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10.12.2016 - 01:07
Elia Gerges ist aus Aleppo geflohen: "Ich habe meine Heimat verloren."
Foto: ASSOCIATED PRESS, Gerhard Bartel

Warum kämpfen Sie nicht für Ihr Land, Herr Gerges?

08.10.2016, 17:13

Während die syrische Metropole Aleppo gnadenlos zerbombt wird und rund 250.000 Menschen dort eingekesselt sind, diskutieren wir in Österreich, ob Flüchtlinge gratis, für 2,50 oder für fünf Euro pro Stunde arbeiten sollten. Elia Gerges (34) kennt beide Seiten. Mit Conny Bischofberger spricht der Syrer über die Mindestsicherung, Vorurteile und seine Heimatstadt Aleppo.

Eine 25- Quadratmeter- Wohnung in Wien- Simmering. Vom Wohn- und Schlafzimmer sieht man auf das gegenüberliegende Einkaufszentrum, auf dem Fensterbrett stehen Grünpflanzen von zwei Frauen, die Elia geholfen haben, in Österreich Fuß zu fassen: die Bad Fischauerin Maria Marginter und Christine Okresek, die Leiterin eines Wohnhauses für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge, das der Arbeiter- Samariter- Bund in Wien- Ottakring betreibt. Dort arbeitet Elia Gerges seit letztem Dezember als Koch.

"Simmeringer Hauptstraße erinnert an Aleppo"

Für unser Interview, das wir auf Englisch führen, hat er löslichen Kaffee in bunten Häferln zubereitet und schenkt Wasser aus einem Krug mit Zitronenscheiben und Minze in Gläser. "Der Blick hinunter auf die Simmeringer Hauptstraße erinnert mich an meinen Balkon in Aleppo", sagt Elia und holt tief Luft. "Dort habe ich immer meinen Kaffee getrunken. Ich konnte den Regen riechen. Und darunter mischte sich der Duft des frischen Fladenbrotes."

Das Aleppo seiner Erinnerungen existiert nicht mehr. "Ärger als in einem Schlachthaus" nannte UNO- General Ban Ki Moon die Lage in der zerbombten syrischen Stadt.   Sogar Krankenhäuser sind mittlerweile Zielscheibe der syrischen und russischen Luftwaffe, 400 Menschen kamen allein in den vergangenen Wochen ums Leben.

Foto: APA/AFP/Karam Al-Masri

"Krone": Wie geht es Ihnen, wenn Sie die Bilder aus Aleppo sehen?
Elia Gerges: Sie machen mich unendlich traurig. Manchmal weine ich. Es ist kein schönes Gefühl, selbst in Sicherheit zu sein und zu wissen, dass Freunde von dir sterben, dass dein Volk umkommt. Es klingt vielleicht komisch, aber ich versuche, den Fernseher gar nicht einzuschalten. Ich kann einfach keine Nachrichten sehen. Ich muss nach vorne schauen.

"Krone": Haben Sie noch Kontakt zu Menschen in Aleppo?
Gerges: Meine Geschwister haben die Stadt verlassen und leben nun an der Westküste, sie werden irgendwann auch nach Europa fliehen müssen. Ich habe viele Freunde verloren, manche sind bei den Bombardierungen umgekommen, andere in der Armee. Einige leben noch immer in Aleppo und ganz selten, wenn es eine Internetverbindung gibt, schreiben sie mir, dass alles zerstört ist. Es gibt kein Licht, keinen Strom und kein Wasser, Jobs sowieso schon lange nicht mehr. Wer noch dort ist, muss mit dem Tod rechnen.

Foto: Associated Press

"Krone": Sie sagen, dass Freunde von Ihnen in der Armee ums Leben gekommen sind. Viele Menschen in Österreich können nicht verstehen, warum massenweise junge Männer Syrien verlassen haben, statt das Land zu verteidigen. Darf man Sie das fragen, warum Sie nicht für Ihr Land kämpfen?
Gerges: Ich bin froh, dass Sie mich das fragen und antworte gerne darauf. Es ist ja nicht so, dass es in Syrien EINE Armee gäbe, die gegen EINEN Feind kämpft. Es kämpft jeder gegen jeden. Assads Truppen, die Rebellen, islamistische Gruppierungen wie Al- Nusra und der IS. Und dann mischen sich noch internationale Mächte ein. Ich habe in Syrien meinen Militärdienst abgeleistet. Wenn ich also in die Armee gegangen wäre, dann hätte ich Freunde und Mitbürger, die vielleicht in andern Gruppierungen kämpfen, töten müssen. Wen hätte ich getötet und vor allem wofür? Am Ende wäre ich natürlich auch selber getötet worden.

"Krone": Was müsste Ihrer Meinung nach in Syrien geschehen?
Gerges: Zunächst müsste man die Religion einmal außer Acht lassen. Dann sollten sich die Großen an einen Tisch setzen und sich fragen, auf welche Art und Weise sie das syrische Volk eigentlich repräsentieren. Die Leute wollen doch nur Sicherheit, ein ganz normales Leben führen! Durch diesen Krieg raubt man einem ganzen Volk und seinen Kindern die Zukunft.

"Krone": Wenn morgen in Syrien Frieden wäre, würden Sie dann zurückgehen?
Gerges: Sofort. Wenn ich wieder sicher wäre, sofort. Sehen Sie die Pflanze dort am Fenster? Es ist leicht, sie vertrocknen zu lassen, aber es ist schwer, sie zum Blühen zu bringen. Ich bete jeden Tag zu Gott, dass Syrien irgendwann wieder aufblüht. Dann würde ich mithelfen, mein Land aufzubauen. Aber ich fürchte, dieses Szenario ist ziemlich unwahrscheinlich.

Sollte wieder Frieden in Syrien herrschen, möchte Gerges zurück.
Foto: Gerhard Bartel

"Krone": Wie ist Ihre Flucht nach Europa verlaufen?
Gerges: Ich bin letzten Juni, zusammen mit 20 anderen Männern, in einem Eiscreme- Lieferwagen nach Österreich gekommen. Nach der Bootsfahrt von der Türkei nach Griechenland sind wir die Strecke bis nach Mazedonien auf den Bahngleisen zu Fuß marschiert. Dann wurden wir geschleppt, die Fahrt hat 1300 Euro gekostet.

"Krone": Stimmen Sie mir zu, dass da ein Verbrecher sehr viel Geld verdient hat?
Gerges: Er war ein Verbrecher und wir waren Illegale, aber das war der einzige Weg, der uns blieb.

"Krone": Ihr erster Eindruck von Österreich?
Gerges: Wir wurden mitten auf einer menschenleeren Straße ausgesetzt und gleich von Polizisten festgenommen. Ich habe mich nur verloren gefühlt. Ich erinnere mich noch an das Gesicht des Beamten, der mich abgeführt hat. Er war nervös, aber er war auch nett. Dann kamen wir nach Traiskirchen und später nach Wiener Neustadt, in die Arena Nova. Ich hatte ein Riesenglück, denn ich durfte gemeinsam mit zehn anderen Asylwerbern schon bald nach Bad Fischau übersiedeln, wo sich Maria Marginter um uns gekümmert hat. Wir haben in der ehemaligen Polizeistation gewohnt, dort war es richtig gemütlich und ich hatte zum ersten Mal, seit ich Aleppo verlassen hatte, wieder das Gefühl, eine Familie zu haben. Manchmal haben wir auch für die Einheimischen gekocht.

"Krone": Haben Sie die Debatte über Jobs für Flüchtlinge verfolgt?
Gerges: Absolut. Ich stimme dem vollkommen zu, dass Asylwerber der Gesellschaft auch etwas zurückgeben sollten. Ich habe in Bad Fischau als Straßenkehrer gearbeitet, dafür haben wir sogar 100 Euro pro Monat extra bekommen. Ich hätte es aber auch gratis gemacht. Wenn wir uns in die Gesellschaft integrieren wollen, dann müssen wir auch mit den Leuten zusammenkommen, ihre Sprache lernen, verstehen, wie sie denken. Solche kleine Jobs sind dafür eine gute Möglichkeit.

"Krone": Finden Sie fünf Euro pro Stunde, oder auch die Hälfte, als Vergütung angemessen?
Gerges: Wieso, wir bekommen doch ohnehin schon Taschengeld. Also kann man dafür doch ein, zwei Stunden pro Tag irgendwo aushelfen. Da, wo man halt gebraucht wird.

"Krone": Fühlen Sie sich mittlerweile als Teil der Gesellschaft?
Gerges: Das ist eine schwierige Frage. Ich bekam ja schon nach zwei Monaten meinen positiven Asylbescheid. Dann habe ich Mindestsicherung bezogen, aber nur einen Monat lang. Darauf bin ich sehr stolz. Seit zehn Monaten arbeite ich in Wien als Koch (klopft sich auf den Bauch). Man sieht es mir an, nicht wahr (lacht)? Nebenbei studiere ich an der FH in Krems, Tourismus und Management. Aber egal was ich mache, ich bleibe ein Flüchtling …

"Krone": Woran merken Sie das?
Gerges: Immer wenn ich sage, dass ich aus Syrien komme, höre ich: "Oh, du bist Flüchtling! Das tut mir so leid für dich. Brauchst du Hilfe?" Das ist bestimmt total nett gemeint, aber es ist schwer, immer dieses Mitleid zu spüren. Man fühlt sich dann wie ein Fremder. Ich möchte mich aber wie ein Bürger dieses Landes fühlen. Ich möchte, dass ich ganz normal behandelt werde. So wie alle anderen, die hier arbeiten und Steuern zahlen.

Gerges im Gespräch mit "Krone"-Reporterin Conny Bischofberger
Foto: Gerhard Bartel

"Krone": Ist Österreich Ihr Zuhause?
Gerges: Ich habe hier Menschen, die für mich wie eine Familie sind. Aber mein Zuhause war Aleppo.

"Krone": Was ist Österreich für Sie?
Gerges: Österreich ist der Ort, an dem ich lebe und arbeite.

"Krone": Heißt es, dass Syrien nach wie vor Ihre Heimat ist?
Gerges: Ich habe keine Heimat mehr. Ich habe meine Heimat verloren.

"Krone": Haben Sie noch manchmal Heimweh?
Gerges: Nicht manchmal. Sondern immer. Jeden Tag.

Elia Gerges' Geschichte

Geboren am 24. Oktober 1981 in Aleppo, Syrien. Elia ist Englischlehrer und hatte in seiner Heimatstadt ein kleines Sprachinstitut. Ende 2013, nach den ersten massiven Zerstörungen durch den Bürgerkrieg, flüchtete er in die Türkei, im Juni 2015 kam er im Zuge der großen Flüchtlingsbewegung nach Österreich. Seine Eltern sind schon gestorben, er hat drei Geschwister. Eine Schwester und ein Bruder mussten aus Aleppo in die Stadt Tartus flüchten, ein Bruder lebt auch in Wien.

08.10.2016, 17:13
Conny Bischofberger, Kronen Zeitung/red
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