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03.12.2016 - 19:48
Johannes (links) ist Arzt im AKH Wien, Rudolf hat in Lausanne ein Start-up-Unternehmen gegründet.
Foto: Christian Jauschowetz

"Daheim hat Mama nie ein Machtwort gesprochen"

02.04.2016, 17:05

Ex- Höchstrichterin Irmgard Griss (69) und ihre Söhne Johannes (31) und Rudolf (28) sprechen im "Krone"- Interview mit Conny Bischofberger über Jus im Wald, Diktate in Deutsch und die Vogelhochzeit als Schlummerlied.

Ein fauler Samstagmorgen am Grazer Kaiser- Josef- Markt. Präsidentschaftskandidatin Irmgard Griss schlendert mit ihren Söhnen an Bauernbrot- , Äpfel- und Wurstständen vorbei. Dass beide zu Hause sind, ist eine Seltenheit. Rudolf lebt in der Schweiz, Johannes in Wien. "Erinnerst du dich, wie wir als Kinder immer Zuckerschoten gekauft und dann die Erbsen herausgeklaubt und gegessen haben?", fragt der Ältere. Die Mama strahlt übers ganze Gesicht.

In der Bibliothek der Anwaltskanzlei Griss & Partner plaudern die drei dann über ihre bunte Patchwork- Familie und eine Kindheit mit gaaanz vielen Büchern. Der Ehemann von Irmgard Griss und Vater von Rudolf (den Erstgeborenen Johannes hat sie mit in die Ehe gebracht) serviert Kaffee - und repariert auch gleich die Maschine, die nach drei kleinen Schwarzen plötzlich den Geist aufgibt.

Irmgard Griss und ihre Söhne im Gespräch mit Conny Bischofberger (links)
Foto: Christian Jauschowetz

"Krone": Zwei Söhne, zwei Väter. Und dann gibt es noch drei Halbgeschwister. Wie wurde den Kindern im Hause Griss das Patchwork erklärt?
Johannes: Für uns war immer klar, wer wie verwandt ist und wer die Eltern von wem sind. Da gab es nie ein Geheimnis.
Rudolf nickt: Man denkt sich nichts dabei, als Kind. Wir sagen auch nicht Halb- oder Stiefgeschwister. Für uns sind wir alle normale Geschwister.
Johannes nickt: Und ich habe Kontakt zu meinem leiblichen Vater natürlich, aber ich sage nicht Papa zu ihm.
Irmgard Griss: Johannes nennt seinen leiblichen Vater beim Vornamen.
Johannes: Weil die emotionale Bindung zu dieser Familie besteht. Es ist völlig Wurscht, mit wem man verwandt ist. Die Familie ist immer die, mit der du aufwächst.

"Krone": Was sind die ersten Erinnerungen an diese Familie?
Johannes: Als Rudolf auf die Welt gekommen ist, bin ich mit Papa und den drei älteren Geschwistern ins Krankenhaus gefahren. Ich wurde hochgehoben zu so einem runden Fenster, da habe ich Mama und Rudolf gesehen. Wann kann ich mit ihm spielen? Das war meine erste Frage. Als ich erfuhr, dass ich noch warten muss, habe ich es nicht mehr so toll gefunden.
Rudolf: Ich erinnere mich an das Klappern von Mamas Sharp- Computerschreibmaschine. Ihr Büro war direkt neben unserem Schlafzimmer. Sie hat die Tür immer einen Spalt offen gelassen, nachdem sie uns "Gute Nacht" gesagt hatte. Klappern, Klappern, Bimm! Und dann ist es wieder weitergegangen.

"Krone": Hat sie die Buben auch in den Schlaf gesungen?
Die Söhne schütteln den Kopf.
Die Mutter sagt: Am Beginn schon! Natürlich! Und zwar die Vogelhochzeit.
Johannes: Und dann hat sie uns vorgelesen. Wir haben einen ganzen Kinderbuch- Verlag ausgelesen.
Rudolf: Doktor Doolittle, Astrid Lindgren, Selma Lagerlöf, Karl May.
Sie: Und Edith Nesbit, die hat ja wunderschöne Kinderbücher geschrieben.
Johannes: Deshalb haben wir uns immer aufs Schlafengehen gefreut. Wir waren gespannt, welche Geschichte heute kommt.

"Krone": Wie haben Sie den Schulkollegen den Beruf Ihrer Mutter erklärt?
Johannes: Bei uns in der Schule war das nie ein Thema, was die Eltern machen. Meine Vorstellung von einer Richterin war, dass sie an der Schreibmaschine sitzt und tippt.
Rudolf: Ja, unsere Mutter war eigentlich sehr viel zu Hause. Dadurch, dass auch unser Vater Jurist ist, wurde sehr viel diskutiert über alle möglichen juristischen Fragen.
Johannes: Wenn wir im Wald spazieren gegangen sind, dann wurde uns zum Beispiel das Patentrecht erklärt. Da waren wir fünf oder sechs.

Irmgard Griss
Foto: Christian Jauschowetz

"Krone": Hätte Irmgard Griss gerne gehabt, wenn die Söhne Juristen geworden wären?
Sie: Nein. Der älteste Sohn meines Mannes führt die Tradition der Kanzlei weiter. Es stand den Buben völlig offen, was sie machen. Es hat immer geheißen: die großen Kinder und die Buben.
Johannes: Die einzige Vorgabe war: "Lernt etwas Gscheites!" Das weiß ich noch ganz genau.

"Krone": Waren gute Schulnoten ein Thema?
Rudolf: Wir hatten eh gute Noten.
Johannes: Außer ich, in Deutsch habe ich mir schwer getan. Mama sagte immer: "Wurscht, welche Note du kriegst, Hauptsache, du hast dich bemüht."

"Krone": Gab's nie Sanktionen oder Strafen?
Johannes: Nie. Im Gegenteil. Mama hat sich jeden Tag mit mir hingesetzt und ein Diktat gemacht.
Sie: Johannes hat sogar Vogel mit F geschrieben! Und Liebe mit P.

"Krone": Eine Richterin als Mutter, war die nicht manchmal streng?
Rudolf: Nein. Sie war immer gelassen. Selbst wenn wir gestritten haben, hat sie darauf Wert gelegt, dass alles besprochen wurde. Am Schluss sollten wir selber draufkommen, dass wir etwas falsch gemacht haben und dass wir uns entschuldigen.
Johannes: Ich glaub', am Anfang war ich nicht ganz lieb zum Rudolf.
Rudolf: Was heißt am Anfang? Alle lachen.
Johannes: Wir haben viel gerauft. Ich habe meinen Bruder so lange geärgert, bis er mich gehaut hat. Dann habe ich zur Mama gesagt: "Der Rudolf hat mich gehaut!"
Rudolf: Aber sie hat nie ein Machtwort gesprochen.
Johannes: Oder geschrien.
Rudolf: Der Papa war öfter in Gedanken versunken und die Mama war mehr strukturiert und hat auf eine gewisse Konsequenz und Ordnung Wert gelegt.
Johannes: Eine Regel bei uns war: Ihr dürft alles machen. Jeden Kurs, egal ob Tennis oder Tauchen. Aber wenn wir uns für etwas entschieden hatten, mussten wir jedes Mal hingehen.
Rudolf: Da gab es keine Ausrede. Egal ob wir Lust hatten oder nicht.

Irmgard Griss mit ihren Söhnen Johannes und Rudolf
Foto: Christian Jauschowetz

"Krone": Frau Griss, viele Mütter neigen unbewusst dazu, ihre Söhne zu Paschas zu erziehen. Wie war das bei Ihnen?
Sie: Also das kann man bei uns wirklich nicht sagen. Wir hatten zwar immer eine Haushälterin, sie gehört zur Familie und die Buben sagen "Tante" zu ihr. Aber die Kinder haben alle mitgeholfen. Tisch abräumen, Geschirrspüler einräumen, das war selbstverständlich.
Johannes: Der Großteil der Hausarbeit ist nicht an uns hängengeblieben. Trotzdem haben wir Rasen gemäht, Wiener Schnitzel mit der Tante zubereitet.
Rudolf: Und mit 18 sind wir beide ausgezogen, haben alleine gewohnt und waren selbstständig.

"Krone": Wie war's davor, in der Pubertät?
Rudolf: Wir haben nicht einmal geraucht.
Johannes: Marihuana schon gar nicht, das hat uns nicht gereizt.

"Krone": Was hätte Mama da gemacht?
Rudolf: Wir hatten nie starre Grenzen. Es gab auch nie eine Zeit, zu der wir zu Hause sein mussten. Deshalb haben wir das auch nicht ausgenutzt.

"Krone": Hat Religion eine Rolle gespielt?
Sie: Wir sind in die Kirche gegangen, die Buben haben beide ministriert. Der Johannes hat sogar Orgel gelernt.
Rudolf: Wir haben damals in Maria Grün gewohnt, Johannes war bei der Jungschar.
Johannes: Am Beginn war der Pfarrer streng zu uns, dann ist er milder geworden. Auch der Fußballplatz und ein riesiger Spielplatz waren auf dem Pfarrgrund. Da ist nicht so sehr die Religion im Vordergrund gestanden, sondern die Gemeinschaft innerhalb der Pfarre.

"Krone": Wann haben die Söhne eigentlich erfahren, dass die Mutter Bundespräsidentin werden will?
Johannes: Wir wussten schon sehr früh, dass sie als Kandidatin gehandelt wurde. Aber wir dachten, das vergeht wieder (lacht).
Rudolf: Das war schon ziemlich bald nach der Hypo- Geschichte. Da gab es ja einen gewissen Hype. Ich persönlich habe sie darin bestärkt.
Johannes: Ich war da skeptischer. Die Aufmerksamkeit gegenüber der Familie wird doch größer. Plötzlich schreibt man unseren Namen richtig (lacht).

"Krone": Fühlt sich Irmgard Griss von ihren Söhnen im Wahlkampf unterstützt?
Sie: Sehr. Johannes hat sogar das Crowdfunding übernommen.
Johannes: Übernommen ist falsch. Ich habe gesagt, das ist die einzige Art, wie man ihren Wahlkampf ehrlich finanzieren kann. Die Idee haben viele gehabt, aber ich war der erste.
Rudolf: Ich unterstütze Mama emotional. Und ich werde natürlich mit Wahlkarte wählen in Lausanne.

"Krone": Welche Rolle spielt es, dass sie eine Frau ist?
Rudolf: Es wäre als Symbol extrem wichtig, wenn einmal eine Frau Bundespräsidentin wird. Wir haben ja auch nie eine Bundeskanzlerin gehabt.
Johannes: Nicht nur als Symbol. In der Forschung gibt es genau so viele Frauen wie Männer. Dass es eine Landesregierung gibt, in der nur Männer sitzen, ist ja indiskutabel in unserer Generation.

"Krone": Wie groß wäre die Enttäuschung, wenn die Mutter es doch nicht schafft?
Johannes: Es wäre ein unendliches Armutszeugnis für unser Land. Aber Mama würde dann halt andere Dinge finden, für die sie sich einsetzen kann.
Rudolf: In Pension gehen würde sie trotzdem nicht.

"Krone": Was hat die Mutter Ihnen mitgegeben?
Rudolf: Sie sagte immer: Egal was ihr macht, ihr müsst es gut machen! Das ist es, was mich am meisten geprägt hat.
Johannes: Mamas Credo war: Nicht schauen, was bringt mir das? Nicht drauf hören, was die anderen sagen, weil das ist ganz egal. Ihr müsst euch selbst der Richter sein! Das ist für mich das absolute Leitmotiv geworden.


02.04.2016, 17:05
Conny Bischofberger, Kronen Zeitung
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