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23.07.2017 - 04:11
Foto: Andi Schiel

"Pizzeria"- Nachbar: "Der Hof war lebensgefährlich"

02.08.2014, 15:56
Mit Wasserwerfern, Panzerwagen, einem Hubschrauber und der Sondereinheit WEGA räumten weit mehr als 1.000 Polizisten am vergangenen Montag ein von 19 Jugendlichen besetztes Haus in Wien-Leopoldstadt. Herr Marschall war der Nachbar der dort lebenden Punks. Im Interview mit Conny Bischofberger erzählt der 80-Jährige, was er in den letzten zweieinhalb Jahren erlebt hat.

Nach der Straßenschlacht zwischen Polizisten und Besetzern ist in der Wiener Mühlfeldgasse hinter dem Praterstern wieder Ruhe eingekehrt. Der ärgste Dreck ist weggeräumt, die verschmierte Fassade abgewaschen. Security- Guards mit finsteren Mienen bewachen das Eingangstor. Noch immer kommen Schaulustige vorbei, die das Haus mit der Nummer 12 mit eigenen Augen sehen wollen. Es werden Selfies gemacht, wie vor einer Sehenswürdigkeit. Und dann trinkt man im Gasthaus "Wenia", beim Wirten Nasko, gegenüber eine Melange.

Im angebauten grauen Wohnblock neben der "Pizzeria Anarchia", wie das Punk- Haus genannt wurde, wohnen Johann und Hermine Marschall, seit 34 Jahren. Man konnte Herrn Marschall auf einem Bild des Polizeieinsatzes sehen (siehe oben). Es zeigt die Punks im obersten Stock, sie schütten Farbe aus weißen Kübeln hinunter auf die Polizei. Am Fenster daneben, nicht einmal drei Meter entfernt, verfolgt der Nachbar die Räumung.

Herr Marschall hat jeden Tag der zweieinhalbjährigen Besetzung hautnah miterlebt. Und viel zu erzählen...

Audio- Ausschnitte vom Interview mit dem Ehepaar Marschall: Clip 1 , Clip 2 

"Krone": Herr Marschall, wann hat das alles begonnen?
Johann Marschall: Das war zu Silvester 2011, um vier Uhr nachmittags. Da sind unten am Eck plötzlich 15 Jugendliche gestanden mit Hunden. Die haben aber relativ normal ausgeschaut, das waren keine Punks. Ich bin runtergegangen und hab' sie gefragt, was sie da wollen. "Wir gehen in dieses Haus rein, weil die Parteien nicht rauswollen", haben sie gesagt. Na seawas, hab' ich gedacht. Ab da haben sie neben uns gewohnt, sie hatten die Erlaubnis von den Hausbesitzern, für ein halbes Jahr. Bis 1. Mai war es noch recht ruhig.

"Krone": Was ist dann passiert?
Johann Marschall: Da fingen die Partys an. Jeden Sonntag, mitten auf der Gasse, laute Musik bis 23 Uhr. Auf einem Traktor mit Anhänger hatten sie die Band und die Lautsprecher. Sie haben getanzt und waren furchtbar angesoffen. Zehn Kisten Bier haben sie heimgeführt jeden Sonntag. Manchmal haben sie sogar die Straße abgesperrt. Damals haben nur noch drei Parteien in dem Haus gewohnt.

"Krone": Hatten die Jugendlichen einen Vertrag?
Johann Marschall: Soviel ich weiß nein. Nur ein mündliches Abkommen. Anfangs haben sie den Mietern noch alles zu Fleiß g'macht…

"Krone": Was zum Beispiel?
Johann Marschall: Sie haben alles angeschmiert.
Hermine Marschall ergreift das Wort: Das erste Jahr war es nicht so arg. Aber dann haben sie den Mietern, wenn ich das sagen darf, vor die Tür geschissen und hingepischt. Es hat auch keinen Putzdienst mehr gegeben. Oder Postfächer. Die haben sie alle herausgerissen und alles zusammengehaut. Schreckliche Zustände waren das.

"Krone": Woher wissen Sie das alles?
Johann Marschall: Wir kennen alle drei Parteien. Eine war Penny- Kassierin, mit vier Kindern. Sie ist freiwillig gegangen. "Ich lass' mir nicht alles gefallen", hat sie gesagt. Die andere, die Frau P., wollte 100.000 Euro dafür, dass sie geht. Die Hausbesitzer wollten ihr aber nur 30.000 geben. Wir wissen nicht, wie viel sie letztendlich bekommen hat. Jedenfalls eine Ersatzwohnung. Und von der dritten Partei heißt es, dass sie wieder einziehen will.

"Krone": Die "Pizzeria Anarchia" im Erdgeschoss war in der alternativen Szene Kult, dort fanden doch auch viele originelle Events statt.
Johann Marschall: Pizzeria Anarchia… Die haben den Ofen auch im Hochsommer angeworfen. Das hat gestunken, man konnte überhaupt nicht lüften im Haus. Die Augen haben gebrannt wie nur was. Wir können ja auch in den Innenhof schauen von unserer Wohnung. Da war der ganze Dreck.

"Krone": Welcher Dreck?
Johann Marschall: Möbel, Holz, Räder. Schiach. In der Früh war immer mehr da als in der Nacht davor. Woher das gekommen ist, kann man sich denken. Der Hof war lebensgefährlich, der ist immer mehr eingebrochen. Da hat sich keiner mehr rausgetraut.

"Krone": Wann sind die Punks gekommen?
Johann Marschall: Das hat ständig gewechselt. Es sind immer neue Jugendliche gekommen, die meisten waren Deutsche. Irgendwann sind dann die Punks dagewesen, mit so großen Hunden, sicher fünf, und gefärbten Haaren. Zuerst waren es lauter Männer, dann sind die Weiber dazugekommen. Die haben herumgeschrien, da war ans Schlafen nicht mehr zu denken. Und dreckig waren sie.

"Krone": Aber vielleicht waren sie nett?
Johann Marschall: Uns gegenüber waren sie nicht unhöflich. Aber wir haben uns ehrlich gesagt gefürchtet vor denen. Die Hunde haben sie ohne Beißkorb und Leine herumliegen lassen. Die Liegestühle haben sie unten mitten auf die Straße gestellt. Andere Leute müssen Parkgebühren zahlen, und die haben ihre Schanigärten da aufgestellt. Am Freitag haben sie angefangen und am Montag in der Früh sind sie noch immer dagelegen.

"Krone": Haben Sie nicht die Polizei gerufen?
Johann Marschall: Ach!
Hermine Marschall: Das kann man gar nicht zählen, wie oft wir die Polizei gerufen haben. Sie sind auch jedes Mal gekommen. "Uns sind die Hände gebunden", haben sie gesagt. Ich hab auch den Bezirksvorsteher gefragt: Wie lang no? Er meinte: Haben Sie Geduld, spätestens am 15. August ist alles vorbei.

"Krone": Stimmt es, dass die Punks sich am Schluss mit den Mietern zusammengeschlossen und diese sogar vor den Schikanen der Hausbesitzer beschützt haben?
Johann Marschall: Das haben wir nicht mitgekriegt. Was in der Nacht passiert ist, wissen wir nicht. Fensteraufmachen vor vier Uhr in der Früh war nicht möglich. Wir haben uns deshalb dreifach verglaste Fenster angeschafft, damit wir eine Ruhe haben. Das hat 10.000 Euro gekostet.

"Krone": Was ist in den letzten Wochen passiert?
Johann Marschall: Wir haben mitgekriegt, dass sie begonnen haben, die Türen und alles zu vernageln. Das hat um sechs in der Früh angefangen, die Hämmerei. Die Polizei hat das aber eh gewusst.

"Krone": Wie haben Sie den Großeinsatz am Montag erlebt? War das nicht etwas übertrieben, dass 1.000 Polizisten gegen 19 Punks vorgehen?
Johann Marschall: Die Polizei hat um vier in der Früh die Absperrgitter hergerichtet, die haben's ihnen gleich gestohlen, die Punks. (lacht) Aber insgesamt haben sie mir leid getan, die Polizisten. Die haben doch diese Farbkübel runtergeschüttet. Das ist über ihre Jacken geronnen. Mit faulen Eiern haben sie sie beschossen, ganze Packerln haben sie runtergehaut. Das hat gestunken! Was der Penny weggehaut hätte, haben sie immer geholt, und alles da runtergehaut. Dann hat einer sogar noch runtergepischt. Das ist doch eine Frechheit.

"Krone": Waren es zu viele Polizisten?
Johann Marschall: Nein, es waren nicht zu viele. Wenn der Putin kommt auf drei Stunden, dann stehen auch 2.000 bereit. Was glauben Sie, was das kostet! Und jetzt regen sich alle auf, dass diese Räumung so viel gekostet hat. Sollen halt die Besitzer mitzahlen. Hätten sie diese Leute nicht reingenommen…

"Krone": Worüber ärgern Sie sich eigentlich am meisten?
Johann Marschall: Das kann ich Ihnen sagen: Dass die da drüben im Recht waren und wir sind die Depperten. Wir haben unsere Wohnung mühsam zusammengespart, und dann müssen wir den Fernseher auf volle Lautstärke stellen, dass wir bei der lauten Musik überhaupt noch was hören. Die dürfen sich alles erlauben und unsereins darf nach zehn am Abend nicht einmal mehr einen Nagel einschlagen.

"Krone": Wer ist schuld daran, dass es so weit gekommen ist?
Johann Marschall: Der Staat. Er hätte das alles gar nicht zulassen dürfen. Zweieinhalb Jahre lang. Und dieses Haus ist kein Einzelfall.

02.08.2014, 15:56
Conny Bischofberger, Kronen Zeitung
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