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08.12.2016 - 10:34
Foto: Martina Prewein, Interpol

Freunde: "Wir werden sie nie mehr wiedersehen"

28.11.2015, 20:06
Im April 2014 setzten sich zwei Mädchen aus Wien nach Syrien ab. Um "Gotteskriegerinnen" zu werden. In der "Krone" sprechen jetzt Freunde der Vermissten: "Samra und Sabina sehnen sich nach uns - und ihren Familien."

Eine Gemeindebausiedlung in Wien- Favoriten. Gangfluten, unzählige Türen. Dazwischen Treppen, die zu Aufzügen führen. Hier, in diesem Haus, haben Samra K. und Sabina S. mit ihren Familien gewohnt. Viele Jahre hindurch. Von Kindheit an. Brav, freundlich, hilfsbereit - erzählen Nachbarn - seien die Mädchen gewesen, immer. Und völlig unauffällig. Bis zum 10. April 2014. Bis zu dem Tag, an dem sie ihre Flucht antraten. In eine fremde, absurde Welt.

"Wir werden ab jetzt Allah dienen"

Am Morgen hatten sich Samra und Sabina - ohne aufgeregt, ohne anders als sonst zu wirken - von ihren Müttern mit Küsschen verabschiedet. Samra gab vor, bei zwei Firmen Vorstellungsgespräche als Bürokraft zu haben; Sabina berichtete von einem Lernkurs, den sie nach der Schule besuchen wolle. Spätestens um 17 Uhr hätten die zwei Teenager daheim sein sollen. Es wurde 18 Uhr, 19 Uhr. Die Handys der Mädchen: abgeschaltet. Durchsuchungen ihrer Zimmer. Schnell fanden ihre Eltern Abschiedsbriefe: "Sucht nicht nach uns. Wir werden ab jetzt Allah dienen."

48 Stunden später vermeldeten Samra und Sabina, damals 16 und 15, auf ihren Facebook- Seiten: "Unsere Träume sind wahr geworden." Sie seien in Syrien angekommen, wären nun Gotteskämpferinnen und hätten bereits "tapfere Krieger" geheiratet. Später schrieben die Mädchen SMS an ihre Angehörigen: "Sorgt Euch nicht um uns." Und sie versuchten, Freundinnen aus Österreich dazu zu überreden, ihnen in den Dschihad zu folgen: "Hier werdet Ihr, wie wir, Euer Glück finden."

Samra und Sabina: Ihre Geschichte sorgt europaweit für Schlagzeilen, seit ihrem Verschwinden. Und laufend gibt es dazu neue Details: Die Ehemänner der beiden wären in Schlachten gestorben, die Freundinnen in der Folge in einem Frauenhaus untergebracht, wo sie anderen Kriegern sexuell zur Verfügung stehen müssten. Samra habe ein Kind geboren - und mehrfach wurde kolportiert, dass sie bei einem Fluchtversuch umgebracht worden sei. Wie kürzlich wieder.

"Wir glauben nicht, dass Samra tot ist"

Vergangener Donnerstag: Eine Gruppe Burschen und Mädchen zwischen 15 und 18, die alle behaupten, mit Samra, Sabina und deren Familien in Verbindung zu stehen, sitzen in einem kleinen Lokal in der Nähe des Wiener Hauptbahnhofs zusammen. Und sie sagen: "Wir glauben nicht, dass Samra tot ist."

Angebliche Hinrichtungen an ihr würden "mit viel Aufwand inszeniert"; Meldungen darüber "bewusst lanciert, von Personen, unter deren Gewalt sie steht." Samra sei "weniger gutmütig" als Sabina, "sie schafft es manchmal nicht, still Demütigungen zu erdulden." Ihre mutmaßliche Ermordung - "auch diesmal wahrscheinlich eine perfide Bestrafungsaktion. Denn immer, wenn über ihren Tod berichtet wird, darf sie danach wochenlang nicht ihre Eltern kontaktieren."

"Sie lieben ihre Eltern noch immer"

Vater und Mutter in Ungewissheit über ihr Schicksal zu wissen, bedeute "großes Leid" für die Untergetauchte. Psychische Schmerzen, "die ihr Ich endgültig brechen sollen." Obwohl Samra und Sabina dazu bereit waren, ihre Familien für immer zu verlassen, "empfinden sie trotzdem Liebe für sie. Gefühle lassen sich halt nicht einfach abschalten."

Woher die ehemaligen Freunde der Vermissten diese Informationen haben wollen? Angeblich von den zwei Mädchen selbst: "Sie lassen uns regelmäßig Nachrichten zukommen." Was wissen die Jugendlichen, die mit Samra und Sabina aufgewachsen, in die Schule gegangen sind, sonst noch über deren Leben jetzt? "Sie sind weiterhin beste Freundinnen. Geben einander Halt und Kraft, in ihrem grauenhaften Alltag."

Bereuen die beiden also mittlerweile ihre Entscheidung, in den Dschihad gezogen zu sein? "Das würden sie nie zugeben." Sabina noch weniger als Samra. Die Jüngere gelte in Syrien als "angepasst." Ein Verhalten, für das sie vor einigen Monaten sogar belohnt worden wäre. Gerüchten zufolge, hätte sie im Frühjahr - eskortiert von einer schwer bewaffneten Bewachertruppe - im türkischen Grenzgebiet einen ihr nahestehenden Menschen aus ihrer alten Heimat treffen dürfen.

Samras Eltern wohnen noch immer in dem Gemeindebau in Wien- Favoriten. Sie verlassen ihre Wohnung nur noch, wenn sie zur Arbeit gehen oder Einkäufe machen. Auf Fragen nach ihrer Tochter reagieren sie nicht mit Worten, bloß mit Tränen. Sabinas Familie ist im vergangenem Sommer aus dem Haus ausgezogen. Weil die Erinnerungen an ihr verlorenes Kind hier ständig da waren. Egal, wohin sie sahen.

28.11.2015, 20:06
Martina Prewein, Kronen Zeitung/red
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