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23.08.2017 - 01:44

Wo schlafen Sie heute Nacht, Herr Amari?

11.07.2015, 17:00
Rekordhitze und Unwetter, Postbusse und Zelte: Wie Mohammed El Amari, Englischlehrer aus dem Jemen, die Chaos-Woche im Flüchtlingslager Traiskirchen erlebt hat, erzählte er "Krone"-Reporterin Conny Bischofberger.
Vor dem heillos überfüllten "Erstaufnahmezentrum Ost" in Traiskirchen ist die Stimmung aufgebracht. "Ich friere in der Nacht. Es gibt nicht genügend Matten." "Meine Frau ist krank, sie bekommt keine medizinische Hilfe." Selbst die Innenministerin spricht von "dramatischen Zuständen". Im Flüchtlingslager warten 3.200 Menschen auf ihr Asylverfahren, 1.200 haben keinen Schlafplatz. Mohammed El Amari (27) ist einer von ihnen. Er flüchtete vor dem Bürgerkrieg im Jemen - das Land wird von Saudi- Arabien bombardiert, rund 20 Millionen Menschen haben laut den Vereinten Nationen keinen Zugang zu Nahrung und Wasser.

"Krone": Können Sie bestätigen, was die Menschen uns gerade erzählt haben?
Mohammed El Amari: Ja. Ich habe eine Frau gesehen, die ihr Kind in einem Auto zur Welt bringen musste. Dann durfte sie mit dem eingewickelten Neugeborenen ins Lager zurück. Saifs Ehefrau - er kommt aus dem Irak - ist schwanger, trotzdem muss die Familie mit den zwei kleinen Kindern in der Kälte schlafen. Viele sind deshalb krank geworden und bekommen keine Medikamente. Es gibt auch fast nur Englisch- Dolmetscher. Die meisten sprechen aber kein Englisch. Ein Syrer wurde bestraft, weil er nicht verstanden hatte, dass er für einen Transfer eingeteilt war.

"Krone": Wie wurde er bestraft?
Amari: Er durfte das Camp drei Tage lang nicht mehr betreten. Ihm war kalt und er wollte Kleidung holen, da kletterte er über den Zaun. Nun muss er 37 Euro Strafe bezahlen.

"Krone": Und wie werden Sie behandelt?
Amari: Ich bin seit zehn Tagen hier. Ich hoffe, dass sie mich nicht nach Ungarn zurückschicken. Ich kriege jedesmal die Panik. Wenn das geschieht, hat mein Leben keinen Sinn mehr.

"Krone": Was ist in Ungarn passiert?
Amari: Ich bin mit meinem 19- jährigen Freund Ahmed aus dem Jemen weggegangen. Das war vor zehn Wochen. Mein Erspartes reichte für zwei Flüge in die Türkei, von dort haben wir uns nach Ungarn durchgeschlagen. Dort kamen wir in ein Lager und wohnten zu zwanzigst zusammengepfercht in einem kleinen Raum. Das Bewachungsperonal hat uns zu Fingerabdrücken gezwungen und mit Stöcken geschlagen. "Wenn ihr euch wehrt, dann sperren wir euch für drei Jahre aus der EU aus, dann kommt ihr nach Serbien ins Gefängnis", haben sie uns gedroht. Ich glaube, sie wollten uns vertreiben. Wir sind davongelaufen und schließlich mit dem Zug nach Österreich gekommen.

"Krone": Mit welcher Hoffnung?
Amari: Ich dachte, dass Österreich meine neue Heimat werden könnte. Jetzt bin ich mir nicht mehr so sicher.

Ahmed, der neben Mohammed steht und das Gespräch verfolgt, weint. Der Jemenite hat Heimweh, obwohl in seinem Land Krieg ist.

"Krone": Wo schlafen Sie heute Nacht?
Amari: Ich habe die Hoffnung auf ein Bett oder einen Platz im Zelt schon aufgegeben. Dabei gibt es im Lager genügend leere, riesige Räume. Ich weiß nicht, warum dort am Boden niemand liegen darf. Mein Schlafplatz ist im Gras. Ahmed und ich haben weder Matten noch Polster, nur je eine Decke.

"Krone": Diese Woche hat das österreichische Innenministerium, das mit einem immensen Ansturm von Asylwerbern fertigwerden muss, Postbusse nach Traiskirchen geschickt, damit die Flüchtlinge ohne Betten wenigstens vor dem Unwetter geschützt sind. Haben Sie dort einen Platz bekommen?
Amari: Nein. Und ich wollte die Nacht auch nicht in einem Bussitz verbringen. Da schlafe ich noch lieber draußen im Regen.

"Krone": Wie sehen Sie denn Ihre Zukunft?
Amari: Ich war im Jemen Englischlehrer und hatte auch ein eigenes Teppichgeschäft aufgebaut. Ich möchte in Österreich einem geordneten Leben nachgehen und Teil der Gesellschaft werden. Aber erst einmal muss ich wohl sehr lange warten.

"Krone": Glauben Sie, dass die Menschen je wieder nach Syrien und in den Jemen zurückkehren werden können?
Amari: Ehrlich gesagt, glaube ich es nicht, obwohl ich mir das am meisten wünschen würde. Ich vermisse meine Familie und meine Heimat. Da es im Jemen tagelang keinen Strom gibt, ist es auch fast unmöglich, meine Eltern zu erreichen. Ich bete zu Allah, dass es ihnen gut geht.

"Krone": Wenn Sie einen Wunsch frei hätten, was wäre es?
Amari: Ich möchte nur eins: ein menschenwürdiges Leben führen.

11.07.2015, 17:00
Conny Bischofberger, Kronen Zeitung
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