bord der "L'Austral" genießen.

22.08.2015, 17:54
Jakob Traby, Kronen Zeitung
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