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10.12.2016 - 07:42
Foto: APA/HELMUT FOHRINGER

Sind wir eine Bananenrepublik, Herr Hofer?

10.09.2016, 16:40

Erst leakte der "Kurier" einen Pensionsbescheid, nach dem er "berufsunfähig" sei, und jetzt steht wohl eine Verschiebung der Bundespräsidenten- Wahl an: Mit Conny Bischofberger sprach Norbert Hofer (45) über seinen schweren Verbrennungsunfall, das Klebestreifen- Debakel und einen brutalen Wahlkampf.

Von der Interviewanfrage bis zum Treffen mit Norbert Hofer Donnerstagmittag vergehen genau 60 Minuten. "Kommen Sie doch ins Parlament, jetzt gleich", sagt sein Sprecher. Da ist von einer möglichen Verschiebung der Wiederholung der Bundespräsidentschaftswahl noch keine Rede.

Der freiheitliche Kandidat trägt einen dunklen Anzug, blaue Krawatte, und hat sein iPhone auf stumm geschaltet. Trotzdem schaut er mit, wer gerade anruft. Im Gespräch geht es vor allem um seinen Antrag auf Frühpension und Pflegegeld, den der "Kurier" veröffentlichte. "Daten aus dem privatesten, persönlichsten Bereich", sagt Hofer und nennt es ein "schweres Vergehen, das nicht nur der Zeitung, sondern auch der Pensionsversicherungsanstalt schadet".

Als sich am Freitag die Anzeichen immer mehr verdichten, dass aufgrund schadhafter Wahlkarten wohl nicht am 2. Oktober gewählt wird, ersucht die "Krone" erneut um ein Gespräch. Wenig später meldet sich Norbert Hofer aus seinem Auto. Er ist auf dem Heimweg nach Pinkafeld und klingt müde.

Foto: APA/ROLAND SCHLAGER

"Krone": Herr Hofer, Ihr Vorschlag, auf die Wahlkarten bei dieser Wahl zu verzichten, sorgt für Verwunderung. Halten Sie das nicht für ein demokratisches Recht?
Norbert Hofer: Doch, natürlich. Aber im Gesetz ist auch festgehalten, dass alles ordentlich ablaufen soll. Bevor Tausende Wahlkarten abgeschickt werden und die Stimmen dann ungültig sind, wäre dieser Schritt noch immer demokratischer. Für die Zukunft muss die Briefwahl auf jeden Fall reformiert werden.

"Krone": Müssen Sie sich nicht den Vorwurf gefallen lassen, dass Sie damit Van- der- Bellen- Wähler von der Wahl fernhalten wollen? Ihr Mitbewerber hat Sie ja gerade aufgrund der Wahlkarten das letzte Mal knapp überholt.
Hofer: Das wäre der Fall, wenn jetzt nichts passiert. Aber so wie es aussieht, wird die Wahl ohnehin verschoben.

"Krone": Der Ärger über diese Kuverts, die nicht richtig picken, ist riesengroß. Die Geduld der Wählerinnen und Wähler wird durch einen neuerlichen Wahltermin auf eine harte Probe gestellt. Sind wir eine Bananenrepublik?
Hofer: Nein ... Aber ich wünsche mir trotzdem Österreich zurück. Dass bei Wahlen alles funktioniert, dass man sich verlassen kann. Der späte Wahltermin wurde ja deswegen festgesetzt, damit alles ordentlich vorbereitet werden kann, damit es zu keinen Pannen mehr kommt. Jetzt wird der Wahlkampf noch länger. Was hier gerade passiert, muss einem wirklich Sorgen machen.

"Krone": Apropos Sorgen: Alexander Van der Bellen sah sich gezwungen, seine Befunde offenzulegen, Ihnen wurde "Berufsunfähigkeit" nachgewiesen. Ist es jetzt doch ein schmutziger Wahlkampf geworden?
Hofer: Ja, das ist es. Ich bin Van der Bellen deshalb sehr dankbar, dass er mich in Schutz genommen hat. Das war ein fairer Zug von ihm. Auch er war ja mit Gerüchten über seine Gesundheit konfrontiert und auch ich habe damals gesagt, dass das gar nicht geht. Das ist der privateste, persönlichste Bereich und so etwas tut man einfach nicht.

"Krone": Muss ein Politiker, gerade im Wahlkampf, nicht damit rechnen, dass so etwas an die Öffentlichkeit kommt? Also in Ihrem Fall ein Antrag auf Frühpension und Pflegegeld?
Hofer: Ich glaube, dass auch Politiker ein Recht auf einen ganz privaten Bereich haben. Es ist ja eh schon so schwer, Menschen zu begeistern, in die Politik zu gehen. Natürlich braucht man eine sehr dicke Haut. Aber was ist mit der Familie? Das sind eben keine Politiker, sie haben diese dicke Haut nicht und leiden besonders. Was meinen Antrag betrifft: Den habe ich nach einem Unfall gestellt, bei dem mein Fuß so schwer verletzt wurde, dass der Knochen sichtbar war. Es hat ein Dutzend Operationen gegeben und dann kam die Nachricht: Es ist nichts mehr zu machen, der Fuß muss amputiert werden. Ich war damals schon Dritter Nationalratspräsident und wollte aufhören.

Ende August ging Hofer samt Journalisten mit einem Heißluftballon in die Lüfte.
Foto: APA/ERWIN SCHERIAU

"Krone": Also stimmte damals die Berufsunfähigkeit?
Hofer: Nein, denn schließlich ist die Wunde doch verheilt. Ich habe mich wieder rausgekämpft.

"Krone": Was war das für ein Unfall?
Hofer: Das war eine Brandverletzung. Ich habe ja an den Fußsohlen nach meinem Paragleiterunfall kein Temperaturempfinden. Auf Reha bin ich dann auf eine Terrassenplatte gestiegen, die war 60 Grad heiß von der Sonne, und hat meine Fußsohlen verbrannt. Links ist die Wunde abgeheilt, rechts nicht. Es kamen Keime in die Wunde, diese Keime haben den Knochen zerfressen, die Wunde ist nicht zugeheilt und ich musste so ein Gerät unter dem Sakko tragen, das mir das Blut aus der Wunde automatisch abgesaugt hat. Jeden Tag Verbandswechsel, Wundfieber, extreme Schmerzen. Ich bin trotzdem weiterhin arbeiten gegangen, aber irgendwann kam der Punkt, wo es nicht mehr gegangen ist, wo ich eben diesen Antrag gestellt habe.

"Krone": Haben Sie noch immer Schmerzen?
Hofer: Schmerzen werde ich ein Leben lang haben. Aber damit kann man leben. Ganz, ganz viele Menschen in Österreich leben mit chronischen Schmerzen. Man kann diese Schmerzen nicht bekämpfen, man muss sie kommen und wieder gehen lassen. Mir tut Thermalwasser sehr gut, Schwimmen. Ich nehme täglich am Abend eine Schmerztablette, mein Ziel ist es aber, diese Schmerztablette ganz wegzubekommen.

"Krone": Wer spielt so einen Pensionsantrag einer Zeitung zu?
Hofer: Das muss jemand sein, der sehr Böses im Schilde führt. Es ist ein schweres Vergehen und schadet nicht nur der Zeitung, sondern auch der PVA. Dort gibt es jetzt ein interne Revision deswegen. Diese Geschichte zeigt aber auch: Es ist niemand sicher. Wenn Gesundheitsdaten, die höchstpersönliche Daten sind, einfach ohne Zustimmung des Betroffenen weitergegeben werden, dann geht auch das Vertrauen in den Staat verloren.

"Krone": Haben Sie einen Verdacht?
Hofer: Nein, habe ich nicht.

Foto: APA/ROLAND SCHLAGER

"Krone": Könnten wir uns vielleicht darauf einigen, dass Herr Van der Bellen keine "herrliche Lunge" hat und Sie nicht "fit wie ein Turnschuh" sind?
Norbert Hofer findet diese Frage überhaupt nicht lustig. Seine Stirn legt sich in Falten, er lässt sich ein paar Sekunden Zeit.
Hofer: Nein, darauf können wir uns nicht einigen. Erstens glaube ich Van der Bellens Arzt. Bei mir ist das anders. Behinderung ist keine Krankheit. Darauf legen behinderte Menschen großen Wert. Behinderung ist aber kein Hindernis. Krankheit ist ebenso wenig ein Hindernis. Denken wir nur an Barbara Prammer, wie toll sie ihren Job gemacht hat.

"Krone": Nehmen Sie Ihre Behinderung ab und zu zum Anlass für eine kleine Ausrede?
Hofer: Nie. Mein Vater sagte nach meinem Paragleiterunfall: Du wirst lernen, damit umzugehen. Damals war es ein Schock. Ich war begeisterter Leichtathlet, bin vom Zehnmeterturm gesprungen, war drachenfliegen, paragleiten, segel- und kunstfliegen. Alles, was es so gibt. Dann kommt eine Phase der Verzweiflung. Aber irgendwann eröffnen sich einem die Chancen. Ich habe das Mountainbiken entdeckt, die Gartenarbeit, aber auch die Politik. Da lebe ich auf.

"Krone": Am vergangenen Mittwoch in der "ZiB 2" haben Sie angeschlagen gewirkt. Manche haben gemeint, Sie hätten Kreide gefressen, weil Sie so ruhig waren. Sind Sie wirklich fit genug für diesen Wahlkampf?
Hofer: Ja, bin ich. Wobei ich mich in meinem Alltag doppelt anstrengen muss, aber ich mache das gern. Ein Wahlkampf ist immer eine Extremsituation. Ein Stresstest: Bin ich in der Lage, das alles zu ertragen oder nicht? Bis jetzt gelingt es sehr gut.

"Krone": Wir haben jetzt seit 8. Juli keinen Bundespräsidenten mehr und vielen geht er auch gar nicht ab. Warum brauchen wir einen?
Hofer: Weil in Zeiten der Krise, wenn Systeme instabil werden, ein Bundespräsident da sein muss, der diese zusammenhält, der in der Krise sofort Maßnahmen setzen kann.

Bei der Flugshow "Airpower 16" in Zeltweg traf Hofer auch seinen Konkurrenten Van der Bellen.
Foto: APA/ERWIN SCHERIAU

"Krone": "Macht braucht Kontrolle"?
Hofer: Ja. Aber diese Macht muss sehr behutsam ausgeübt werden, mit Bedacht. Aber trotzdem kraftvoll. Wenn Dinge in die falsche Richtung laufen, ist der Bundespräsident die Leitplanke.

"Krone": In einem Satz: Warum soll man - wann auch immer - Norbert Hofer wählen?
Hofer: Weil ich ein Präsident sein werde, der sehr besonnen agiert und sehr darauf achten wird, dass die Entscheidungen, die getroffen werden, gute Entscheidungen für Österreich sind.

"Krone": Das könnte auch von Alexander Van der Bellen sein.
Hofer: Ja, aber es gibt einen großen Unterschied. Diese Wahl ist auch eine Richtungsentscheidung. Nicht zuletzt aufgrund meines letzten Wahlergebnisses hat die Regierung den Kurs in der Frage TTIP, in der Flüchtlingsfrage geändert. Wenn ich diese Wahl gewinne, wird dieser Kurs der Vernunft auch beibehalten werden.

"Krone": Wenn irgendwann in den nächsten Wochen die Obergrenze erreicht ist, was soll dann der Kurs der Vernunft sein? Ungarn nimmt die Flüchtlinge ja nicht zurück.
Hofer: Deshalb müssen wir die Schengen- Außengrenzen schützen und wir brauchen auch so etwas wie einen Marshallplan für Nordafrika, damit die Menschen dort mit Unterstützung der EU Wohlstand erwirtschaften können.

"Krone": Aber was passiert mit den Menschen?
Hofer: Ja, die sind da. Auch jene, die eben nicht politisch verfolgt sind. Deshalb müssen wir rasch die Grenzen sichern, die Weichen jetzt schon richtig stellen. So wie es Kern, Sobotka, Kurz und Doskozil tun.

Norbert Hofer beim Wahlkampfauftakt am Samstag auf dem Welser Volksfest
Foto: APA/WERNER KERSCHBAUMMAYR

"Krone": Es ist zwar noch lange bis dahin, aber was ist Ihr Tipp für die Bundespräsidentenwahl 2016 - oder vielleicht sogar 2017?
Hofer: Es wird sehr, sehr knapp werden. 50,5 zu 49,5 könnte ein Tipp sein, der zutreffend sein könnte. Ich hoffe natürlich, dass ich es bin, der vorne ist.

"Krone": Und wenn es Van der Bellen noch einmal schafft?
Hofer: Dann geht das Leben weiter. Ich habe gelernt, dass man gerade aus schwierigen Zeiten sehr viel Kraft schöpfen kann.

"Krone": Herr Hofer, der Aktivist und Journalist Rudolf Fußi - von ihm stammt die Aussage, dass es "nur zwei Arten von Hofer- Wählern gibt: Rechtsextreme oder Trottel" - hatte Sie zu einem Streitgespräch für "News" eingeladen. Warum haben Sie gekniffen?
Hofer: Weil sich Herr Fußi eben immer unflätig äußert. Er bezeichnet sogar Journalistenkollegen als "Boulevardschreibnutterln". Auf dieses Niveau möchte ich mich nicht herablassen.

"Krone": Nach Ihrer Absage beklagt er sich auf Twitter über den "mutigen Herrn Hofer" ...
Hofer: Soll er. Für Klamauk bin ich nun einmal nicht zu haben.

Norbert Hofer im Video- Interview mit der APA:

Video: APA

Seine Karriere
Geboren am 2. März 1971 in Vorau, aufgewachsen in Pinkafeld. Ausbildung zum Flugtechniker, danach Systemingenieur bei der Lauda Air. In der Politik seit 1994. Vizebundesparteiobmann der FPÖ und seit 2013 Dritter Präsident des Nationalrates. Am 22. Mai unterliegt Norbert Hofer in der Stichwahl Alexander Van der Bellen um 31.026 Stimmen. Vater von vier Kindern, in zweiter Ehe mit der Altenpflegerin Verena verheiratet.

10.09.2016, 16:40
Conny Bischofberger, Kronen Zeitung
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