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30.04.2017 - 13:52
Pfarrer Wolfgang Pucher und Gabriele Grössbauer-Muster mit dem VinziBus
Foto: VinziWerke

Menschen ertragen, wie sie sind

05.09.2015, 08:00
Vor 25 Jahren hat sich in Graz auf Initiative von Pfarrer Wolfgang Pucher die Jugendvinzenzgemeinschaft gegründet. Heute stehen 700 Ehrenamtliche im Kampf gegen die hässliche Armut.

1992 stand Pfarrer Wolfgang Pucher auf einer kleinen Bühne und verbrannte einen Strafzettel der Polizei. 100 Schilling sollten drei Bosnier zahlen, weil sie sich ohne Fahrscheine auf dem Grazer Hauptbahnhof aufhielten. Die Strafe war nach dem Bahngesetz möglich. Die Männer gehörten aber zu jenen bosnischen Deserteuren, für die Pucher ein Zeltlager in Graz errichtete. "Die hatten keine Papiere. Deshalb hat sich keiner um sie gekümmert. Man hat mich beschuldigt, in unserem beschaulichen Wohnbezirk Menschen, die bei uns fremd sind, unterzubringen und damit Unsicherheit für die Bevölkerung hervorzurufen. Obwohl es zu keinen Problemen gekommen ist, ist diese Grundeinstellung bis heute dieselbe geblieben. Menschen, die in Not sind, soll man zu Hause helfen! Man will sie grundsätzlich auf Distanz halten. Ich bezeichne dies als die 'Sünde der Distanz'!"

Ähnliche Erfahrungen machte der engagierte Kirchenmann mit Obdachlosen. 1990 begannen zwölf junge Menschen rund um seine Pfarre in Graz- Eggenberg, "die Not zu suchen", um so Vertrauen aufzubauen. "Wenn du auf jemanden zugehst, kommt es zu einer Art Schicksalsgemeinschaft. Dein Schmerz ist mein Schmerz, dein Problem ist mein Problem, ich stelle dir meine Überlebensfähigkeiten zur Verfügung, damit es uns beiden besser geht." Sehr bald bemerkten die jungen Freiwilligen, wo die Not zu finden ist. "Wer mit offenen Augen und Ohren durch das Leben geht, dem begegnet auf Schritt und Tritt Armut, Hilflosigkeit und der bisweilen lautlose Schrei der Armen."

25 Jahre VinziWerke gegen die Armut

So entstanden die VinziWerke, sie sind heuer 25 Jahre alt und haben 700 Helferinnen und Helfer. 1991 fuhr dann erstmals der VinziBus, es gab Brot und heißen Tee für Obdachlose. Wer sind diese Menschen, denen heute in Graz, Wien, Salzburg und anderswo geholfen wird?

"Einerseits sind es durch Kriegswirren vertriebene Menschen, andererseits sind es solche, die das Leben zu Hause nicht mehr ertragen können, vor allem weil sie sehen, wie groß die Diskrepanz zwischen ihrem Leben und dem Leben in unseren Ländern ist. Sie suchen ein besseres und menschenwürdiges Leben. Gerade das aber kann die im Wohlstand übersättigte Gesellschaft nicht ertragen." 1993 folgte eine Einrichtung, der viele bloß ein paar Monate gaben: das VinziDorf, ein Containerdorf für alkoholkranke Obdachlose, in dem sie auch trinken durften. Es steht auch heute noch. "Wir haben schon sehr früh erkannt, dass es prinzipiell zwei Gruppen von Armen gibt: Die einen sind jene, die in der Gesellschaft Mitleid erwecken, für die auch Ressourcen vorhanden sind. Ich nenne es die 'schöne Armut'. Schön ist sie nicht, aber es finden sich viele, die bereit sind, zu helfen. Die andere Gruppe sind jene, die durch ihre Lebensweise oder auch nur durch ihr Äußeres Widerwillen und Ablehnung erfahren: Drogenabhängige, Alkoholkranke, Haftentlassene, psychisch Belastete und Armutsimmigranten – die 'hässliche Armut'."

Im VinziDorf darf jeder sein, wie er ist

Die VinziWerke sind bemüht, sich nahezu ausschließlich der "hässlichen Armut" anzunehmen. "Wenn jemand nirgends mehr Verständnis und Hilfe findet, dann darf er zu uns kommen!" Kommt er in seiner Arbeit nicht zwangsläufig in die Situation, Notsituationen miteinander zu vergleichen? Wer ist "am ärmsten", will ich von Pfarrer Pucher wissen. "Am ärmsten ist der, dessen Not von niemandem erkannt oder anerkannt wird und der selber auch nicht in der Lage ist, seine Hilfsbedürftigkeit verständlich zu machen. Die Einrichtung VinziLife zum Beispiel nimmt Frauen auf, die wegen ihres auffälligen psychischen Verhaltens aus jeder Einrichtung hinausfliegen. Im VinziLife aber dürfen sie sein, wie sie sind. Nächstenliebe heißt auch: Menschen ertragen, wie sie sind!"

Die Obdachlosigkeit von Zigtausenden Flüchtlingen beschäftigt derzeit die Menschen in Österreich, sie fühlen sich ohnmächtig, ganz Europa weiß keine Lösung. "Es gibt keine Lösung! Hier kann nur jeder, der mit ihnen in Berührung kommt, das tun, was ihm möglich ist."

Nähe zu Menschen weckt Menschlichkeit

Dies gelte "selbstverständlich auch für ein so reiches Land wie Österreich, wo weder im Staat noch in der Kirche die vorhandenen Ressourcen ausgeschöpft sind. Es ist für mich unverständlich, dass man die zu uns kommenden Menschen nicht wenigstens mit Quartieren versorgen kann. Wenn wir Kleider und Lebensmittel billig einkaufen, weil sie von Menschen produziert werden, die um einen Hungerlohn arbeiten müssen, die dadurch wie Sklaven unseren Wohlstand sichern, ist es unsere verdammte Pflicht und Schuldigkeit, so viel wie möglich dafür zu tun, dass zumindest jenen geholfen wird, die zu uns kommen." Die Arbeit der VinziWerke ist getragen von Spenden und freiwilligem Engagement.

"Wichtig ist immer wieder, dass man Menschen, die Hilfe brauchen, mit anderen, die Hilfe leisten können, in Berührung bringt. Mein Ordensgründer Vinzenz von Paul hat des Nachts in den Straßen von Paris weggelegte Kinder eingesammelt, sie in die Wohnungen Wohlhabender gebracht und sie ganz einfach dort zurückgelassen. Genau dasselbe müssten wir viel öfter den Menschen 'antun'. Zum Tag der offenen Tür im VinziDorf kommen Zahllose, die noch nie mit einem Obdachlosen etwas zu tun hatten. Viele gehen berührt weg und beginnen mit einer Unterstützung der Bewohner. Nähe zu den Menschen weckt Menschlichkeit!"

05.09.2015, 08:00
Ombudsfrau Barbara Stöckl
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