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09.12.2016 - 16:32
Jugendanwältin Pinterits: "Kinder sind die Schwächsten der Gesellschaft und brauchen starke Lobby."
Foto: Peter Tomschi

Was wird Kindern angetan, Frau Pinterits?

22.11.2014, 16:45
Ein Vater, der seine kleine Tochter so heiß duscht, dass sie stirbt. Ein Mann, der sein eigenes Kind als Geisel nimmt und droht, ein Einkaufszentrum in die Luft zu sprengen. Zwei schockierende Fälle von Gewalt an Kindern. Für Monika Pinterits sind sie nur die Spitze des Eisbergs. Mit Conny Bischofberger sprach die Kinder- und Jugendanwältin über Täter und Opfer, Prävention und Therapie und ihren Traum von einer besseren Welt.

Ein Schaukelpferd aus Holz, giftgrüne Stoffschlangen, bunte Kinderfauteuils. Im sechsten Stock eines unscheinbaren Bürogebäudes vis- a-vis des Franz- Josef- Bahnhofs finden Kinder und Jugendliche in Not anonyme Beratung und Hilfe. Es ist der Sitz der Kinder- und Jugendanwaltschaft der Stadt Wien – aber auch alle Bundesländer haben KJA- Anlaufstellen.

Monika Pinterits im Gespräch mit "Krone"-Redakteurin Conny Bischofberger
Foto: Peter Tomschi

Monika Pinterits kommt gerade von einem Empfang beim Bundespräsidenten. Der Anlass: 25 Jahre gewaltfreie Erziehung und 25 Jahre Kinderrechte in Österreich. Getrübt wird das Doppeljubiläum von zwei schweren Fällen von Kindesmisshandlung. Leonie (zwei Jahre) wurde von ihrem Vater unter der heißen Dusche verbrüht. In der "Millenium City" nahm ein Mann seine vierjährige Tochter als Geisel und drohte mit einem Bombenattentat.

Obwohl die Kinder- und Jugendanwältin, unermüdliche Kämpferin gegen die "g'sunde Watsch'n", schon seit 15 Jahren mit den Folgen von Gewalt zu tun hat, berühren sie die Schicksale der beiden Mädchen. "Manchmal ist da einfach nur noch Wut. Dann muss ich aufpassen, dass ich wieder auf die professionelle Ebene komme…" Umso mehr wundert sie sich, dass in Österreich die "Watsch'n" noch immer von vielen bagatellisiert und sogar verbissen verteidigt wird.

"Krone": Frau Pinterits, die Öffentlichkeit ist nach diesen zwei Fällen wieder einmal wachgerüttelt. Sie auch?
Monika Pinterits: Es ist auch für mich kaum zu glauben, dass solche Gewalttaten heutzutage noch passieren müssen. Aber ich weiß, dass hinter den Fällen, wo verständlicherweise alle laut aufschreien, viele, viele Kinder sind, die schweigen und Gewalt erleben müssen. Sie sieht und hört man nicht. Das ist die Mehrheit. Deshalb sind die zwei Fälle, von denen wir jetzt viel gelesen haben, nur die Spitze des Eisbergs.

"Krone": Da wird ein kleines Mädchen unter die heiße Dusche gestellt, um es zu bestrafen. Wie grausam können Eltern sein?
Pinterits: Es gibt viele Gründe, warum Eltern Gewalt ausüben. Das kann Überforderung oder Hilflosigkeit sein. Es ist aber auch möglich, dass diese Erwachsenen früher als Kinder selbst misshandelt worden sind – kalt duschen war ja einmal ein Mittel, um Kinder zu erziehen –, eine Maßnahme, die übrigens auch im Bereich der Folter angewendet wird. Wenn ich das selbst erlebt habe, schaffe ich es vielleicht nicht, Hilfe zu holen oder mein Handeln zu hinterfragen. Was das für das Kind bedeutet, ist vielen nicht klar. Im konkreten Fall ist ein Kind daran gestorben und das ist furchtbar.

"Krone": Verstehen Sie den großen Unmut darüber, dass der mutmaßliche Täter frei herumläuft?
Pinterits: Ich verstehe, dass das die Leute aufregt. Man kann es wirklich nicht nachvollziehen. Wenn jemand sein Kind so misshandelt, dass es stirbt, so sollte die Justiz überlegen, wie sie in Zukunft mit diesen Fällen umgeht.

"Krone": Im zweiten Fall hat ein Mann seine kleine Tochter als Geisel genommen. Was muss in so einem Menschen vorgehen?
Pinterits: Das kennen wir von Menschen in Ausnahmesituationen. Es gibt ja auch Fälle, wo Erwachsene sich mit ihren Kindern umbringen. Das ist das größte Zeichen der Aggression, das ein Mensch setzen kann, nämlich über das Leben seines Kindes zu bestimmen. Man kann es nicht vergleichen, aber es gibt noch immer viele Eltern, die glauben, sie können mit ihrem Kind machen, was sie wollen. Da geht es auch um die Frage: Wie geht unsere Gesellschaft mit Kindern um? Sind sie wirklich nur ein Anhängsel von Erwachsenen oder werden sie akzeptiert als Wesen mit eigenen Rechten?

"Krone": Hat die Gewalt an Kindern eigentlich zugenommen?
Pinterits: Laut unseren Studien hat sie abgenommen. In den Köpfen der Menschen ist schon verankert, dass Gewalt an Kindern gar nicht geht. Trotzdem gibt es beispielsweise zur Frage "Haben Kinder Autoritäten anzuerkennen?" immer noch eine sehr hohe Zustimmung. Was bedeutet denn das? Wollen wir unsere Kinder zu Lemmingen erziehen? Oder zu mutigen, respektvollen Menschen, die Autorität auch hinterfragen können und ihre Meinung vertreten?

"Krone": Wo beginnt Ihrer Meinung nach Gewalt?
Pinterits: Dort, wo ich mit Kindern nicht rede, um sie zu bestrafen. Wo ich ein Kind ins Winkerl stelle, damit es sich schämen soll. Das ist nichts anderes als psychische Gewalt, Demütigung von Kindern. Vielen Leuten fällt gar nicht auf, dass das auch eine Form der Gewalt ist, die Kindern enormen Schaden zufügt. Denn Kinder, die nicht stark sind, die ein schwaches Selbstbewusstsein haben, die tun sich schwerer im Leben. Das geht dann weiter zur physischen Gewalt. Erwachsene sind da sehr einfallsreich, obwohl in Österreich seit 25 Jahren Gewaltverbot herrscht.

"Krone": Im vermeintlichen Schutz der Familie gedeiht Gewalt besonders gut. Was sollte man tun, wenn man Gewalt beobachtet?
Pinterits: Sehr oft geschieht sie hinter verschlossenen Türen. Und es gibt tatsächlich Politiker, die sagen, solche Dinge sollten in der Familie bleiben. Sollen sie nicht! Wenn Gewalt offen passiert, dann braucht es Zivilcourage. Mir ist es erst kürzlich passiert, dass ich gesehen habe, wie ein Kind auf der Straße geschlagen worden ist. Ich bin hingegangen und habe versucht, ins Gespräch zu kommen. "Sie, mischen Sie sich bloß nicht ein!", kam zur Antwort. Dann habe ich gesagt, dass ich die Polizei anrufe, weil das in Österreich verboten ist.

"Krone": Warum holen so wenig Eltern Hilfe?
Pinterits: Da müssen wir tatsächlich noch viel lernen. In Schweden ist das ganz normal, sich Unterstützung zu organisieren. Bei uns wird es oft als Schande angesehen. Dabei wäre es gerade bei Überforderung sehr wichtig, eine Freundin oder einen Nachbarn zu bitten, auf das Kind aufzupassen, zu sagen: "Ich halte das einfach nicht mehr aus. Es ist mir alles zu viel."

"Krone": Sollte es verpflichtende Elternkurse geben?
Pinterits: Verpflichtend ist immer heikel. Aber man könnte werdenden Eltern zumindest das Angebot machen, sich zu diesen Fragen auszutauschen. Wie bin ich eine gute Mutter? Wie kann ich ein guter Vater sein? Kindererziehung wird einem ja nicht in die Wiege gelegt. Deshalb muss schon in den Schulen unterrichtet werden, was die Rechte der Kinder sind. Nur so können sie als Erwachsene dann gute Eltern sein. Ich habe viele Schüler erlebt, die gar nicht wussten, dass sie nicht geschlagen werden dürfen.

"Krone": Organisieren sich eigentlich viele Kinder Hilfe?
Pinterits: Für Kinder ist das schwer, denn sie lieben in der Regel ja ihre Eltern und wollen ihnen nichts antun. Sie holen sich oft Hilfe von Gleichaltrigen. Gerade im Kindergarten und in der Schule müssen die Pädagogen deshalb sehr genau hinschauen. Denn gerade die ruhigen, die leisen Kinder bleiben oft auf der Strecke.

"Krone": Was denken Sie sich, wenn Prominente wie Felix Baumgartner oder Arnold Schwarzenegger in Interviews erklären, ihnen hätte die eine oder andere Watsche auch nicht geschadet?
Pinterits: Dass das schlimm und entbehrlich ist. Eigentlich sollten gerade Leute, die eine solche Vorbildwirkung haben – ob zu Recht oder zu Unrecht, sei dahingestellt – das Gegenteil sagen. Nämlich: Wir wollen eine gewaltfreie Erziehung, weil wir selber Gewalt erlebt haben. Das wäre vorbildlich.

"Krone": Frau Pinterits, Sie machen diesen Job seit 15 Jahren. Was wird Kindern alles angetan?
Pinterits: Das Schlimmste, was ich erlebt habe, war ein sexueller Missbrauch eines drei Monate alten Kindes. Es hat überlebt, aber an den Folgen wird es sein Leben lang leiden. Ich hatte auch ein Schütteltrauma, wo ein Kind erblindet ist. Die Familie hatte schon drei Kinder vorher misshandelt. Bei Gericht konnte man es ihnen nicht nachweisen.

"Krone": Sind sie davongekommen?
Pinterits: Nein, sie sind nicht davongekommen. Sie wollten das Kind wiederhaben, und wir haben gesagt: "Sicher nicht!" Sie haben es dann nicht weiter verfolgt, denn wenn sie zu Gericht gegangen wären, hätten sie wenig Chancen gehabt.

"Krone": Wären Sie gern Politikerin?
Pinterits: Ich bin sehr zufrieden mit meiner Arbeit. Ich würde es aber begrüßen, wenn es einen Kinderrechtsausschuss gäbe. Denn Kinder sind die Schwächsten unserer Gesellschaft und brauchen deshalb eine ganz starke Lobby. Das müsste jemand sein, der wirklich kämpfen und sich starkmachen kann.

"Krone": Das können Sie doch...
Pinterits: Sagen wir so: Wäre ich jünger, dann würde ich es gerne machen.

"Krone": Werden Sie auch oft angefeindet?
Pinterits: Oh ja. Letztens hab' ich mit einem Herrn gesprochen, der meinte: "Schauen Sie sich doch die Kinder von heute an! Die sind unhöflich und grüßen nicht. Und die Jugendlichen sind überhaupt das Allerletzte. Alle sind im Gefängnis. Und Leute wie Sie sollten eigentlich gar nicht existieren, weil Sie kümmern sich doch nur darum, dass diese Kinder noch wahnsinniger und frecher werden." Das macht mich immer sehr traurig. Weil Kinder immer Seismographen der Gesellschaft sind.

"Krone": Was soll man am Ende Ihrer Laufbahn über Sie sagen?
Pinterits: Sie hat Tag für Tag ihren Beitrag dazu geleistet, dass es Kindern in Österreich ein bisschen besser geht.

Zur Person

Sozialarbeiterin und Mediatorin, geboren am 29. August 1953. Kinder- und Jugendanwältin seit 1999. Ihr Vertrag wurde gerade wieder um fünf Jahre verlängert. Monika Pinterits hat einen Sohn (heute 37) und eine Ziehtochter (34). "Sie ist mir irgendwie zugewachsen", sagt die 61- Jährige über ihr zweites Kind. "Als ich noch beim Jugendamt tätig war, hat sie beschlossen, dass sie bei mir bleiben möchte. Und sie hat es durchgesetzt."

22.11.2014, 16:45
Conny Bischofberger, Kronen Zeitung/red
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