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06.12.2016 - 09:55

Auf "Wahlfahrt" mit Bundeskanzler Werner Faymann

07.09.2013, 17:00
Werner Faymann ist nicht mehr der Alte. Vom lächelnden Kumpel-Kandidaten zum Wahlkämpfer mit Kanzler-Würde. Ein Tag zwischen Weltpolitik und menschlicher Tuchfühlung. Pannen-Helfer und Party-Star. Auch das muss sein.

In dieser Geschichte gibt es keine nackten Oberkörper, keinen Sixpack in der Tarzan- Badehose. Es gibt auch keine putzigen Kinder, keine Frauen, die aus der Küche oder aus der Paarungszeit plaudern. Der Tag war trotzdem spannend.

Roadmovie mit Faymann

Bundeskanzleramt Wien, sehr früh am Morgen, der Kanzler putzmunter und sein Staatssekretär Josef Ostermayer in heiterer Wachsamkeit. Der Mann, der vorübergehend die Regie übernehmen wird, schaut aus wie Oscar- Preisträger Florian Henckel- Donnersmarck, es ist aber Hanno Settele. Für sein ORF- Roadmovie "Wahlfahrt" hat er den schnittigen Oldtimer- Mercedes und ganz viel Enthusiasmus mitgebracht.

Man wird den Kanzler in den Wagen verfrachten, Settele wird am Steuer sitzen und den Beifahrer mit unorthodoxen Fragen füttern. Ein Gespräch Aug in Aug wäre Faymann lieber. Man tuckert nach Liesing, ins Pflegeheim, das "Helmut- Zilk- Haus". Man steht ein bisschen im Stau. Was im Oldtimer geredet wurde, hält Settele unter Verschluss bis zur ORF- Sendung am 25. September.

Intimzone eines Pflegebettes ist öffentlicher Wahlkampfraum

Die Menschen im Pflegeheim freuen sich über den hohen Besuch und die Abwechslung, sofern sie dazu in der Lage sind. Da ist eine Frau, die den Kanzler nicht mehr vom eigenen Sohn unterscheiden könnte, eine andere alte Dame, so zierlich und zerbrechlich, ist von wachem Verstand. Die Intimzone eines Pflegebettes ist plötzlich öffentlicher Wahlkampfraum. Der Kanzler vermeidet plumpe Umarmungen und süßliche Sager. Es ist eine Frage der Sensibilität, die Würde des Menschen auch in Wahlkampfzeiten zu achten und zu begreifen. Der Kanzler muss eine gute Kinderstube gehabt haben.

Hier im "Zilk- Haus" könnte es ein herrliches Frühstück geben, aber dazu ist keine Zeit. Nicht der einzige Kaffee, der dem Team Faymann an diesem Tag nur um die Nase duftet. Worüber reden wir hier im Pflegeheim eigentlich? Darüber, dass jeder Mensch irgendwann aus der Winner- und der Leistungszone in jenes Dasein fällt, in dem er angewiesen ist auf Hilfe, auf Fürsorge, auf Wärme. Wird man den Menschen das auch in Zukunft bieten können? Man möchte. Die Frauen und Männer hier, die könnten alle unsere Väter und Mütter sein.

Vom Pflegebett zur Syrien- Debatte

Zurück ins Kanzleramt, es ist noch nicht einmal 10 Uhr. Leberkässemmel- Zeit für das Wachpersonal, in den Fiakern und auf den Gehsteigen staunen die Leute, dass ein Kanzler einfach so herumspaziert, gleich wird der UNO- Generalsekretär eintreffen nebenan beim Bundespräsidenten, kein Security- und Weltpolitik- Alarm, wo gibt's denn so was, sagen die Menschen mit gezückten Handys. Ja, das gibt's nur in Österreich.

Drinnen in der rotgoldenen Pracht ein Syrien- Talk mit UNO- Generalsekretär Ban Ki Moon, staatsmännisches Posieren statt stiller Betroffenheit an den Pflegebetten. Es gäbe bestimmt wieder feine Brötchen, dem Staatssekretär müsste doch das Wasser im Munde zusammenlaufen, er frühstückt ja nie. Der Fotografen- und Staatsmänner- Pulk verflüchtigt sich.

Gewerkschaftsparty in Linz - ohne Bier

Auf geht's, nach Linz. Die ÖBB- Werkstätten am Bahnhof. Gewerkschaftsparty. Die Werkshallen, die Lokomotiven, die zur Behandlung herumstehen, der Geruch von Arbeit und die Schönheit in die Jahre gekommener Anlagen. Jeden Moment muss der Kanzler kommen, das Publikum ist in rote Wahlkampf- Deko gebettet. Riesige Kampf- Herzen mit Parolen drauf ("Ich bin ein Steuer- Patriot"), lustige Klatschhände, aufgeblasen wie Luftmatratzen. Es gibt kein Bier, nur der regional sehr berühmte Kabarettist peitscht die Stimmung ein. Ein echter Werner geht nicht unter, sagt er, und auf die Fekter schmiedet er ein paar witzige Reime.

Dann Minister Hundstorfers flammende Rede noch, und nun zieht der Kanzler ein, ganz ohne Bier sind die Leute aus dem Häuschen. Viel heftiger als vor fünf Jahren, da war Faymann nur Kandidat, jetzt kommt ein echter Kanzler in die Werkstatt, die Würde des Amtes hat Schubkraft. Eine Aura wie zu allerbesten ROTEN Zeiten: Solidarität, Arbeitsplätze, Chancengleichheit, die bösen Geldhaie, die Sorgen, die sich junge Menschen um Alte machen und umgekehrt.

Umarmung beim Erinnerungsfoto

Wird mein Enkel noch einen Job haben? Was ist mit meiner Oma, wenn die nicht mehr kann? Solche Fragen hört der Kanzler oft. Berührungsängste haben die Leute nicht. Aber, man fällt einem Kanzler auch nicht plump um den Hals wie im Bierzelt, "hearst, Alter", man gibt eher artig die Hand und genießt seine Umarmung beim Erinnerungsfoto. Die Frauen besonders. Fesch ist er, sagen sie.

Ein herrliches Brötchen- Buffet haben die Leute aufgebaut. Wieder nichts. Sie lassen den Kanzler nicht aus, die Freunde und die Fotografen. Wahlkampf mit vollem Mund, das geht gar nicht. Zurück nach Wien, Regierungsarbeit vom Auto aus, und Settele wird den Kanzler dann wieder für sein Roadmovie interviewen, bis fast an die Stadtgrenze, dann macht der Oldtimer schlapp und Faymann schiebt den rauchenden Kübel mit Settele an den Straßenrand. Kommt doch gut, ein Kanzler als Pannenhelfer. Ohne sich schmutzig zu machen. Der Anzug ist noch immer bühnentauglich.

15.000 Kilometer auf Achse

88 Veranstaltungen, etwa 15.000 Kilometer auf Achse. Wahlkampf ist Ochsentour, die Belohnung sind fast ausschließlich liebenswürdige Begegnungen und dass man den Menschen direkt in den Sorgenrucksack schauen kann. Interessant, findet der Staatssekretär, was für Abscheulichkeiten manchmal gepostet werden, in der persönlichen Begegnung sind die Leute aber nie so. Da sind sie urlieb.

Kumpel- Kandidat in Kanzler- Anzug hineingewachsen

Der Countdown zum großen Auftakt- Spektakel im MuseumsQuartier. Hier riecht es weniger nach Arbeit und Maschinenöl wie in den Linzer Werkstätten, eher nach roter Schickeria. Hier hat die sozialdemokratische Gesinnungsgemeinschaft mehr Chic und Lässigkeit. Mehr oder weniger wichtige Schauspieler, die als Testimonials herumrennen. Der lustige dicke Fernseh- Physiker und der große alte Österreicher Ari Rath, dem die Nazis die Kindheit und die Heimat gestohlen haben. Und Tusch! Der Kanzler.

Eine Rede mit sparsamem Smile- Einsatz und viel Kampfkraft gegen Ungerechtigkeit. Rath, taufrischer, hellwacher Kopf, findet, das hätte Faymann vor fünf Jahren so großartig und glaubwürdig noch nicht hingekriegt. Der lächelnde Kumpel- Kandidat von damals ist in den Kanzler- Anzug hineingewachsen. Der Anzug sitzt nach zwölf Stunden noch tadellos, und wenn irgendwo ein Ölfleck das Hemd oder das Revers bekleckert hätte – Ersatz liegt im Kofferraum.

Zum würdig- angriffigen Kanzler gibt Bürgermeister Michael Häupl das Rumpelstilzchen, mit derben Anspielungen auf die Oben- ohne- Show anderer Bewerber und auf die Badehose vom FPÖ- Chef Heinz- Christian Strache.

Wiedersehen mit Ehefrau und die erste Mahlzeit des Tages

Der Kanzler sieht jetzt auch seine Frau wieder, kurz. Martina Faymann macht sich rar im Wahlkampf- Rummel, sie ackert lieber auf eigene Regie durch den Viktor- Adler- Markt, kümmert sich um Gemeindepolitik und Frauenhäuser, fernab des Klischees einer Funkel- First- Lady. Und dass man die Kinder im Wahlkampf einspannen würde – never ever. Den Kindern einen solchen Schaden zufügen, das darf man nicht, sagt Ostermayer. Und meistens geht solche Art von Publicity auch voll nach hinten los.

Erste Mahlzeit des Tages: Frankfurter im MuseumsQuartier. Müde sein gilt nicht, jeder Handschlag, jeder Smalltalk muss knusperfrisch von Herzen kommen.

Zurück zu ernsten Themen: Debatte um Zwei- Klassen- Medizin

Während im MuseumsQuartier noch die Party abgeht, sind im Kreisky- Zimmer im Bundeskanzleramt schon die nächsten Gesprächspartner am ovalen Tisch versammelt. Österreichische Ärzte von Weltruf, das Thema geht direkt an die Nieren: Wie steht es um die Zwei- Klassen- Medizin? Wie steht Österreich in der Gesundheitsversorgung da? Wie schaut das Krankenhaus der Zukunft aus? Ein Hintergrundgespräch ohne Wahlkampf- Getue. Schade eigentlich, dass sich mehr Menschen für Badehosen- Blödsinn und Oben- ohne- Peinlichkeiten interessieren als für die relevanten Dinge des Lebens.

Die Brötchen auf dem Tisch, die sind die besten des Tages. Es ist nicht mehr weit vor Mitternacht, bis der Kanzler und der Staatssekretär endlich ungeniert zugreifen können. Hmm! Und jetzt noch den nächsten Tour- Tag besprechen, die übrig gebliebene Regierungsarbeit. Ein Achterl als Betthupferl ist da nicht mehr drin.

07.09.2013, 17:00
Marga Swoboda, Kronen Zeitung
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